Eine kleine Playlist meiner bisherigen Lieblingslieder 2016

Ehe es in ein fraglos spannendes letztes Drittel des Musikjahrs 2016 geht, habe ich eine kleine Playlist mit Songs zusammengestellt, die mir 2016 im Ohr haften geblieben sind. Keines dieser Lieder habe ich aus dem Hut gezaubert, im Lauf des Jahres wurden alle bereits mit lobenden Worten bedacht. Wer beim Anhören dieser 12 Tracks hellhörig wird, darf sich gern durch die Posts stöbern, in denen ich mich mit den Stücken ein wenig näher beschäftigt habe.

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Ein Amuse-Gueule! – Nouvelle Vague

Wer nicht nur in Schnellrestaurants verkehrt, wird ihn vielleicht kennen, den Gruß aus der Küche, mit welchem man den Gästen eine erste Kostprobe der zu erwartenden Kochkunst serviert. Im Französischen bezeichnet man dies deftig-lieblich als Amuse-Gueule. Dieses Appetithäppchen soll die Neugier aufs Menü wecken, alle Geschmacksknospen aktivieren. Es soll andeuten, ohne jedoch bereits alle Kniffe des Kochs zu verraten. In der Musik sind solch Amuse-Gueules leider oft verpönt, da wird die Lust auf ein neues Album dadurch geweckt, dass vorab schon der Schweinebraten gereicht wird. Nun verstehe ich natürlich, warum es im Musikgeschäft wenig Platz für Andeutungen gibt. Im ständigen Wettbewerb um Aufmerksamkeit darf nicht erst gekleckert, vielmehr gleich mit der Hitsingle geklotzt werden. Da hat es ein Koch natürlich leichter, wer im Lokal aufschlägt, muss nicht erst zum Essen überredet werden. Dies alles kam mir in den Sinn, als ich in die neue Athol Brose EP des französischen Projekts Nouvelle Vague reinlauschte. Dessen Macher Marc Collin und Olivier Libaux haben es geschafft, mit einem so charmanten wie cleveren Konzept mehrere Alben mit Erfolg zu bestreiten. Man nehme Klassiker des New Wave und interpretiere sie völlig neu, indem man sie in leichtfüßigem Pop – mit entspannten lateinamerikanischen Rhythmen kombiniert – ansiedle und mit zarten Frauenstimmen verbräme.

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Photo Credit: Julian Marshall

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Schatzkästchen 73: Lions of Dissent – Heaven Sent

Vielleicht geht es ja nicht nur mir so, dass ich Shoegaze an einem heißen Sommertag angenehm erfrischend finde. Falls es den werten Lesern ähnlich geht, möchte ich eine sehr gute Empfehlung weiterreichen. Beim Bloggerkollegen Peter von Coast Is Clear habe ich nämlich Lions of Dissent aufgestöbert. Die Formation aus Wolverhampton, die sich laut eigenen Angaben eher als kreatives Kollektiv denn Band versteht, imponiert mit Heaven Sent, einem Indie-Rock-Track mit starkem Shoegaze-Charakter und einem altmodisch-inbrünstigen Gesang. Beim Indie-Rock der letzten 15 Jahre geht mir mitunter die gesangliche Qual, die überbordende Emotion ab. Eben dies zeichnet den Song aus, dieses schwelgerische Achtziger-Flair. Neben dominanten Gitarren setzen auch Synthies einen atmosphärisch dichten Akzent. Ich würde es wirklich selten nennen, dass ein Lied ungemein wuchtig, ja fast hymnisch, und doch zugleich luftig tönt. Ich bin begeistert!

