American Songbirds Festival 2015

Letztes Jahr habe ich auf das American Songbirds Festival hingewiesen. Und auch 2015 möchte ich dem werten Leser die Neuauflage jener Konzerte der American Songbirds, die dieses Mal durch 22 europäische Städte führen, sehr ans Herz legen. Schlicht weil mir der Grundgedanke der Tournee so gefällt: Vier Singer-Songwriterinnen stellen ihr Können auf der Bühne unter Beweis – wagen dabei auch den gemeinsamen Auftritt. Diese Tour ist einem gewissen Publikum auf den Leib geschneidert. Sie richtet sich überwiegend an ein geschmacksicheres Bildungsbürgertum, das keine durch die Lande tingelnde Reunion abgehalfterter Bands vom Schlage der Simply Red besucht, zugleich die geistige Frische besitzt, die eigene Kultiviertheit nicht dadurch hervorzuheben, indem es klassische Konzerte der Wiesbadener Philharmoniker mit Anwesenheit beehrt. Auch die diesjährigen American Songbirds adressieren ein Publikum, welches Musik zwar ernst nimmt, sie aber weder als Nostalgieveranstaltung noch als dröge Ausgeburt an Hochkultur begreift.

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Unglück, das sich Leben nennt – SoKo

Wenn mir eine Sängerin die Worte “You wonder why I hit myself?/ I’m trying to kill the worst of me/ To be the best for you/ To be the best for you” in die Kopfhörer flüstert, dann mache ich mir ernsthaft Sorgen. Das meine ich jetzt keineswegs flapsig. Natürlich sehe ich mich in der Lage, den Unterschied zwischen textlicher Fiktion und Realität einzuschätzen. Auch ein Autor, der einen Massenmörder nachts durch die Straßen ziehen lässt, greift letztlich nur zur Feder – und nicht zur Machete oder Knarre. An den Lyrics der Französin SoKo habe ich dennoch zu knabbern. In ihren unglücklichen, bisweilen verzweifelt kämpferischen Texten scheint das Leben immer eine Zehenspitze vom Höllenschlund des Todes entfernt. Vielleicht gehört sich das für ein morbides Riot Grrrl mit Psychobilly-Post-Punk-Attitüde auch so. My Dreams Dictate My Reality steckt mir doch tiefer in der Klemme, als dass man hier von einer himmelhoch jauchzenden, zu Tode betrübten Manie sprechen könnte, wie man sie bei der sensiblen Jugend öfter mal antrifft. Es ist ein fraglos ein fiebriges Dunkel, in das SoKo unseren entsetzt geweiteten Pupillen Einblicke gewährt.

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Schlaglicht 8: Plumes Ensemble

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Vor gut einem Jahr habe ich bereits über die Formation Plumes geschrieben, ihren Indie-Pop mit dem Flair klassischer Musik angepriesen. Dieser Tage nun gilt es die EP Future Loves zu würdigen, bei der die mittlerweile zum Plumes Ensemble angewachsene Gruppe den Pop endgültig von klassischer Ästhetik dominieren lässt. Futures Loves umfasst sämtliche Eigenkompositionen des letzten Jahr erschienen Albums Folk Songs and Future Loves, auf dem auch Stücke eines Béla Bartók zu finden waren. Wer die ohnehin vor allem in deutschsprachigen Landen vorherrschende Unterscheidung von E-Musik und U-Musik seit jeher blödsinnig findet, wird angesichts dieser feinen, kammermusikalisch arrangierten EP einmal mehr den Kopf schütteln. Hier trifft federleichte, französisch inspirierte Klassik auf eleganten, ernsten Pop. Da wäre zum einen Veronica Charnleys Gesang zu betonen, der charmant und souverän und eindringlich erstrahlt. Wie alles an diesem famosen Projekt wirkt auch er einerseits augenzwinkernd gestelzt und zugleich liebenswürdig sprunghaft. Dazu passen die Kompositionen von Geof Holbrooks, deren pittoreske Patina die märchenhafte Magie der EP unterstreicht. All dies wird durch eine zarte, beredte Instrumentierung mit Harfe, Klarinette, Bratsche und Cello noch verstärkt. Die Lyrics wiederum gehen mit einer gehörigen Portion Staunen und Verletzlichkeit durch die Welt. Frappé etwa entzückt mit Zeilen wie “I learned to run barely touching the ground,/ What I would give for this lightness that once abounded./ My sleep is troubled all night, scarcely a breeze blows,/ When I want nothing on me, I need you most!“.  Auch die Texte bewahren sich somit den Crossover-Gedanken, indem sie irdische Sorgen und Nöte mit fantasiehaften Farbtupfern aufhübschen. Schlaglicht 8: Plumes Ensemble weiterlesen

