Leben als Glückssache – Courtney Barnett

Courtney_Barnett_2015_5

Wenn Courtney Love und Sheryl Crow eine gemeinsame Tochter hätten, die sich noch dazu das Postergirl von anno 2015, Lena Dunham nämlich, zum Vorbild nähme, dann würde jenes Töchterchen exakt so klingen wie Courtney Barnett. Die Australierin schafft mit ihrem Debüt etwas, wofür jeder gestandene Künstler das letzte Hemd opfern würde. Sie entwickelt eine ureigenes Storytelling, eine textliche Rafinesse ohnegleichen. Erzähler und Erzählerinnen fallen in der Regel nicht vom Himmel, umso erstaunlicher scheint die Leistung des Erstlings Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit. Barnett versteht es, aus kleinen Episoden und Momentaufnahmen heraus ein Lebensgefühl zu skizzieren. Ihr Vortrag gleicht einem Bewusstseinsstrom, der Wahrnehmungen und Reflexionen ungefiltert rauspfeffert. Zusammen mit einem lärmig-rauchigen, mit Blues unterfütterten Indie-Rock resultiert daraus eine der famosesten Platten dieses Jahres!

Leben als Glückssache – Courtney Barnett weiterlesen

Schatzkästchen 13: WATERS – What’s Real

Bierdosen-Indie-Rock, der Hörer und Hörerinnen zur Luftgitarre greifen und mit imaginären Drumsticks fuchteln lässt,  bieten WATERS mit ihrem neuen Song What’s Real. Die Band ist das Vehikel von Van Pierszalowski, seines Zeichen ehemals Kopf von Port O’Brien. WATERS existiert zwar bereits seit 2011 und hat auch schon ein Album veröffentlicht, doch hat Pierszalowski für das für April angekündigte Album What’s Real die Besetzung nochmals völlig umgekrempelt. Mit Erfolg, denn der Titeltrack fällt speziell im Refrain ungemein treibend aus. Solch knüppeldicker Party-Rock aus dem sonnigen Kalifornien erfreut das Herz aller Aficionados musikalischen Haudraufs. Dabei soll das Lied eigentlich nicht bloß Friede, Freude, Eierkuchen vermitteln. Pierszalowski beschreibt die Botschaft so: ““What’s Real” is about the constant struggle to weed out the impersonal and temporary relationships and yearning for something more.“. Whatever, möchte man ihm zurufen. Und sich sogleich auf die nächstbeste College-Party begeben und Rambazamba bis zum Morgen zu machen. (via Nicorola)

Schatzkästchen 13: WATERS – What’s Real weiterlesen

Regional ist besser 3: Isolation Berlin

Als wären die goldenen Hausbesetzerzeiten nur einen Steinwurf entfernt, derart tönt die Formation Isolation Berlin. Die Band kitzelt die Großstadttristesse aus der Hauptstadt heraus, sie suhlt sich im Siechtum Berlins, zerknüllt den völlig verkritzelten alternativen Entwurf dieser gerade hochgradig angesagten Sehnsuchtsmetropole. Die EP Körper gibt sich marode, am Zahnfleisch kriechend und hat mit hippem Hipstertum rein gar nicht gemein. Isolation Berlin sind mit einer Lebensgier der Verzweiflung gesegnet, Berghain-Party-People kennen sie wohl nur vom Hörensagen. In jener rüden, rumpeligen, schlicht kompromisslosen Poesie lauert eine Schonungslosigkeit, wie man sie in Berlin Tag für Tag um die Ohren gehauen bekommt. Die Musik mutet so an, als würden Zigarettenkippen an alten Narben ausgetötet. In Isolation Berlin steckt verdammt viel von einem Berlin, das sich nicht mittels Bilder romantischen Verfalls transportieren lässt. Hier prügeln Emotionen auf nackte Körper ein, dagegen wirkt Sadomaso wie ein Kindergeburtstag.

