Wie im Kino: Pathos, Drama, Leidenschaft! – Principe Valiente

Melodischer Indie-Rock gepaart mit New-Wave-Charakter und Shoegaze-Herrlichkeit, was in dieser Kurzbeschreibung nach einem Album klingt, dass man besser gleich als gestern auf den Plattenteller legen möchte, ist tatsächlich sogar viel überwältigender, als man sich dies je auszumalen wagt. Oceans zählt für mich bereits jetzt zu den drei besten Alben des Jahres 2017. Sogar wenn morgen alle musikalischen Heiligen vom Himmel herabsteigen und sogleich ins Aufnahmestudio eilen würden, das famose Oceans könnte schwerlich zu toppen sein. Meine Begeisterung liegt keineswegs im Reiz des Neuen begründet, denn die schwedische Formation Principe Valiente ist diesem Blog schon länger vertraut. Der Track She Never Returned des 2013 veröffentlichten Choirs Of Blessed Youth schallt nach wie vor regelmäßig aus meinen Boxen. Mit Oceans ist mir Principe Valiente nun endgültig ans Herz gewachsen, in die Riege ehrfürchtig genannter Lieblingsbands aufgenommen! Schauen wir uns die Gründe dafür doch näher an.

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Schatzkästchen 88: Basement Revolver – Johnny Pt.2

Photo Credit: Yoshi Cooper

Vor nicht einmal einem Jahr habe ich über die Debüt-EP der kanadischen Formation Basement Revolver geschwärmt. Mit ein wenig zeitlichem Abstand betrachtet war diese EP mit das Beste, was mir 2016 zu Ohren gekommen ist. Doch ich bin immer auch ein klein bisschen vorsichtig, mich in Newcomer allzu innig zu verlieben. Denn so eine Band ist auch schnell aufgelöst, wenn sich nicht gleich der erwartete Erfolg einstellt. Und dann steht man als Fan recht verdattert da. Basement Revolver allerdings scheinen keineswegs zu jenen Eintagsfliegen zu gehören, für die Schmetterlinge im Bauch doch nicht lohnen. Denn dieser Tage wurde eine neue EP names Agatha angekündigt und dazu ein neuer Song vorgestellt. Johnny Pt. 2 knüpft an den Track Johnny an, der mich letztes Jahr ganz und gar zu begeistern wusste. Indie-Pop mit kräftigen Drums aufgefettet und mit ein wenig Twee-Süße veredelt, so hatte ich die famose Nummer damals charakterisiert. Und auch das so bittersüße Johnny Pt. 2 bekommt man nicht so rasch aus dem Kopf. Es tönt shoegazig, der Gesang erinnert mich an die junge Dolores O’Riordan. Der kraftvolle Song ist das großes Indie-Kino, wie gemacht für einen erinnerungswürdigen Moment. Wer nun neugierig geworden ist, sollte nicht achtlos auf Play drücken, Johnny Pt. 2 vielmehr im Hinterkopf behalten, für einen nachdenklich-magischen Augenblick aufsparen. Dann nämlich schlägt der Track so richtig ein!

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Schlaglicht 75: Cigarettes After Sex

Photo Credit: Ebru Yildiz

Cigarettes After Sex – der perfekte Bandname für eine female-fronted Post-Punk-Band. Und doch ist alles ganz anders! Der Sound der 2008 im texanischen El Paso gegründeten Band entpuppt sich als vielfältiger Dream-Pop, dessen unüberhörbare Einflüsse einem beinahe den Atem rauben. Vieles an Cigarettes After Sex ist erstaunlich. Da wäre speziell die Stimme des Masterminds Greg Gonzalez, die in der Musikpresse unisono als androgyn beschrieben wird. Ebenso auffällig ist die Tatsache, dass die Band im Juni ihr Debütalbum veröffentlichen wird, es aber bereits auf über 280000 Facebook-Likes und viel Kritikerlob gebracht hat. Das alles geschieht nicht zufällig, ist auch keinem clever kalkuliertem Hype geschuldet. Die Formation besitzt das gewisse, unverwechselbare Etwas, das verfängt.

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Deezers Heilversprechen

Flow weiß, was du hören willst. Er kennt alle Songs, die du liebst, geliebt hast und bald lieben wirst. Flow ist dein persönlicher Soundtrack, der niemals endet. Mit jedem Track, den du hörst, lernt er dich und deinen Musikgeschmack noch besser kennen. Und du? Drückst einfach nur auf Play.