Mit sich im Reinen – Noel Gallagher’s High Flying Birds

Lassen wir die Meriten aus der Vergangenheit einmal völlig außer Acht. Vergessen wir für einen Moment, dass Noel Gallagher mit Oasis eigentlich alles erreicht hat, was man als Musiker nur erträumen kann. Fokussieren wir uns ausschließlich auf das neue Album Chasing Yesterday, welches Gallagher nun mit seinem Projekt Noel Gallagher’s High Flying Birds aufgenommen hat. Ach, ich beliebe zu scherzen! Wie könnte man diese neue Scheibe ohne die glorreiche Vergangenheit auch nur denken. Trotzdem, der genialste Kopf des Britpop muss eigentlich nichts mehr unter Beweis stellen. Denn wer auch immer Zweifel hatte, ob Noel eine Platte ohne die Strahlkraft seines Bruders Liam schultern können würde, wurde bereits beim Debüt 2011 eines Besseren belehrt. Chasing Yesterday steht somit unter keinem besonderen Erfolgsdruck, das Werk muss eigentlich nur seinem härtesten Kritiker gefallen, nämlich Noel Gallagher höchstpersönlich. Denn wenngleich er sich für den größten Songwriter seiner Zeit hält, so ist er andererseits äußerst unerbittlich in der Reflexion des eigenen Schaffens. Im Grunde ist Chasing Yesterday sogar die unter den besten Voraussetzungen entstandene Platte der gesamten Karriere. Denn zu Beginn von Oasis strebte er in den Musikolymp, danach galt es den Platz auf dem Thron zu verteidigen. Und das war keinesfalls eine einfache Angelegenheit, wenn man das Aufnahmestudio mit einem hochgradig attitüdenhaften Bruder teilen muss. Als die Karriere dann vor knapp 15 Jahren eine leichte Delle erlitt, die Gallaghers längst zur Inkarnation von Beavis and Butt-Head zu verkommen schienen, war der Druck ebenfalls nicht gering. In den letzten Jahren vor der Auflösung von Oasis versuchte Noel dem immergrünen Britpop immer neue Relevanz einzuhauchen. Und als er dann die High Flying Birds aus der Taufe hob, wollte er sich – und ein bisschen auch der Welt – beweisen, dass er zum Frontmann taugte. Gerade deshalb hat er mit seinem jüngsten Wurf endlich nichts zu verlieren, solange er nur selbst damit im Reinen scheint.

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Photo Credit: Lawrence Watson

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Schuld und Schicksal, Einschnitt und Neuanfang – Jeff Beadle

Ich will jetzt keine Ode an den Vollbart anstimmen. Dazu ist der Vollbart durch die schiere Masse an Hipstern endgültig diskreditiert. Früher freilich hatte der Vollbart eine Aura rustikaler Authentizität oder der bürgerlicher Vornehmheit. In erstere Kategorie fällt der Vollbart des kanadischen Folksängers Jeff Beadle. Sein Anfang des Monats erschienenes Album Where Did We Get Lost ist ein knorriges Stück Musik ohne jegliches Pipapo. Beadle und seine Gitarre berichten von Träumen und deren Scheitern, von der Liebe mit all ihren Krisen, von Abschieden. Sein Storytelling schöpft aus dem Alltag, es greift aus dem Leben und beschert uns dadurch eine schmerzliche Echtheit. Diese Songs verschanzen sich nie hinter Fiktionalität, sie scheinen eher dem Tagebuch entnommen, wirken echt und schmerzhaft wahr. Geschichten derart zu erzählen, sie emotional zuzuspitzen, sodass sie greifbar und wirklich geraten, all das unterstreicht die therapeutische Qualität von Musik. Natürlich ist mir bewusst, dass Lieder immer ein Werk der Imagination sind und keinen dokumentarischen Charakter haben. Beadle ist seinem lyrischen Ich jedoch verdammt nah. Genau deshalb erzeugt er beim Hörer Gänsehaut, etwa mit dem intensiven Single Mothers, Single Fathers. Hier werden Enttäuschungen auf starke Weise verdichtet, die Tiefpunkte eines Lebensentwurfs schonungslos präsentiert: “We were bright eyed naive lovers,/ Payed no attention to the numbers./ Bought a home deep in the suburbs./ We got lost somewhere in love./ Now it’s late nights at the office./ When I ask I’m told to drop it./ When that starts you just can’t stop it/ Then the whole thing falls apart./ And I can’t help but reflecting,/ Was it me doing the neglecting,/ Was it her that fell rejected straight into another’s arms.“. Beadles bedauernder bis bitter bilanzierender Gesang verfehlt seine Wirkung nicht.