Regional ist besser 3: Isolation Berlin weiterlesen

Ohne Übermut ins Gestern – See Through Dresses

Wir kaufen Produkte von Knorr, weil die Firma für die Würze aus der Tüte steht. Wir greifen zu Nudeln von Barilla, da sie uns einen Hauch Italien in die Küche wehen. Unsere Waschmittel sind seit Generation von Henkel. Die breite Masse gibt sich markenbewusst. Jedoch nicht bei Musik. Otto Normalverbraucher und Lieschen Müller kämen kaum auf die Idee, ein bestimmtes Label mit einem Vertrauensvorschuss auszustatten. Der Satz “Schau, die CD ist von Universal, dann wird die Musik wohl ganz ordentlich sein.” ist mir noch nie zu Ohren gekommen. Warum eigentlich nicht? Weshalb spielt im Bereich der Musik die Plattenfirma höchsten bei absoluten Fetischisten eine gewisse Rolle? Ich für meinen Teil vertraue dem Label Ninja Tune in puncto Electronica blind. Und in deutschen Breiten mausert sich das Münsteraner Label This Charming Man zu einer Marke, der man bedenkenlos höchst Indie-Qualität zugestehen darf. Das bestätigt auch die jüngste Veröffentlichung, die gleichnamige Platte der See Through Dresses. Die Band aus Nebraska liefert ein nostalgisches Album ab, welches seine Inspiration überwiegend aus den Jahren von 1990-1995 bezieht. Dabei wird ein College Rock eingefangen, dazu gesellt sich die eine oder andere Dosis Shoegaze, weiters stößt man auf sepiahafte Popmelodien. Die See Through Dresses versetzen sich mit größter Selbstverständlichkeit – aber ohne Übermut – in jenes Gestern, wagen sogar das eine oder andere Experiment. Der Track You Get Sick Again etwa klingt nach einer in quirligem Noise-Pop gehaltenen Version eines Songs von The Cure.

seethroughdresses-79

Ohne Übermut ins Gestern – See Through Dresses weiterlesen

Schlaglicht 10: Manon meurt

Feiner Shoegaze mit einer weiblichen Stimme, irgendwo zwischen Schwanengesang und Nachtigall angesiedelt, dringt aus Tschechien an mein Ohr. Ich kann mich auf die Schnelle nicht entsinnen, in all den Jahres des Bestehens von Lie In The Sound schon einmal Musik aus Tschechien vorgestellt zu haben. Ich schiele schlicht selten gen Osten, aber eventuell ist diese eklatante Vernachlässigung ja doch auch einer Musikszene geschuldet, die nicht recht aus den Puschen kommt. Umso größer fällt mein Erstaunen darüber aus, dass die Formation Manon meurt einen derart verträumten, geradezu archetypischen Shoegaze an den Tag legt. Auf der im Februar letzten Jahres veröffentlichten, gleichnamigen EP sticht speziell der Song To Forget hervor: Melodische Gitarrenwände, entrückter Gesang, dazu das übliche Spiel mit Verzerrungen und Hall. Was will das Shoegaze-Herz mehr? Der Rest der EP kann sich ebenfalls sehen lassen, etwa die sachte Euphorie von Glowing Cityscape oder die zunächst ätherische, später gewittrige Dream-Pop-Melancholie von Blue Bird. Schlaglicht 10: Manon meurt weiterlesen