Was Deezer dieser Tage als wahrgewordene Utopie verkauft, nämlich den Algorithmus als eierlegende Wollmilchsau, ist bei genauerer Betrachtung viel mehr als nur Werbesprech. Es ist ein weiterer Mosaikstein eines gegenwärtigen Paradigmenwechsels. Längst schon wird uns eingetrichtert, dass man Computern und Robotern mehr vertrauen kann als Menschen. Ob autonomes Fahren oder Echtzeitüberwachung aus der Cloud, künstliche Intelligenz scheint alles besser zu beherrschen. Tagtäglich wird die Liste vermeintlich totgesagter Berufe länger. Vielfach wird gar im Brustton der Überzeugung behauptet, Facebook wisse mehr über einen als die eigene Familie. Deezers Flow reiht sich nahtlos in dieses Weltbild ein. Geraume Zeit schon unterbreiten Algorithmen Vorschläge, Amazon wäre nicht da, wo es heute ist, wenn Kaufempfehlungen keine ordentliche Trefferquote hätten. Dennoch überrascht die Gewissheit, die Deezer an den Tag legt. Der Dienst Flow will ja weitaus mehr als nur Orakel sein, er meint felsenfest zu wissen, was gefallen wird.

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Schatzkästchen 87: Blanche – City Lights

Der Eurovision Song Contest erfüllt Erwartungshaltungen. Der breiten Masse führt er vor Augen, wie weitläuftig und exotisch Europa doch ist. Der begeisterten LGBT-Community bietet er sympathisch-deftigen Trash. Gesetztere Traditionalisten dagegen dürfen sich an Schlager oder kitschiger Folklore erfreuen und über allerlei neumodisches Zeugs wie Rap schimpfen. Zwergstaaten sind dankbar für die Möglichkeit, einmal im Jahr den Nachweis zu erbringen, dass es sie nach wie vor gibt. Selbst wenn sie es nicht leicht haben, weil sie von einem gewissen Ralph Siegel in Geiselhaft genommen werden. Hallo, San Marino! Auch Autokraten – man denke etwa an Aserbaidschan – versprechen sich vom ESC viel, dürfen sie doch ihr Land als heiter bis weltoffen präsentieren. Und nicht zuletzt begeistert die Veranstaltung die Funktionäre der teilnehmenden Rundfunkanstalten, Büffets und Empfänge sind ganz nach ihrem Geschmack. Wer jedoch beim Song Contest ganz selten auf seine Kosten kommt, ist ein Indie-Klängen gewogenes und somit geschmackssicheres Publikum. Das Jahr 2017 beschert in dieser Hinsicht einen unverhofften Lichtblick.

Belgien, bereits seit ein paar Jahren musikalisch im Aufwind, schickt die junge Sängerin Blanche ins Rennen. Ihr Titel City Lights ist das Highlight des Wettbewerbs. Eingebettet in einen geheimnisumwitterten, mit nervösen Synthies behafteten Sound ruht Blanches tiefe Stimme. Ihr unaufgeregter Vortrag trägt balladeske Züge, strotzt vor unterkühlter Eleganz. Schatzkästchen 87: Blanche – City Lights weiterlesen

Die Brückenbauerin – Yasmine Hamdan

Ethno-Pop panscht oft das Schlechteste aus Folkore und Pop zu einem unsagbar sülzigen Brei zusammen. Das muss man gerade in der Woche des Eurovision Song Contests mit Schaudern feststellen, selbst wenn folkloristische Elemente 2017 nicht ganz so in Mode scheinen. Dabei kann Ethno-Pop auch ganz anders, sehr wunderbar tönen, wie Yasmine Hamdan auf ihrem neuesten Werk Al Jamilat beweist. Hamdan gelingt ein wunderbar luftiger, in Gedanken verlorener Pop mit feinen elektronischen Akzenten, der frei von dem in arabischen Breiten häufig anzutreffenden Pathos ist. Die Bandbreite dieses Albums reicht von chansonesque-eleganten Lieder wie Douss über auf Rhythmus und Tanzbarkeit fokussierte Stücke wie Balad bis hin zum Electro-Pop-meets-Opera von Ta3ala.

Für die Weltenbürgerin Yasmine Hamdan ist das orientalische Erbe stets viel mehr als Staffage, ihre Musik bekennt sich zu den kulturellen Wurzeln, spürt diesen intensiv nach, kultiviert die Tradition, indem sie sie mit westlichen Stilen verknüpft. Die Brückenbauerin – Yasmine Hamdan weiterlesen

Versonnenheit und Zivilisationskritik, live! – Xavier Rudd

Weltverbesserer sind oft hoffnungslos verkniffen, meist sogar miesepetrig. Verfechter des Friede-Freude-Eierkuchen-Prinzips dagegen kommen mit einem waffenscheinpflichtigen Grinsen daher. Beides nicht auszuhalten! Zum Glück gibt es einen Xavier Rudd, der sich Versonnenheit bewahrt hat, obwohl er harsche Zivilisationskritik übt. Der Australier zählt zu den angenehmen Gestalten unter den Singer-Songwritern mit gesellschaftspolitischem Anspruch. Rudd verbindet Umweltbewusstsein mit universeller Spiritualität, lässt seinen globalen Humanismus nie zur Worthülse verkommen, macht den Kampf für Gerechtigkeit exemplarisch am Eintreten für die Rechte der Aborigines fest. Er wirkt wie der leibhaftige Gegenentwurf zum von steter Gier getriebenem Konsum und unbedingtem Verlangen nach Individualität. Rudd gerät zum modernen Hippie, der so sehr in sich ruht, dass er die eigene Haltung mit größtmöglicher Entspanntheit vorträgt. Alles Engagement wird von einer Art Urvertrauen in die starken Kräfte des Guten getragen. Er propagiert dabei ein Miteinander von Tradition und Moderne, sucht nach Gemeinsamkeiten zwischen Völkern. Der gemeinsame Nenner ist für ihn diese eine Erde, die alle Menschen miteinander teilen. Was auf den ersten Blick naiv klingt, ist natürlich völlig vernünftig. Die einzelnen Bewohner eines großen Wohnkomplexes haben schließlich ja allesamt ein berechtigtes Interesse daran, dass die Aktionen einzelner Mieter nicht zum Einsturz des gesamten Gebäudes führen. Dass der werte Herr Rudd noch immer nicht müde wird, sich für eine bessere Welt einzusetzen, belegt die vor wenigen Wochen erschienen Platte Live in the Netherlands.