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Schlaglicht 7: Du Blonde

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Photo Credit: David Chavannes

Du Blonde, das wäre doch ein perfekter NDW-Bandname gewesen! So ein Abend Anfang der Achtziger in einem heruntergekommen Kellerclub: Zunächst Du Blonde als Vorprogramm, später dann Trio in Höchstform auf der Bühne. Und irgendwo an der Bar schauen die Flitzpiepen von Fraktus neidisch zu. Unter dem Namen Du Blonde hätte ich mancherlei Gaga oder Ironie vermutet, aber wohl nicht die herbe Reinkarnation von Beth Jeans Houghton! Der jungen Sängerin war bereits auf ihrem aus mir nachträglich völlig schleierhaften Gründen auf unserem Blog unerwähnt gebliebenen Debüt Yours Truly, Cellophane Nose anzumerken, dass sie das nötige Rüstzeug besitzt, um als interessante wie eigenwillige Künstlerin aus der musikalischen Masse hervorzustechen. Ein Song wie Dodecahedron erinnerte durchaus an eine Leslie Feist, insgesamt vermochte Houghton zwar Assoziationen zu gegenwärtigen Singer-Songwriterinnen zu wecken und zugleich überraschend eigenständig zu klingen. Ihrem lieblich-eleganten und ab und an durchaus widerborstigen Sound hätte es weiter zu kultivieren gegolten. Das Letzte, was ich ihr also empfohlen hätte, wäre eine neue gänzliche Neuerfindung gewesen. Doch gerade diese strebt sie jetzt mit ihrer Umfirmierung in Du Blonde an. Der erste Vorbote eines für diesesFrühjahr angekündigten neuen Albums ist Black Flag, dessen dreckig-robusten Tonfall wohl auch auf Produzent Jim Sclavunos zurückzuführen ist. Sclavunos ist ein Urgestein bei Nick Cave & the Bad Seeds, hat auch bei dem verrotzen, versifften Projekt Grinderman mitgemacht. Und solch bluesrockiger, garagiger Altherrensound schaut der Edelgöre nun über die Schulter, sagt jedweder Lieblichkeit bye-bye! Das nenne ich mal ein kompletten Neustart. Und wer weiß, vielleicht kommt Du Blonde sogar noch auf den NDW-Geschmack. (Black Flag ist hier als kostenloser Download erhältlich.)

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Zwischen Sepia und Pastell – The Feather

Wenn sich ein Musiker ernsthafter Schönheit verschrieben hat, einer luftigen Erhabenheit, die in schwebenden Schwaden auf den Hörer herniederkommt, dann sollte man diese ganz eigentümliche Stimmung nicht mit viel Blabla torpedieren. Trotzdem will ich ein paar Worte zu The Feather, einem Projekt des belgischen Musikers Thomas Medard, verlieren. Denn das diese Woche erscheinende Album Invisible vereint auf wunderbare Weise die vermeintliche Mühelosigkeit des Indie-Pop mit der Gemessenheit von Chamber-Pop und der flüchtigen Schwermut von Folk. Im Grundkolorit schwankt es denn auch zwischen Sepia und feinen Pastelltönen. Die Platte fällt angenehm aus dem Alltag heraus, taugt zum seligen Sinnieren und zarten Fantasieren. “Tagträume sollten so luftig sein wie Federn, die durch die Lüfte segeln.” meint die werte bloggende Kollegin Eva-Maria und sieht im Sound von The Feather alle Voraussetzungen für den entspannten Müßiggang erfüllt.

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Schatzkästchen 8: Venera 4 – Colored Fields

Wenn eine Band zur Beschreibung des eigenen Sounds eine grundsätzliche Betrachtung vom Stapel lässt (“In the dark, all color melt together. In daylight, they are a divine radiance.”), dann möchte sie entweder mit aufgesetzter Klugheit hausieren gehen – oder aber eine bestimmte Attitüde auf den Hörer übertragen. Die Pariser Formation Venera 4 fällt fraglos in letztere Kategorie. Sie versteht sich auf das Auflösen von Kontrasten, lässt Helle und Dunkel vermengen, kreiert einen funkelnden Sound, der Sinnlichkeit und Kraft kombiniert. Ätherischer Gesang trifft auf wirkmächtige Gitarren, die Lärmigkeit von Noise-Pop auf die ästhetische Vision des Shoegaze und die melodische Leichtigkeit des Indie-Pop. All dies verkörpert der Song Colored Fields, der mir das Herz ganz und gar aufgehen lässt. Es entzückt als herrliches Duett, das als Vorbote für das Anfang März erscheinende Album Eidôlon fungiert. Venera 4 scheint mit diesem Lied alles und mehr geglückt. Colored Fields zählt für mich schon jetzt zu den Tracks des Jahres, weil er auf kleine, feine Weise perfekt tönt. Schatzkästchen 8: Venera 4 – Colored Fields weiterlesen

