Der klingende Adventskalender 2016: Türchen 5

Es gibt nichts, was es nicht gibt! Der Track, der sich hinter dem fünften Türchen unseres klingenden Adventskalenders verbirgt, kommt über den Umweg via Indonesien zu uns. Shiny Happy Records nennt sich ein DIY-Label aus Indonesien, das Veröffentlichungen noch ganz altmodisch lediglich auf CD-R oder Kassette anbietet. So auch die anstehende Christmas-Compilation Under The Christmas Twee. Wie der wirklich herzige Titel bereits verrät, haben wir es hier mit Twee-Klängen und Indie-Pop zu tun. Eines der Lieder heißt No Room At The Inn und packt die weihnachtliche Herbergssuche in ein melodisch pfiffiges, herrlich eingängiges Bubblegum-Pop-Gewand. Wen wundert es da noch, dass der Name des Projekts tatsächlich Bubblegum Lemonade lautet. Der klingende Adventskalender 2016: Türchen 5 weiterlesen

Der klingende Adventskalender 2016: Türchen 4

Manchmal scheint jedes Wort eines zu viel zu sein. So ergeht es mir auch mit der Band, die sich hinter dem vierten Türchen unseres klingenden Adventskalenders verbirgt. Wer Low nicht kennt, hat sich weder mit Indie-Musik noch mit modernen Weihnachtsliedern jemals beschäftigt. Wer Low jedoch kennt, weiß bereits um die Qualität der Band. Seit weit über 20 Jahren veröffentlicht das Ehepaar Alan Sparhawk und Mimi Parker Platten, die das Dasein auf Erden voll Staunen begleiten, Transzendenz begreifen. Aller Zauber ist der Entschleunigung geprägt, Ruhe sticht als beredtes Schweigen hervor. Als Genrezuordnung böte sich Slowcore an, doch ist die Band von dieser Einordnung wohl wenig begeistert. Gegen Dream-Pop wiederum habe ich gewisse Vorbehalte, denn diese Musik träumt nicht, huldigt keinem Eskapismus, sie sinniert vielmehr dahin, hält für einen Moment die Welt an, wagt sich für einen Sekundenbruchteil an existenzielle, gerne auch an Kleinigkeiten festgezurrte Fragen. Vertagen wir also die Frage nach dem Genre auf unbestimmte Zeit. Fokussieren wir die Aufmerksamkeit lieber auf den Umstand, dass mit Some Hearts (at Christmas Time) dieser Tage ein neues Weihnachtslied der Band erschienen ist. Die 1999 veröffentlichte Christmas EP hat sich ohnehin längst ins kollektive Gedächtnis sämtlicher Musikkenner eingebrannt. Für jene Zeitgenossen ist der Song Just Like Christmas zum Maß aller Dinge geworden. Da kann in den letzten 15 Jahren nur noch Bright Eyes mit ihrem Weihnachtsalbum mithalten. Low sind also moderne Helden der Weihnacht. Ein neuer Track ist somit alles andere als eine Kleinigkeit. Some Hearts (at Christmas Time) definiert sich einerseits über unruhige Klanggebilde und Ambient-Akzente, andererseits steht dem eine nachdenkliche, klar konturierte Gitarre und Parkers andächtiger Gesang entgegen. Stereogum hat dies mit „Built on a murmuring synth and a spare guitar figure and Mimi Parker’s otherworldly voice.“ prägnant zusammengefasst. Die Wirkung des Liedes auf den Hörer hat unser weihnachtlicher Bruder im Geiste Stubby hervorragend beschrieben: „It’s as stark as winter and honest as the midnight moon. It has the simultaneous warmth and cold of a walk alone through the woods in the pre-dawn hours, with the occasional bite of the wicked wind.“

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Der klingende Adventskalender 2016: Türchen 3

Fans von Indie-Weihnachtsklängen schwören darauf, auf den alljährlichen Sampler der in in Portland im Bundesstaat Oregon ansässigen PR-Firma XO Publicity. Und auch im bereits neunten Jahr enttäuscht die Zusammenstellung nicht. XO For The Holidays Vol. IX hält die eine oder andere Perle bereit. Zwei der Lieder möchte ich herausgreifen. Speziell eine Coverversion des Songs I Was Thinking I Could Clean Up For Christmas, die sich vom Original Aimee Manns sehr unterscheidet, hat es mir angetan. Beim kanadischen Projekt Texture & Light geht es laut Selbstbeschreibung um „[f]uzzy guitars, hook-laden vocals, a synthesizer fetish, and a drum machine crush“. Dem Song tut der shoegazige Synthie-Pop – verbunden mit einem unter Leidensdruck stehenden Vortrag – fraglos gut, die Zeilen „I was thinking I could clean up for Christmas/ Then call it a day/ Tell you sorry that I made you a witness/ To my moral decay“ kommen herrlich larmoyant und angefressen daher.

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Der klingende Adventskalender 2016: Türchen 2

Eine der Entdeckungen unseres letztjährigen Weihnachtsspecials waren ohne Zweifel King Cardinal, eine in Denver ansässige Folk-Band.  Vom traurigen Rocky-Mountains-Americana des Songs Alone on Christmas Eve habe ich sehr geschwärmt. Und darum freut es mich sehr, dass das Quintett 2016 ein weiteres Weihnachtslied auf Lager hat. Christmas From O’Hare unterscheidet sich durchaus vom Sound des Vorjahres. Es besticht durch dezent angeschmalzten Country, beschreibt dabei den Vorsatz eines Verlierers, es dieses Jahr endlich zu schaffen, Weihnachten nach Hause zu fahren. „This year I’d be home for Christmas Eve“ ist mehr als nur ein Versprechen, es gerät zur Selbstermutigung. Denn diese Heimkehr erfolgt nicht etwas aus Pflichtschuldigkeit, sie ist eine Rückbesinnung auf all die schönen Momente, die von vergangenen Weihnachtsfesten in Erinnerung geblieben sind.

