Schlaglicht 24: Kalle Mattson

Wenn ein sehr feiner Song von einem noch tolleren Musikvideo übertroffen wird, dann sollte man eigentlich die Schampuskorken knallen lassen. Gerade im Indie-Bereich gilt doch, dass Kreativität völlig zu Recht meist überwiegend in die Musik gesteckt wird. Weil finanzielle Ressourcen nun mal begrenzt sind und ein starkes Musikvideo oft einen gewissen Aufwand bedeutet. Der Kanadier Kalle Mattson hat mich 2014 mit seinem großartigen Alben Someday, The Moon Will Be Gold begeistert. Ich habe ihn damals mit einem jungen Dylan und einem taufrischen Springsteen in Verbindung gebracht. Von Dylan hatte sich Mattson den eigenwilligen bis schrägen Gesang und die Bilderhaftigkeit der Lyrics abgeschaut, von Springsteen wuchtigen und zugleich melodischen Rock. Nun sind solch übermächtige Vergleiche zwar heikel, aber vielleicht gerade im Falle von Mattson durchaus passend. Denn er zählt anscheinend nicht zu den Musikern, welche die Geburtsstunde der Musikgeschichte mit dem Beginn der eigenen Karriere gleichsetzen. Mattson hat ein ausgesprochenes Gefühl für Historizität, wie der Musikclip zu seinem neuen Song Avalanche belegt. In diesem Video stellt Mattson Albencover nach, inszeniert sich mit viel Witz und Charme in sie hinein. Indem dieser aufstrebende Singer-Songwriter sich in diese legendären Plattencover einbringt, nimmt er Geschichte an, schreibt sie fort. Das perfekte Timing sowie die Professionalität, mit der er durch Dekaden von Musik schreitet, sind beeindruckend. So erwächst das Video zu einer Hommage an die Popkultur, in der manch Albencover längst einen ikonesken Status erreicht hat, quasi zur Allgemeinbildung zählt. Schlaglicht 24: Kalle Mattson weiterlesen

Schlaglicht 23: BEAK>

Dieser Tage verlasse ich mich aus sommerlicher Faulheit heraus in puncto Musik sehr auf das, was an diversen Newsmails so hereinflattert. Daher hätte ich fast die Veröffentlichung einer neuen EP von BEAK> verpasst, wenn ich nicht auf Nicorola, einem der wenigen Musikblogs meines Vertrauens, darauf gestoßen wäre. BEAK> ist mehr als nur ein obskures Indie-Projekt, einer der Köpfe ist schließlich kein Geringerer als Geoff Barrow von Portishead. Die nun veröffentlichte BEAK> <KAEB Split EP umfasst 4 Tracks, die von Spoken Word über Reminiszenzen an Simon & Garfunkel bis hin zu Krautrock allerlei aufbieten. So konsistent die Ästhetik bei Portishead angelegt ist, der werte Nico weist nicht umsonst darauf hin, dass dies um den Preis geschieht, in 21 Jahren gerade einmal 3 Studioalben veröffentlicht zu haben, so sehr ist BEAK> dem Experiment, einer spontanen Produktivität verpflichtet. Der erste Track The Meader etwa tönt als ganz old-fashioned gestrickter, treibender Krautrock. Bereits diese Nummer lohnt den Kauf. Auch Broken Window mit seinem Drone-Charakter und den hypnotischen Prog-Rock-Elementen fällt hörenswert aus. Danach jedoch wird es richtig schräg. When We Fall entpuppt sich als gedämpfte Ballade im Stile von Simon & Garfunkel. Dieser Song ist so überraschend wie liebenswürdig. There’s No One vermischt Rap mit sakralem Chorälen, steigert sich in eine derwischhafte Spoken-Word-Performance samt psychedelischen Effekten hinein. Solch theatralische Grenzgängerei sollte man durchaus auf sich wirken lassen. Schlaglicht 23: BEAK> weiterlesen