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Schatzkästchen 72: EUROTEURO – Autogrill feat. Ninjare di Angelo

Die Liebe und Hassliebe zu Italien prägt den Austropop schon seit Jahrzehnten. Von Rainhard Fendrichs Strada del Sole bis hin zu Wandas Amore hat man das schon gehört. Für ein bisschen Sommerflair ist ein Verweis auf Italien nie verkehrt. Das dachte sich auch das aus dem Umfeld der Wiener Band Mile Me Deaf stammende Projekt EUROTEURO, das mit Autogrill eine kecke Hymne an italienische Autobahnraststätten fabriziert hat. Vors Mikro und die Kamera wurde – unter dem köstlichen Alias Ninjare di Angelo firmierend – Nina Petermandl gebeten. Stilistisch tönt der Ohrwurm als charmante Mischung aus Synthie-Pop und NDW-Dadaismus. Autogrill besticht als Karikatur auf die Sehnsucht nach Ferne und Urlaub, dessen Erfüllung ausgerechnet in der Gastronomie einer Austrostada lauert. Es nimmt auf diese Weise die Romantikklischees aufs Korn, die einem Urlaub im Süden so anhaften. Den ehrlicherweise geht die Verlockung nicht von Stränden oder Sehenswürdigkeiten aus, letztlich dreht sich alles nur um ein kleines bisschen Dolce Vita, somit ums Saufen, Fressen und Feiern. Schatzkästchen 72: EUROTEURO – Autogrill feat. Ninjare di Angelo weiterlesen

20 Jahre Placebo: A Place For Us To Dream & Life’s What You Make It

Man kann die Welt in zwei fast unversöhnliche Lager schwarzweißen. In jenes das, eine intensive, mit der eigenen Emotion hadernde, von einem charismatischen Frontmann dargebotene Musik mag, und natürlich in jene Fraktion, die von Placebo gar nichts hält. Letzteren ist ohnehin nicht zu helfen, den Fans dagegen sei die frohe Kunde mitgeteilt, dass mit der im Oktober erscheinenden Retrospektive A Place For Us To Dream das 20-jährige Bandjubiläum – genauer gesagt die Veröffentlichung des Debüts – begangen wird. Nun sind so Werkschauen im Plattengeschäft meist ein kultiviertes Wort für ein Best-of und bieten den Eingeweihten fast nichts Neues. Ob dies auch für A Place For Us To Dream gilt, werden wir gleich näher beleuchten. Doch vorab möchte ich darauf hinweisen, dass sich Placebo seit letztem Jahr in einer resümierenden Stimmung befinden. Ihr Ende 2015 veröffentlichter Auftritt bei MTV Unplugged ließ die Karriere bereits Revue passieren. 14 der 17 live gespielten Tracks finden sich in den jeweiligen Studioaufnahmen nun auch auf besagter 36 Titel umfassenden Retrospektive wieder. Das im speziellen Umfeld von MTV Unplugged begonnene Resümee wird somit mit den originalen Tracks bzw. Radio Edits fortgesetzt. Nun kann solch eine Betrachtung des bislang Erreichten entweder als Schwanengesang gewertet werden oder aber auf einen Neubeginn hindeuten. Brian Molko hat sich bereits dahingehend geäußert, dass die Band nach den Feierlichkeiten zu neuen Ufern aufbrechen möchte, vom bisherigen Sound abweichen wird. A Place For Us To Dream kündigt also keine Auflösung an, vielmehr eine Neuausrichtung, auf die man fraglos gespannt sein darf. Doch bis dahin absolvieren Molko und Stefan Olsdal noch eine Tour, bescheren uns dieses umfangreiche Best-of und Life’s What You Make It, eine 6 unveröffentlichte Stücke umfassende EP. Diese EP liefert den Beweis dafür, dass Placebo auch eingefleischten Fans etwas Neues bieten wollen. Sehr gut!