Regional ist besser 2: Woods Of Birnam

Ich lamentiere ja öfter mal, dass so manche Band, wenn man sie auch nur für eine Sekunde aus den Augen verliert, sich sogleich auf Nimmerwiedersehen auflöst. Jedenfalls habe ich vor einigen Monaten mit Erstaunen festgestellt, dass die Mitglieder von  Polarkreis 18 schon seit 2012 getrennte Wege gehen. So ganz habe ich nicht durchschaut, was nach dem großartigen Hit Allein Allein schief gegangen ist. Damals schien für die Dresdner eine internationale Karriere eigentlich durchaus realistisch. Ein paar Mitglieder von Polarkreis 18 machen mittlerweile zusammen mit dem Schauspieler Christian Friedel als Woods Of Birnam Musik. Das selbstbetitelte Debüt erschien vergangenen Herbst und hinterließ einen hochsoliden Eindruck und ab und an war auch jener hingebungsvoll-ekstatische Moment vorzufinden, der bereits Polarkreis 18 sehr gut zu Gesicht stand. Nicht umsonst hat es der Song I’ll Call Thee Hamlet auf den Soundtrack des Schweiger-Films Honig im Kopf geschafft. Wie sich dieser Titel von einer in Shakespeare’schem Grübeln verhafteten Strophe zum theatralischen Refrain aufschwingt, zählte im letzten Jahr sicher zu den gelungensten musikalischen Augenblicken deutscher Provenienz. Woods Of Birnam zeigen nämlich ein Beifall verdienendes Kunststück: Sie verstehen Songs auf kultivierten wie eingängigen Pathos hinzutrimmen, all das vermittelt die Leichtigkeit von Pop und zugleich eine tiefgängige Reife. Ein Song vom Schlage von Closer muss man geradezu mögen. Auch weil Friedels Gesang eine feine Empfindsamkeit bereithält. Sogar eher missratene Tracks, die vielleicht einen Tick zu sehr nach Song Contest tönen, vermag Friedel noch zu drehen, mit aufrichtig-unschuldiger Gefühligkeit auszustatten (Falling). Manchmal ringen sich Woods Of Birnam sogar zu Synthie-Pop durch (Dance) und auch derart machen sie eine gute Figur. Letztlich erweist sich aber die Band dann am besten, wenn sie sich ohne Wenn und Aber zur bedeutungsschwangeren Geste bekennt, so geschehen beim textlich mächtigen Titeltrack Woods Of Birnam (“Life is but a tale/ Full of sound and fury and exuberance/ Told us by an idiot/ Who stands upon the stage and then/ Then is heard no more“). Spätestens hier hört mein Bedauern über das Ende von Polarkreis 18 auf, stellt sich uneingeschränkte Freude über dieses neue Projekt ein!

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Schlaglicht 6: Aqua Alta

Mit Verlaub, aber der Albumtitel Dreamsphere erschien mir zunächst als sehr wackelige Angelegenheit. Dahinter könnten nämlich aus wohlmeinendere Musikfans einen Selbstfindungs-New-Age-Klimbim vermuten. Doch jedwedes Om bleibt dem Hörer in der Kehle stecken. Denn die Formation Aqua Alta setzt lieber auf einen musikalischen Stil, den sie verheißungsvoll als “undersea dream pop” tituliert. Hinter dem Projektnamen Aqua Alta steckt eine Zusammenarbeit der kanadischen Singer-Songwriterin Jenn Grant mit den Produzenten Charles Austin und Graeme Campbell. Das Trio versucht sich an eingängigem Pop samt Beats und Synthie-Seligkeit. Laut Austin sei dies “country music for aliens”. Diese Beschreibung trifft die Seele des Sounds vielleicht sogar besser als die Unterwasser-Dream-Pop-Einordnung. Songs wie BTOcean oder Coral Castle entpuppen sich als eingängiger, von makellosem Gesang geadelter Pop, der sich durchaus um eine sacht irritierende – vielleicht sogar extraterrestrische – Note bemüht. Schlaglicht 6: Aqua Alta weiterlesen