Einen Schritt neben der Realität – Kejnu

Gefühlt erscheinen 10 Millionen Alben pro Jahr. Und selbst der verwegenste Musikfan wird wohl kaum mehr als eine Platte pro Tag erlauschen können, Sorgfalt vorausgesetzt. Ich persönlich brauche schon mal eine Woche, um mich mit einem Werk wirklich vertraut zu machen. Am 20 Songs umfassenden Doppelalbum Centillion der Schweizer Formation Kejnu knabbere ich jetzt sogar schon mehr als einen Monat. In der Zwischenzeit habe ich so einige positive Besprechungen des Albums gelesen. Und so treffend sie durchaus auch sein mögen, tragen sie zumindest zu meinem Verständnis der Platte nicht gänzlich bei. Centillion erscheint mir noch immer als Buch mit sieben Siegeln. Natürlich stimme ich dem Kollegen Nicorola in seinem Urteil zu, wonach sich “melancholische Gesanglinien, flirrende Gitarren, dezente Elektronik und bittersüße Melodiebögen” wie ein roter Faden durch die Lieder ziehen. Und freilich irrt auch der Kollege von den Schallgrenzen nicht, wenn er das Werk als “eine fragile, unbestimmte Mischung aus Indie-Rock und Pop, Ambient, Electronica und Trip-Hop” definiert. Was mich aber fast um den Verstand bringt, ist die Tatsache, dass ich der Stimmung, die mich beim Hören befällt, kein passendes Adjektiv verpassen kann. Fraglos ist eine gewisse Weltflüchtigkeit und Verträumtheit im Spiel, ohne Zweifel erinnert der leicht wimmernde Vortrag an einen Thom Yorke ohne Macken. Aber in diesem Wirrwarr an Ideen schwingt neben zärtlicher Ernsthaftigkeit noch ein Sentiment mit, dem ich schlicht nicht habhaft werde. Mir erscheinen die Songs gleich Echos, deren Ursprung vage bleibt. Irrlichternde Gedankengespinste irgendwie, die sich nicht dingfest machen lassen.

Einen Schritt neben der Realität – Kejnu weiterlesen

Schatzkästchen 12: Cody – The Medic Blues

Ende 2012 habe ich die dänische Formation Cody bereits einmal auf dem Blog erwähnt. Schon damals haben mir die stimmungsvollen Pop-Melodien der Band imponiert. Dieser Tage nun gibt es Neuigkeiten zu vermelden, ein Album namens Windshield nämlich, die mittlerweile dritte Platte der Dänen rund um Kaspar Kaae. Und noch immer bleiben sie der Formel treu, feinfühligen, balladesken Pop mit Elementen des Folk zu verknüpfen und ab und an mit orchestraler Bittersüße auszustatten. Bei der Single-Auskopplung The Medic Blues etwa trifft nordische Wehmut auf britische Noblesse, vielleicht huscht sogar ein Anflug von Get Well Soon durch die Szenerie. Cody sind Melancholiker, die ihrer Musik eine gewisse Lieblichkeit einverleiben, sie nie spröde halten. Windshield ist so edel, so eingängig wie sacht ausgefallen, dass ich es in den nächsten Wochen ausgiebiger beleuchten möchte. The Medic Blues freilich sei den werten Leser des Blogs schon vorab mit Ausrufezeichen empfohlen!

Schatzkästchen 12: Cody – The Medic Blues weiterlesen

Schlaglicht 9: Bassekou Kouyaté & Ngoni Ba

Die Ngoni ist eine Laute mit Steg, man kann sie sich als betagten Vorgänger des Banjos vorstellen. Verbreitung findet sie vor allem in Westafrika. Und so spannend es fraglos auch ist, in den Kosmos alter und in Europa fraglos exotisch anmutender Musikinstrumente einzutauchen, erscheint es nicht minder faszinierend, hautnah zu erleben wie ein Musiker Tradition und Moderne miteinander verknüpft. Der malische Musiker Bassekou Kouyaté lässt sich von der vermeintlichen Limitierung einer in der Regel drei- bis viersaitigen Ngoni nicht abschrecken, motzt diese auf bis zu sieben Saiten auf, elektrifiziert das Instrument. Zusammen mit seiner Band Ngoni Ba bietet er auf dem mittlerweile vierten Album Ba Power derart mitreißenden Afro-Rock, dass nicht nur der wackere Fan von Weltmusik ins Schwärmen kommt. Bassekou Kouyaté & Ngoni Ba stehen sowohl für eine Fortführung der Griot-Tradition als auch für eine Offenheit gegenüber westlichen Populärsounds. Einen ersten Vorgeschmack auf das für April angekündigte Album vermag der Song Siran Fen zu liefern. Im Vergleich zur erdigen Vorgängerplatte Jama ko verlässt dieser Track die heimatliche Scholle, entwickelt einen weltumspannenden, dynamischen und natürlich noch immer afrikanisch verbrämten Groove. Ein Ohrwurm, made in Afrika! Man darf sich somit viel von dem neuen Werk Ba Power erhoffen!