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Stoßseufzer und Willkommensfähnchen – DJ Shadow

Wenn man einmal in kollektive Ungnade fällt, ist es verdammt schwer, Herzen neu zu erobern. Ohne das Schlüpfen in ein Büßergewand geht gar nichts. Meines Wissens hat DJ Shadow eben dies nicht getan. Sein Album The Outsider bedeutete den Knackpunkt der Karriere. Galt er bis dahin als Meister der Samplings und des instrumentalen Hip-Hop, bot The Outsider ein Mischmasch an Genres von mainstreamhaften Pop-Rock à la Coldplay (You Made It) über ein gänzlich absurdes Shakespeare-für-Arme-triff-Irish-Folk-Elfe (What Have I Done) bis hin zu der Menge an hibbeligem Rap, für den viel zu viele Gäste vors Mikro gebeten wurden. Von diesem Flop hat sich DJ Shadow kaum erholt. So sehr er in der ersten Hälfte seiner Karriere mit Lob überschüttet worden war, so durchschnittlich wird sein Schaffen seit The Outsider wahrgenommen. Mit der jünst veröffentlichte Platte The Mountain Will Fall vermag sich Josh Davis nun fast vollständig zu rehabilitieren. Der lange abhandengekommene Flow scheint wiedergekehrt. Als zweites Endtroducing….. überzeugt das Album zwar nicht, dazu fehlt es an der Leichtigkeit, wirkt die Chose mitunter doch sehr ertüftelt, in puncto Kohärenz knüpft es aber wieder an das Debüt von 1996 oder The Private Press (2002) an. Endlich, möchte man stoßseufzen!

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Photo Credit: Derick Daily

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Geplatzte Träume und ohrwürmelnde Melodien – Haley Bonar

In meinen Zeilen zum 2014 veröffentlichten Last War habe ich die Haley Bonar einiges Lob spendiert. Ihren fiebrigen, nach Ausbruch trachtenden Gesang hervorgestrichen, ihre Texte, die die geplatzten Träumen kleiner Leute thematisieren, für stark befunden, Bonar quasi zu einem weiblichen Springsteen gekürt. Auch dem neuen Album Impossible Dream wird man mit dieser Charakterisierung fraglos gerecht. Indie-Rock, versetzt mit Post-Punk und ein bisschen Synthie-Pop, alles getränkt mit nostalgischen Achtziger-Melodien, mit solch musikalischer Ausrichtung vermag Impossible Dream abermals zu überzeugen. An Bonars Texten hat sich ebenfalls nichts geändert, noch immer dominiert die Enttäuschung über den Zustand eines erwachsenen Lebens, das all die Freuden und Torheiten der Jugend hinter sich gelassen hat, nach wie vor ist ein Aufbäumen gegen alle Stagnation spürbar, weiterhin kämpft das lyrisches Ich mit der kleinstädtischen Enge, die Veränderungen unmöglich macht.

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Schatzkästchen 71: IRAH – Fast Travelling

Ende April bereits habe ich auf die Kopenhagener Formation IRAH große Stücke gehalten. Der grandiose, für die Top 10 des Jahres vorgemerkte Song Into Dimensions ist aus meiner Sicht kaum zu toppen. Mit der Dream-Pop-Nummer Fast Travelling, die das für Oktober avisierte Minialbum Into Dimensions ankündigt, gelingt das Unmögliche jedoch beinahe. Viele Assoziationen sind mir beim Hören durch den Kopf geschwebt. Anscheinend aber nicht nur mir, denn The Line of Best Fit zählt all jene Einflüsse auf, welche auf mir durch die Gedanken geistern. Da wäre eine New-Age-Spiritualität, die in der Liebe den Ursprung aller Erleuchtung sieht. Es wäre der ätherische Glanz der Cocteau Twins als Vorbild zu nennen. The Line of Best Fit sieht sogar Ähnlichkeiten mit Enya. Da mag snobistischen Musikliebhaber kurz angst und bange werden. Dafür besteht aber nicht der geringste Anlass, eine Ehrenrettung Enyas wäre ohnehin unbedingt überfällig. Die das Universum umarmende Leichtigkeit des Sounds, der stete Fluss der Synthies, die dezent-rituelle Percussion und selbstverständlich die elfenhafte Stimme der Sängerin Stine Grøn machen Fast Travelling zu einer Hymne reinsten Herzens. Dem dänischen Trio gelingt abermals eine Erhabenheit, eine Reinheit der Emotion, wie man dies nur selten erlebt. Auch wenn das Debüt nur acht Lieder umfasst, ich würde bereits jetzt darauf wetten, dass es eines der atemberaubenden Werke des Musikjahrs 2016 wird. Schatzkästchen 71: IRAH – Fast Travelling weiterlesen

