Berlin als Großstadtdschungel erfahren – Jay Daniel

Mit urbanen Beats, die ausgesprochen funky daherkommen, möchten wir ins Musikjahr 2017 starten. Ja, das Album von Jay Daniel ist zwar schon im November des vergangenen Jahres erschienen, aber irgendwie wollte Broken Knowz nicht so recht in die adventliche Stimmung passen. Nun aber, wo sich der Alltag wieder eingestellt hat, fällt mir momentan kaum eine bessere Platte ein, die man auf den Kopfhörern haben könnte, während man durch eine Stadt wie Berlin spaziert. Broken Knows imponiert mit einem spannenden wie beiläufigen Groove, der die Stadt in einen Dschungel verwandelt. Die Rhythmen des Werks haben Seele, die Beats werden von akustischer Percussion gestützt, dazu experimentiert Daniel noch mit jeder Menge Keyboards und Synthies, beweist ein Händchen für Samples. Dieses Debüt versprüht exotisches Flair, das oft so gar nicht zur gängigen Vorstellung vom Ghetto-Biotop Detroit passen will.

Photo Credit: Devin Williams

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Unsere Lieblingsplatten 2016

Was für den Rückblick auf das Jahr 2015 gegolten hat, ist leider auch 2016 aktuell. Daher nochmals letztjährige – nur hinsichtlich der Jahreszahlen aktualisierte – Betrachtungen…

Lorem ipsum dolor sit amet, consectetur, adipisci velit… Moment, der Platzhaltertext ist natürlich ein Scherz. Sogar zwischen den Feiertagen fällt mir ein Gedanke zum Musikjahr 2016 ein. Ich meine nämlich, dass Musik zwar nach wie vor eine große Rolle spielt, sie zugleich weniger wahrgenommen wird. Wir hören Musik, aber wie viele Lieder könnten wir zumindest im Refrain tatsächlich mitsingen? Wären wir tatsächlich noch in der Lage, die Intention unseres liebsten Albums des Jahres in wenigen Sätzen zusammenzufassen? Ist es nicht fast erschütternd, dass die Texte, die sich den meisten Menschen einprägen, ausgerechnet aus schlimmen Genres stammen oder problematische Weltanschauungen verfechten? Zeilen aus Schlagern gehören zum Allgemeingut, auch die Protagonisten des Deutschrap haben genug Hörer, die an ihren Lippen hängen, selbst die Texte der völlig unsäglichen Frei.Wild finden willige Abnehmer. Wie aber sieht es mit den Heroen des Indie-Genres und den Kritikerdarlingen aus? Wer könnte Thees Uhlmann, Sufjan Stevens oder Julia Holter aus dem Effeff zitieren? Wir erleben eine Wahrnehmungskrise jener Musik, die für sich in Anspruch nimmt, wertvoll zu sein. Woran liegt das? Ich will es kurz machen, die Schuld teilen sich Künstler, Musikkritik und Hörer zu gleichen Teilen. Wenn Bands und Musiker soziale Netzwerke mit jeder Menge Fotos bespaßen oder mit allerlei Veranstaltungshinweise vollpropfen, dabei aber komplett vergessen, ihre Lyrics und/oder Gitarrentabulaturen zu verbreiten, dann dürfen sie sich eigentlich nicht wundern, wenn Hörer vielleicht lustige Schnappschüsse eher in Erinnerung behalten als die Inhalte der letzten Platte. Die Musikkritik wiederum wird sich mit Klickstrecken und der Ausrichtung auf Tablet und Smartphone zu Tode layouten. Dazu kommt noch die Facebook-Hörigkeit, die eine Platte mit wenigen knackigen Worten teasert. Rezensionen geraten oberflächlich, weil der Transport der eigenen Meinung über dem Verständnis einer Platte steht. Und dann wäre da noch der Hörer, dem Musik oftmals so wichtig ist, dass er sie gar nicht mehr käuflich erwerben muss. Nichts spricht gegen Streaming als Ergänzung zur CD-Sammlung. Ein Stream kann jedoch nie den Besitz einer Platte ersetzen, ihm fehlt jedwedes haptische Erlebnis, ihm fehlt der zeitliche Aufwand – ja generell der zielgerichtet Akt des Kaufs. Wir sehen also, die Krise ist umfassend! Und wird bestenfalls dort überwunden, wo die Musik Botschaften und Lebensgefühl mittransportiert. Das tut der Schlager, das tut leider auch Bushido. Wo also bleibt das Indie-Lebensgefühl? 2016 hat es trotz vieler toller Alben gefehlt. Doch genug geredet, hier nun unsere liebsten Platten!