Schatzkästchen 28: Kodiak Deathbeds – Against The Wind

Wie wäre es heute mit einer folkigen Ballade, die auf ein für September angekündigtes Debüt neugierig macht? Die Kodiak Deathbeds bestehen aus der Sängerin Amber Webber, die man von den kanadischen Indie-Acts Black Mountain und Lightning Dust kennt, und dem Gitarristen Derek Fudesco, der wiederum bei Pretty Girls Make Graves und The Cave Singers mitgewirkt hat. Es sind also zwei alte Indie-Hasen, die sich hier zusammengetan haben. Und wenn man nach dem Lied Against The Wind geht, dann erscheint dies auch als famose Idee. Die so wehmütige, existentielle Ballade überzeugt durch karge Schönheit, entwickelt sich zu einem Triumph des schlichten Vortrags. Begleitet wird dieser erste Vorgeschmack von einem sehenswerten Stop-Motion-Clip. Schatzkästchen 28: Kodiak Deathbeds – Against The Wind weiterlesen

Wieder Discoking sein – Ratatat

Zugegeben, ich bin kein Teenager mehr, der sich die Nächte in schwülen Clubs um die Ohren schwitzt. Klar, irgendwelche Strandfeten mit Trance-Gewummer können mir schon längst den Buckel runterrutschen. Aber wenn mich wieder etwas auf den Tanzboden locken könnte, dann zweifelsohne das neue Album Magnifique des Brooklyner Duos Ratatat. EDM meets Rock, so die Kurzformel der Lebensfreude versprühenden Platte. Magnifique fällt  unendlich launig aus, zeigt sich überraschend melodisch, umarmt Ideen flinken Schritts. Dem Werk fehlt die Schablonenhaftigkeit herkömmlicher elektronischer Tanzmusik. Stattdessen wird es mit gut abgehangenem, spacigem Rock angereichert. Was das Album jedoch besonders gut beherrscht, ist eine Mischung aus wildem Treiben auf dem Dancefloor und entspanntem Chillen. Allmusic hat es prima zusammengefasst, wenn es das Album als „bouncing between sunny, hook-heavy uptempo tracks that have the kind of manic energy that could lead people to tear off their shirts and seriously lose it on the dancefloor and relaxed, soft rock-inspired songs that serve as a nice soundtrack when one is coming down from those kinds of highs“ beschreibt.

RATATAT – CREAM ON CHROME from theoffstream on Vimeo.

Der Kracher des Werks findet sich gleich zu Beginn. Cream On Chrome sorgt für die Wiederauferstehung des Discokings in mir. Die hypnotische Bassline dieser Nummer ist sagenhaft groovy, dazu gesellen sich noch herrlich auf Bombast getrimmte Gitarreriffs. Cream On Chrome klingt nach der vielleicht durchaus lasziv angehauchten Party, die man immer schon besuchen wollte. Wieder Discoking sein – Ratatat weiterlesen

Die Hoffnung stirbt zuletzt – Samantha Crain

Samantha Crain gehört nicht zu jenen privilegierten, weißen Singer-Songwriterinnen, die all ihre  Mittelstandsproblemchen in Lieder packen und stolz damit hausieren gehen. Sie zählt nicht zu denen, die selbst dann noch über Selbstverwirklichung grübeln, während das Leben herum schon längst zu einem einzigen Trümmerfeld geworden ist. Crain ist indianischer Abstammung, vom Volk der Choctaw. Sie kennt Außenseitertum. Ihre Lyrics spiegeln die Wirklichkeit jener Bevölkerungsgruppe wider, die man in den Staaten Blue Collar nennt. Die Texte schildern ein Milieu einfacher Arbeiter, die es nie zu großen sozialen Ansehen bringen werden. Crain blickt auf diese Existenzen nie herab, sie wirft einen Blick in die Existenzen hinein. Und zwar in jene, die trotz Misslichkeiten wie ungewollten Schwangerschaften nicht aufgeben, die sich allerdings zugleich keinerlei Illusionen hingeben. Ihre Charaktere kämpfen verzweifelt um das kleine bisschen Glück. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Und genau unter dieser Prämisse sollte man sich diesem Americana-Album Under Branch & Thorn & Tree nähern.