Schlaglicht 61: Massive Attack

Massive Attack zählten zwischen ihren Alben Mezzanine (1998) und Heligoland (2010) aus meiner Sicht nicht mehr zu den Gruppen, die man unbedingt auf dem musikalischen Radar haben musste. Und selbst nach Heligoland hatte man den Eindruck, dass sich Massive Attack nochmals eine starkes Alterswerk abgerungen hatten, aber es das vielleicht nun endgültig gewesen war. 2016 sieht die Chose dagegen ganz anders aus. Die EP Ritual Spirit hat Anfang des Jahres zu entzücken gewusst, speziell der Track Voodoo In My Blood mit der Hip-Hop-Formation Young Fathers als Gästen. Und natürlich Take It There, an dem der werte Herr Tricky endlich wieder mitwirkte. Bei ersterem Track traf irritierende Electronica auf mantrahaften Hip-Hop, bei letzterem Song wurde klassischer Trip-Hop mit Trickys gespenstisch-souligem Vortrag kombiniert. Darüber hinaus hatten Massive Attack Voodoo In My Blood sogar einen exquisiten Clip spendiert, der Rosamunde Pike im Bann einer Sci-Fi-Metallkugel zeigte. Edel – und laut Formation erst Auftakt zu neuen Großtaten. Tatsächlich bescheren sie uns dieser Tage mitten im musikalischen Sommerloch die zwei Tracks umfassende Single The Spoils, bei deren Titeltrack es wieder einmal zu einer Kooperation mit der Dream-Pop-Göttin Hope Sandoval kommt.  Massive Attack nehmen sich bei dieser getragenen-eleganten Nummer zurück, im Mittelpunkt steht ein von Sehnsucht und Verlust geprägter Vortrag. Der Refrain „And I somehow slowly love you/ And wanna keep you this way/ Well I somehow slowly know you/ And wanna keep you away“ deutet eine komplizierte Beziehung an, in welcher Innigkeit und Distanz im gleichen Maße greifbar werden. Und auch dieses Mal haben Massive Attack ein starkes Video im Köcher, das mit dem Motto „Deconstructing Cate Blanchett“ vielleicht am besten beschrieben ist.

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Schatzkästchen 70: Emma Ruth Rundle – Marked For Death

Seit Tagen schon grüble ich herum. Kann es sein, dass all die viele, über Jahrzehnte konsumierte Musik auf meine Erinnerung drückt? Dass mir ein Song des Jahres 2016 so bekannt vorkommt, so als wäre ich mit ihm vor langer Zeit schon auf vertrautem Fuß gestanden? Beim Song Marked For Death ist der Punkt erreicht, an dem ich dem eigenen Gedächtnis misstraue. Vielleicht fantasiere ich mir Ähnlichkeiten dermaßen zusammen, bis mir der Name des vermeintlichen Vorbilds auf der Zunge liegt. Aber natürlich nicht über die Lippen kommt. Möglicherweise wird der gescheiterte Versuch der Erinnerung aber auch nur vom Wunsch angetrieben, diesem Lied bereits früher begegnet zu sein. Der in Los Angeles ansässigen Singer-Songwriterin Emma Ruth Rundle ist mit Marked For Death eine vom Blues der Seele durchdrungene, erkenntnisschwere Nummer geglückt. Als behelfsmäßige Charakterisierung würde ich davon sprechen, dass eine introspektive, frühe Melissa Etheridge hier auf Furor und Pein einer PJ Harvey trifft. Fast zärtlich rekapitulierende Elemente in den Strophen werden im Refrain von rauer, erbarmungslos selbstzerstörerischer Emotion pulverisiert. Schatzkästchen 70: Emma Ruth Rundle – Marked For Death weiterlesen