1. Tricky – Skilled Mechanics

Neukölln erwächst zum Sehnsuchtsort für die, die Konformität im großen, hippen Chaos anstreben. In solch Getümmel scheint Tricky tatsächlich nur die Rolle des Betrachters zu bleiben. Auf gewisse Weise ist ihm diese Position nicht fremd. Denn auch sein musikalisches Schaffen blickt von außen auf Business und Szene, freilich mit der Gelassenheit und Weisheit eines Typen, der sich und anderen nicht mehr viel beweisen muss oder sogar möchte. (Review) VÖ: 22.01.2016 (False Idols)

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Unsere Lieblingslieder 2016

Nach einer kleinen gesundheitlichen Zwangspause geht es jetzt munter weiter…

Musik ist für die Ewigkeit gemacht. Sie läuft nicht davon. Gerade im Zeitalter digitaler Verfügbarkeit nicht. Es muss wohl diese Erkenntnis gewesen sein, die mich 2016 dazu veranlasst hat, viele – sehr viele – Platten bewusst nicht zu hören. Ich habe noch in keinem Jahr meines Bloggerdaseins mir aus verschiedensten Gründen so viele Alben geliebter Künstler aufgespart. Etwa das Vermächtnis Leonard Cohens, die Trauerbewältigung Nick Caves, und viele mehr. Paul Simons diesjährige Scheibe werde ich erst 2017 so richtig hören, auch The Divine Comedy muss noch warten. Und ob ich je tiefer ins jüngste Werk Radioheads eintauche, wird die Zeit zeigen. Und diese neu gewonnene Seelenruhe soll sich 2017 auch stärker auf dem Blog äußern. Eine Platte verliert nicht an Relevanz, nur weil sie bereits den einen oder anderen Monat oder sogar Jahr am Buckel hat. Natürlich ist mir bewusst, dass sich Promotionfirmen und Labels geballte Berichterstattung ums Datum der Veröffentlichtung wünschen. Das sollen aber Magazine leisten. Ein Blog ist ein Blog – und kein Einmannmagazin. Da sich die Co-Bloggerin und meine Wenigkeit 2016 intensiv in der Flüchtlingshilfe engagiert haben und dieses Engagement nicht abnehmen wird, wird dieser Blog 2017 noch mehr Hobby sein denn je zuvor. Ein Hobby aber, das wir nicht missen möchten. Und nun genug der Vorrede. Hier sind die Lieder, die uns im letzten Jahr über den Weg gelaufen sind. Die uns erfreut und bewegt haben. Unsere liebsten Lieder halt!

1. James – Nothing But Love (Review)

2. Kevin Morby – I Have Been to the Mountain (Review)

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Der klingende Adventskalender 2016: Türchen 24

Natürlich könnten wir zum Abschluss unseres klingenden Adventskalenders noch einen Indie-Act aufmaschieren lassen, der sich redlich mit Weihnachtsklassikern beschäftigt. Und freilich könnten wir Kleinode präsentieren, die den Geist der Weihnacht einzufangen trachten. Aber gerade in diesem Advent in dieser Stadt Berlin auf diesem aus den Fugen geratenen Planeten braucht es eine Hoffnung, die die Illusion nährt, dass es irgendwann mal schönere Weihnachten gibt. Ein Fest, an dem es keinen Terror, keinen Hass und keine Ungerechtigkeit gibt. Ein Fest eben, an dem sich vernunftbegabte und empathiefähige Erwachsene die Hand reichen. Und weil man sich gerade zu Weihnachten Dinge wünschen darf, wollen wir diesen Adventskalender mit Andra Day und Stevie Wonder beschließen. Das 2015 aufgenommene Duett Someday at Christmas ist auf Days heuer veröffentlichten EP Merry Christmas from Andra Day zu finden. Day steht ganz in der Tradition großer schwarzer Soul- und R&B-Stimmen. Und einen Stevie Wonder muss man ohnehin nicht mehr vorstellen. Das Duett ist stimmlich intensiv, von exakt der Sehnsucht beseelt, die ich bereits angesprochen habe. Zeilen wie „Someday at Christmas we’ll see a land/ With no hungry children, no empty hand/ One happy morning people will share/ A world where people care“ präsentieren die Vision einer gerechteren Welt, sind nie einfach nur naives Heile-Welt-Gedöns. Der klingende Adventskalender 2016: Türchen 24 weiterlesen