Gerade eine Botschaft voll positiver Vibes schreit förmlich danach, im Rahmen eines Konzertes festgehalten zu werden. Die Art, wie Rudd seine Auftritte gestaltet, vermag jedoch zu überraschen. Wer meint, dass er womöglich darauf abzielt, tausenden Kehlen abgedroschene Weltverbesserungsparolen abzutrotzen, wird staunen. Rudd nimmt die Musik viel zu ernst, um einen Gig zum Happening verkommen zu lassen. Versonnenheit und Zivilisationskritik, live! – Xavier Rudd weiterlesen

Schlaglicht 74: Kevin Morby

Photo Credit: Adarsha Benjamin

Was macht diese Welt eigentlich, wenn ein Herr Dylan mal auf seiner achtlos auf dem Parkett herumliegenden Nobelpreismedaille ausrutscht und sich das Genick bricht? Spätestens dann wäre das Geschrei nach Reserve-Dylans groß. Doch in diese zugegeben nicht kleinen kompositorischen Fußstapfen zu treten, ist kein leichtes Unterfangen. Seit Jahrzehnten schon haben unzählige Singer-Songwriter zaghafte Schritte in die Richtung unternommen. Kaum einer hat freilich die Siebenmeilenstiefel geschnürt. Kevin Morby ist mit eben jenen an vielen Hoffnungsträgern längst vorbeigewieselt. Bereits vergangenes Jahr hatte ich anlässlich des Albums Singing Saw folgendes konstatiert: „Was sehnen wir doch einen neuen Dylan herbei, zumindest aber einen Singer-Songwriter, der unseren Blick auf die Welt verändert! Wir gestehen vielen Liedermachern zu, dass sie in der Tradition eines Dylan stehen. Dass es nicht zu mehr reicht, liegt aber vielleicht eher an unserer Wahrnehmung, nicht am Talent vermeintlicher Epigonen. Auf Morby haftet der Fluch der späten Geburt, das Leben in einer Zeit, die sich zwar stets und immer aufregt, zugleich jedoch zu bequem zur Revolution ist.“

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Schlaglicht 73: Vil

Entschleunigung und Entspannung. In fordernden, geradezu auslaugenden Zeiten sehnt man sich nach ein wenig Ruhe. Viele Bücher überbieten sich mit Tipps, wie es denn mit der Work-Life-Balance endlich klappt. An Ratgeberei mangelt es nicht. Aber allen Vorsätzen steht das Funktionieren entgegen, auf das man zu lange schon getrimmt wurde. Auch Rückzugsorte sind schwer zu finden, speziell im Zustand permanenter Erreichbarkeit. Wo alles Motivations – und Meditationsgequatsche ins Leere läuft, kann vielleicht Kunst – und ganz speziell Musik – in die Bresche springen. Dabei habe ich freilich keinerlei esoterisches Gedudel im Sinn, vielmehr das dänisch-isländische Duo Vil, dessen Album Mens vi falder stille skandinavische Kargheit mit chansonesker Leichtigkeit verbindet. Folk und Ambient prägen die Platte, manche Stücke sind durchaus melodisch gehalten, andere wiederum fragmentarisch und zerbrechlich, verhalten und intim.

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Schlaglicht 72: Carpet

Entspannten, geradezu sonnigen psychedelischen Rock, der oftmals wie eine an satten Farbe reiche Fotografie aus den guten alten Siebzigern anmutet, hat die Band Carpet auf ihrem neuen Album Secret Box anzubieten. Solch herrlich originärer Sound mag einige Assoziationen bezüglich seines Ursprungs wecken. Zumindest mir käme dabei Augsburg nun wirklich nicht in den Sinn. An dem heimeligen, angespacten, mitunter fusionhaften Album baumelt zumindest nach meinem Begriff das Etikett Kalifornien. Müsste ich den Wesenszustand dieser Klänge mit einem knackigen Slogan beschreiben, dann wäre das Motto „Utopia meets Comfort Zone“ nicht so verkehrt. Nostalgie umweht das Werk, es wirkt wie in einer Zeit entstanden, als die Zukunft noch voller romantischer Verheißungen und Träume war. Ersonnen in einem inspirierten Moment der Muße.

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