Schlaglicht 9: Bassekou Kouyaté & Ngoni Ba weiterlesen

Schatzkästchen 11: Ane Brun – Directions

Und irgendwann setzt schiere Bewunderung ein. Weil jemand vor aller Augen eine stete künstlerische Entfaltung wagt, eine musikalische Vision entwickelt, die sich nicht dem Kalkül des Business unterordnet. Eben solch Integrität, gepaart mit Kreativität, ist es, der man mit Haut und Haar verfällt. Im konkreten Fall spreche ich von der norwegischen Singer-Songwriterin Ane Brun, die im skandinavischen Raum große Beachtung genießt. Nicht umsonst hat es ihr letztes Studioalbum It All Starts With One an die Spitze der norwegischen und schwedischen Charts geschafft. Seit ihren im Folk-Pop angesiedelten Anfängen hat sich Brun zu einer faszinierenden, im Sound unheimlich originären Künstlerin gemausert. Sie ist zur Ausnahmeerscheinung geworden. Und sogar im stets geschmackssicheren skandinavischen Raum erscheint Bruns kommerzieller Erfolg reichlich ungewöhnlich. Denn ihre bisweilen spröde Eleganz trifft gerade in den letzten Jahren auf rhythmische Verve. Ihr Pop gestaltet sich ungemein subtil, offenbart eine intellektuelle Emotionalität, der all die ewig gleichen seichten Schlagworte des Pop fremd sind. Ane Brun strahlt eine Fraulichkeit aus, eine Reife, eine Lebenserfahrung. In den stärksten Momenten vereinen ihre Texte die Abgründe des Grübelns mit Hoffnung und Träumen, verschwimmen Dunkelheit und warmer Lichtschein ineinander. All die Sentimente werden mit Bedacht geäußert, mit Liebe zum Detail aus der eigenen Seele gemeißelt. Dieser Tage nun hat Ane Brun mit Directions einen ersten Vorgeschmack auf ihr noch unbetiteltes neues Album gegeben. Directions tönt so komplex wie reduziert, Bass und Piano sehen sich allerlei Percussion, Drums und einer Pauke gegenüber. Und über allem tänzelt Bruns überraschend quirliger Gesang. Directions ist in permanenter Bewegung, was sich nicht zuletzt im Video dadurch widerspiegelt, dass Brun durch eine Lagerhallenszenerie hampelt und strampelt. Dieser erste Track lässt auf ein erneutes Meisterwerk der Norwegerin schließen. Es wäre nicht das erste – und auch längst keine Überraschung mehr!

Schatzkästchen 11: Ane Brun – Directions weiterlesen

Schatzkästchen 10: PINS – Too Little Too Late

Sie stammen aus Manchester, sie sind 4 Frauen mit Hang zum Post-Punk. Und man nehme sich besser vor ihnen in Acht! Wie die PINS in ihrem jüngsten Video zu Too Little Too Late unter Beweis stellen, ist ihnen Übellaunigkeit nicht fremd. Ob dies an den Fummeln aus der Kollektion von Saint Laurent liegt? Denkbar. Die PINS charakterisieren dieses Lied als “a middle-finger-to-the-world kind of song”.  Danach klingt es denn auch, trotzig und ganz schön lärmig. Too Little Too Late ist Musik für Tage, an denen das Huhn in der Pfanne verrückt wird. An denen man ausschließlich Idioten begegnet, an denen sich alles gegen einen verschworen hat. Dieser Song ist ausgesprochen gereizt. Schon ihr Albumdebüt Girls Like Us (2013) hat manch Haken in die Magengrube versetzt, dass man Blut gleich Konfetti spucken musste. Am auf Attacke getrimmten Sound hat sich erfreulicherweise nichts geändert. So wie Too Little Too Late auf Krawall gebürstet scheint, darf man vor dem für Anfang Juni angekündigten Album Wild Nights durchaus ein bisschen zittern, ja geradezu bangen, dass sie den Titel nicht überwörtlich nehmen. Bis Juni wandert dieser Track jetzt einmal ins Schatzkästchen. Dort hat man ihn jederzeit griffbereit, wenn es mal eben einer ordentlichen Portion Grummeligkeit bedarf.

Schatzkästchen 10: PINS – Too Little Too Late weiterlesen