Der klingende Adventskalender 2016: Türchen 23

Was für Kanaillen haben sich die vor allem im angelsächsischen Raum übliche Bescherung am Morgen des 25. Dezembers ausgedacht? Dachte denn da niemand an die Eltern, die in aller Frühe von aufgedrehten Kindern geweckt werden? Und dachte nie jemand an die zarten Kinderseelen, die vor lauter Erwartung kaum ein Auge zu bekommen? Da finde ich die deutsche und österreichische Tradition, die das Christkind bereits am Abend des 24.12. antanzen lässt, doch weitaus sympathischer. Diese durchaus grundsätzlichen weihnachtlichen Gedanken gingen mir jedenfalls durch den Kopf, als ich den Song My Christmas Tree (Is Looking At Me) gehört habe. Die Zeilen „It’s Christmas time/ And my head’s in the clouds/ I can’t get to sleep/ I’ve been awake for hours/ My sister’s sleeping/ She’s older than me/ She’s not as excited/ She lost the mystery“ bringen die kindliche Aufregung auf den Punkt, verdeutlichen weiter, dass das Ende kindlicher Unschuld auch der Moment ist, an dem Weihnachten etwas von seiner Magie verliert. Über die Londoner Formation Shy Nature haben wir bereits letztes Jahr im Zusammenhang mit dem Fest der Feste geschrieben. Und auch 2016 lassen sich die Herrschaften nicht lumpen! Der klingende Adventskalender 2016: Türchen 23 weiterlesen

Der klingende Adventskalender 2016: Türchen 22

Gegen ein gut angelegtes Sakrileg spricht rein gar nichts. Um Weihnachten herum ist die Heuchelei ohnehin am größten. Was da alles vorgegaukelt wird, ist schwerlich zu ertragen. Da erscheint die ehrliche Provokation weitaus verdaulicher. Und natürlich ist es eine Provokation, wenn man Jesus aus traditionellen Weihnachtsliedern tilgt, ihn etwa durch das Wort Liebe ersetzt. The Royal Orchestra of Titicaca geht jedoch noch einen Schritt weiter. Das Album Earthling Hymns of Christmas Past gerät zu einer Erlösungsfantasie, in der Außerirdische Erleuchtung bringen. Es ist ein radikales Konzept, welches Religion überwindet, ohne auf die Freudigkeit eines Festes verzichten zu wollen. Zugleich ist dieses Werk durchaus zeitgemäß, weil die Säkularisierung von Weihnachten längst nicht mehr aufzuhalten ist. Marcelo Radulovich, seines Zeichens in Kalifornien lebender chilenischer Künstler, gelingt mit diesem bizarren, subversiven Album sehr wahrhaftiger Trash. Denn all der kitschige Bombast, mit dem Weihnachten überfrachtet wird, hat Weihnachten längst zur Groteske werden lassen, in der der Weihnachtsmann und Grinch zusammen auf einem Coca-Cola-Laster am nächtlichen Firmament herumdüsen, dabei heftig Glühwein bechern.

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Der klingende Adventskalender 2016: Türchen 21

Wir haben uns 2016 mit Coverversionen zu Weihnachtsklassikern zurückgehalten. Weil uns beispielsweise die x-te Version von Jingle Bells meist nicht aus den Socken haut. Das soll aber keineswegs bedeuten, dass nicht auch Neuinterpretationen traditioneller Lieder lohnen. Speziell das Duo Pitch Feather aus Singapur hat ein Händchen dafür. Nun würde man bei der Herkunft weihnachtlicher Klängen wohl nicht unbedingt Singapur am Zettel haben, das Ehepaar Chuan und Alberta hat uns aber bereits in der Vergangenheit immer wieder mit sehr sympathischen Weihnachtsliedern erfreut. Dieses Jahr wagen sie sich an God Rest Ye Merry Gentlemen. Persönlich bin ich kein großer Fan dieses traditionellen englischen Weihnachtslieds. Es zählt aus meiner Sicht zu den abgedroschenen Stücken. Insofern war ich sehr positiv überrascht, was Pitch Feather daraus machen. Sie trimmen God Rest Ye Merry Gentlemen auf stilsicheren Bombast-Pop mit Gothic-Note. Der klingende Adventskalender 2016: Türchen 21 weiterlesen