Leben ist Glücksache. Diese lapidare wie wahre Erkenntnis wird man auch in Crains Liedern finden. So etwa beim Song Elk City. Ein wenig Sex mit einem Kerl, der abends nur vorbeigekommen ist, um wie vereinbart die Waschmaschine zu reparieren, kann das Leben nachhaltig verändern („Well that night turned into 9 months/ Sitting on my ass/ Waiting for a baby/ My first and my last„). Die Hoffnung stirbt zuletzt – Samantha Crain weiterlesen

Ein wenig Fluch und viel, viel Segen eines Nebenprojekts – Dicey Hollow

Heute möchte ich dem werten Leser eine außerordentliche Americana-Platte ans Herz legen. Diese Platte schimpft sich zwar EP, aber angesichts von 6 Liedern und über 29 Minuten Laufzeit erscheint mir dieses Format eher willkürlich gewählt. Hinter dem Namen Dicey Hollow stecken Petter Ericson Stakee und Jamie Biden. Ersteren könnte man übrigens als Kopf von Alberta Cross kennen. Dicey Hollow darf somit als typisches Nebenprojekt verstanden werden, dass die Erkundung eines neues Genres wagt. Im konkreten Fall wendet sich Stakee dem Alternative Country und der sehr vielfältigen amerikanischen Folk-Tradition zu. Die schlicht nach dem Projekt benannte EP fällt in ihren Lieder derart unterschiedlich aus, dass ein genauerer Blick lohnt.

Die von Piano und herzschwerer Gitarre bestimmte Americana-Ballade Silver and Sand darf getrost als stärkster Track einer tollen EP gelten. Der Song besticht durch ungemeine Wehmut, gibt sich dabei jedoch nicht wimmernd, eher nachdenklich und lapidar. Welch schönes Stück! Ein wenig Fluch und viel, viel Segen eines Nebenprojekts – Dicey Hollow weiterlesen

Schlaglicht 22: Stereophonics

Wäre Großbritannien so wie Deutschland, es würde jede neue Platte von Chris Norman oder Engelbert Humperdinck die Spitze der Charts erklimmen. So wie das jedes neue Album von Peter Maffay in unseren Breiten tut. In Deutschland verstopft langgedientes Mittelmaß die Charts, vom üblen Schlager gar nicht erst zu reden. In Großbritannien gestaltet es sich anders, dort etablieren sich Bands, die hierzulande keinen Fuß auf den Boden bekommen würden. Britpop und Alternative Rock blüht auf der Insel wohl auch deshalb, weil weniger Bockmist die Charts füllt. Das Album einer Band wird außerhalb der Zielgruppe besser wahrgenommen, wenn man auf einen vorderen Platz in den Verkaufshitparaden verweisen kann. Platz 5 oder Platz 50, das ist ein beträchtlicher Unterschied. Selbst Recken wie Tocotronic haben hier bislang erst einmal den Sprung nach ganz oben geschafft. Und auch eine derzeit angesagte Band wie Revolverheld muss froh sein, wenn es für die deutschen Top Ten langt. In Großbritannien ist dies – wie gesagt – anders. Zum Beispiel auch bei den Stereophonics. Die Waliser haben in den letzten 20 Jahren mit fünf Alben die Charts angeführt. Auch wenn die Formation mittlerweile natürlich ein wenig in die Jahre gekommen ist, darf man dennoch davon ausgehen, dass ihre für September angekündigte Platte Keep The Village Alive nicht im Nirvana der Charts versauern wird. Die Stereophonics sind aus deutscher Sicht gesehen ein echtes Mysterium. Hierzulande war ihnen nie ein breites Publikum vergönnt. Verstehe das, wer will! Selbst dieser inselaffine Blog unterschlägt bei der Aufzählung toller Bands aus Großbritannien die Stereophonics allzu oft. Zu Unrecht! Denn wenn man sich den bereits im Mai veröffentlichten ersten Vorgeschmack zum neuen Werk anhört, wird man an der Single nichts aussetzen können. C’est La Vie ist eine Gute-Laune-Nummer, die holterdiepolter durch die Boxen scheppert. Der Song zählt wohl zu den aufgewecktesten Rockhymnen der letzten Jahre. Schlaglicht 22: Stereophonics weiterlesen