Der klingende Adventskalender 2016: Türchen 20

Auch 2016 platzt das Musikmagazin The Line of Best Fit vor Stolz: „For the eighth time we put out a challenge to some of our favourite Canadian artists to produce a new holiday track and once again they have not disappointed.“. Die Compilation Ho! Ho! Ho! Canada VIII ist ein Must-have für Fans der Indie-Weihnacht. Längst können und wollen wir uns das Fest nicht ohne kanadische Klänge ausmalen. Ho! Ho! Ho! Canada hat noch jedes Jahr frisches musikalisches Lametta zur Dekoration der weihnachtlichen Tage offeriert. Wobei – so ehrlich muss man sein – man 2016 Glitter und Glanz erst ein wenig suchen muss. Der Sampler kommt zu Beginn eher schwer in die Gänge. Ein erstes Ausrufezeichen setzen Lab Coast aus Calgary, die sich mit dem aufgeweckten Song Yule See an der Schnittstelle zwischen Indie-Pop und Indie-Rock bewegen. Spätestens Sportsfan aus Toronto sorgen mit Sportsfan saves Xmasss für ein absolutes Highlight der Weihnachten 2016. Die Nummer hat eine balladeske Klammer, Anfang und Ende sind völlig vom großartigen Gesang Ali Haberstrohs geprägt, der Mittelteil dagegen kommt rockig-flockig daher, mit eingängigen Harmonien und Springsteen’scher Wucht, wie The Lines of Best Fit richtig feststellt. Auf Bandcamp hat die Formation den Song übrigens It’s Not That Cool to Not Like Christmas getauft. Wie immer er auch heißt, er ist wirklich stark! Diese Band sollte man unbedingt im Augen behalten. In der Folge vermag Andrew’s Pale Horses mit Doctor Christmas zu überzeugen. Ein bisschen Grunge und ein psychedelischer Anstrich sorgen hier für Gefallen. Quiet Parade, aus Halifax kommend, möchte ich auch nicht unerwähnt lassen. Heavy Winter schreit in seiner hemdsärmeligen Pop-Rock-Gemütlichkeit förmlich danach, Playlists geschmacksicherer Radiostationen zu veredeln. Im Gegensatz zu vielen Songs dieses Samplers ist dies auch kein exklusiv für Ho! Ho! Ho! Canada aufgenommer Track, vielmehr haben Quiet Parade Anfang des Monats die hörenswerte, überwiegend folkige EP Christmas Through The Fog veröffentlicht. Der klingende Adventskalender 2016: Türchen 20 weiterlesen

Der klingende Adventskalender 2016: Türchen 19

Das heutige Lied bezieht seine Inspiration aus mehreren Quellen. Da wäre einerseits die Tradition des Wienerlieds unüberhörbar, auch Austropop-Heroen wie Georg Danzer oder Wolfgang Ambros klingen durch, andererseits orientiert sich Blaue Weihnachten auch an verkrachten Singer-Songwriter-Existenzen des Americana. Für letzteres Charakteristikum spricht, dass besagtes Stück auch in einer englischen Fassung namens Drunk Christmas vorliegt. Die Pointe dieses Funds besteht freilich darin, dass ich als Österreicher, der ein Faible für die Abgründe des Wienerlieds habe, auf den Track meiner Landsleute Schneida erst über den weihnachtsbloggenden US-Kollegen Stubby gestolpert bin.

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Der klingende Adventskalender 2016: Türchen 18

Achtziger-Synthie-Nostalgie gepaart mit schönem Indie-Pop-Flair, derart bezaubert You Bring The Snow. Die aus dem britischen Sheffield stammende Band The Crookes ist im Indie-Bereich längst bekannt und hat auch sich schon zuvor mit weihnachtlichen Klängen hervorgetan. You Bring The Snow allerdings ist besonders gelungen. Die Zeilen „All I wanna have/ One more Christmas like when we were young“ fassen die Stimmung dieses Liedes bereits perfekt zusammen. Weihnachten beinhaltet immer auch Erinnerung an frühere Feste, an eine von Vorfreude und Aufregung geprägte Kindheit. Weihnachten ist immer auch der Versuch, die Magie und Seligkeit von einst wiederauferstehen zu lassen. Man wünscht sich quasi eine Zeit zurück, in der Weihnachten noch Weihnachten war. Und vergisst darauf, dass Weihnachten vielleicht deshalb nicht mehr richtig Weihnachten ist, weil einem die unschuldige Glückseligkeit abhandengekommen ist. Der klingende Adventskalender 2016: Türchen 18 weiterlesen