Schatzkästchen 27: Cloves – Don’t You Wait

Mädchen beziehungsweise junge Frauen, meist noch keine 20 Lenze alt, aber bereits mit mächtigen, prächtigen Stimmen gesegnet, haben in den letzten Jahren die Musikszene aufgemischt. Diese neue Garde eint das Urvertrauen, dass allein der Vorname oder ein kurzer, knackiger Künstlername ausreicht, um Hörern und Hörerinnen nachhaltig im Gedächtnis zu bleiben. Ob Adele, Lorde oder Birdy, sie alle haben den Dreh raus. In eben jene Kategorie dürfte auch schon bald die 19-jährige Australierin Cloves fallen. Und es spricht auch wirklich nichts dagegen, sich an mainstreamtauglichen Balladen zu versuchen. Vor allem wenn man dazu ein wenig Patina und die richtige Dosis Ergriffenheit verwendet. Don’t You Wait ist ein Song, den eine Dusty Springfield in den Sechzigern sicher liebend gerne intoniert hätte. Hand aufs Herz, ein größeres Kompliment als diesen Vergleich könnte man Kaity Dunstan, wie die junge Frau eigentlich heißt, kaum machen. Schatzkästchen 27: Cloves – Don’t You Wait weiterlesen

Schlaglicht 21: This Is Head

Vor 2 Jahren hat mich die schwedische Formation This Is Head mit ihrem Song Time’s An Ocean enorm beeindruckt. Beim ersten Hören kam sofort der Gedanke an die Urgesteine von James auf. Im September 2015 nun veröffentlichen die Schweden ihr mittlerweile drittes, diesmal nach der Band benanntes Album. Und eben jene Kreativität, die bei der Namensgebung gespart wurde, haben die Schweden in die neuen Songs investiert. Die ersten Vorboten erscheinen mir hochinteressant. Die Band bietet nämlich Indie-Rock mit starker Kraut-Attitüde feil. Da wäre da zum einen der famose Track Timmerdalen, dessen hypnotischer Flow zu entzücken weiß. Timmerdalen ist instrumental angelegt, mehr als ein wenig Hüsteln aus dem Hintergrund ist gesanglich nicht zu vernehmen. Diese Space-Rock-Nummer ist Wucht und Wonne. Ein weiteres, nicht minder gelungenes Lied, dem man bereits lauschen darf, nennt sich People. Auch hier wird ins goldene Jahrzehnt des Prog-Rock zurückgedüst. Und ebenfalls bereits vorab zu genießen ist Natten, ein Stück das The Line Of Best Fit wie folgt beschrieben hat: „Tribal percussion and gliding refrains fade into clear-cut vocals and driving riffs, glimmering drones paving way for potent rhythms and dynamic vocals.“. Schlaglicht 21: This Is Head weiterlesen

Ein Treffen der Temperamente – Monoswezi

Die Prämisse ist bewährt und nie aus der Mode. Das Aufeinanderprallen von Gegensätzen funktioniert immer. Da wäre zum einen eine quirlige afrikanische Lebensfreude voller Traditionen, zum anderen nüchterne skandinavische Coolness im Hier und Jetzt. Aus jener Verschiedenheit heraus bezieht die Formation Monoswezi ihren musikalischen Ansatz. Sogar der Name der Band spielt auf die verschiedenen Herkunftsländer an. Die Buchstaben Mo stehen für Mosambik, No für Norwegen, Swe ist das englische Länderkürzel für Schweden und Zi verweist ebenfalls auf die englische Schriftweise von Simbabwe. Monoswezi machen aus ihrer Intention also wirklich kein Hehl. Und dieser ehrliche, schnörkellose Zugang trägt bei der Platte Monoswezi Yanga Früchte. Die Folkore Südostafrikas trifft auf nordeuropäische Jazz-Vorlieben. Aus diesem Spannungsfeld heraus entsteht ein sehr klischeearmes, unverkramptftes Crossover-Album, bei dem sich Kulturkreise auf Augenhöhe begegnen.

Ein Garant für das Gelingen des Werk ist wohl der Vortrag von Hope Masike. Ihr Gesang wirkt angenehm zurückhaltend, schön erzählerisch. Masike kommt nicht über die überbordende Emotion, ihre Eindringlichkeit tritt erst bei genauerem Hinhören hervor. Ein Treffen der Temperamente – Monoswezi weiterlesen