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Der klingende Adventskalender 2016: Türchen 1

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Alle Jahre wieder widmen wir uns auf diesem Blog der musikalischen Ausgestaltung der Weihnachtszeit. Wollen die Tradition des Weihnachtslieds hochhalten und zugleich unterstreichen, dass neben feinen Neuinterpretationen Jahr für Jahr auch jede Menge wunderbarer neuer Lieder ersonnen werden. Weihnachten beschäftigt die Menschen rund um den Globus, rührt das Herz, wärmt die Seele. In ähnlichem Maße wie es entzückt, vermag es jedoch auch zu bedrücken. Weil Erwartungshaltungen unerfüllt bleiben, weil all die Gefühligkeit leider oft heuchlerisch ist und Konsum und Kitsch überhandnehmen. All den verschiedenen Stimmungen wollen wir im diesjährigen klingenden Adventskalender Rechnung tragen. Ob Fröhlichkeit oder Nachdenklichkeit, ob Rückbesinnung auf die Wurzeln des Fests oder schiere Opposition gegen den Feiertagswahn, all das soll auch 2016 mittels handverlesener Empfehlungen transportiert werden. Mögen diese Songs die kommende Adventszeit bereichern!

Hinter der ersten Tür des klingenden Adventskalenders 2016 verbirgt sich eine Musikerin, deren Tun wir seit vielen Jahren begleiten. Die schwedische Singer-Songwriterin Sofia Talvik hat es sich seit Jahren bereits zur Tradition gemacht, ein weihnachtliches Lied zu komponieren, dem allgegenwärtigen Klingeling nachdenklich bis traurige Klänge entgegenzusetzen. 2014 etwa griff A Long Way Home das oft bemühte Motiv der Autofahrt nach Hause auf. Häufig berichten Lieder, Bücher oder Filme vom Wettlauf mit der Zeit, von der Sehnsucht danach, Weihnachten mit den Liebsten zu verbringen. Talvik gibt der Geschichte jedoch einen Twist, einen Unfall nämlich, der alle Hoffnung zunichte macht. 2015 wiederum beschrieb Cold Cold Feet das Leid einer alleinerziehenden Mutter, die an Weihnachten arbeiten muss, damit sie ihren Kindern überhaupt Geschenke machen kann. 2016 beschenkt uns Talvik mit dem Song When It Rains On Christmas Day. Das Stück imponiert als edle, überaus gefühlvolle Pianoballade mit Americana-Akzent, wofür eine Pedal-Steel-Gitarre sorgt. Der klingende Adventskalender 2016: Türchen 1 weiterlesen

Schlaglicht 67: Baba Commandant & The Mandingo Band

Heute möchte ich einen Konzerttipp loswerden. Wer diesen Blog hier öfter besucht, wird bereits festgestellt haben, dass wir bei allem Indie auch ein ausgeprägtes Faible für das haben, was allgemein als Weltmusik bzw. World Music firmiert. Speziell der afrikanische Kontinent hat es mir in seiner klanglichen Vielfalt angetan. Und hier speziell der Afrobeat. Weil er im ewig Widerstreit zwischen Tradition und Moderne auf einen gemeinsamen Nenner zurückgreifen. Er steht stets für eine selbstbewusste Identität, die Länder- und Sprachgrenzen überwindet, eine panafrikanische Botschaft entwickelt. Afrobeat vereint die ganze Diversität des schwarzen Afrikas auf sich. Aus diesem Selbstverständnis heraus hat im Afrobeat ein traditionelles Instrument wie Ngoni ebenso seine Berechtigung wie eine E-Gitarre. Und so freut es mich, wenn man beim Afrobeat nicht nur vom Glanz früherer Tage sprechen kann, sondern auch einen gegenwärtigen Vertreter als Beweis für die Qualität dieser Rhythmen anführen kann. Baba Commandant & The Mandingo Band zählen definitiv dazu. Der charismatische Sänger Mamadou Sanou aka Baba Commandant stammt aus Bobo-Dioulasso, der zweitgrößten Stadt Burkina Fasos. Das sprachliche Universum, in welchem er sich bewegt, ist jenes der Mande-Sprachen Westafrikas. Das 2015 veröffentlichte Album Juguya zeigt einen mitreißenden Künstler, der mit seiner stimmlichen Präsenz das Sammelsurium an Einflüssen stets zusammenhält. Juguya ist in höchstem Maße unterhaltsam, darüber hinaus ist es einerseits eine Hommage an die goldenen Zeiten des Afrobeat, andererseits verankert es das Genre auch fest in der Gegenwart. Der Einfluss des großen Fela Kuti ist zwar unüberhörbar, aber Sanou gelingt es jederzeit, eigene Akzente zu setzen. Die Bandbreite reicht von energetischem Afrobeat bei Ntijiguimorola, der durch eine starken Vortrag samt gackerndem Gebrüll aufgefettet wird, über I Kanafo, bei dem das Call-and-Response zwischen Baba Commandant und dem Orchester mit wiehernden Bläsereinsätze bereichert wird, bis hin zu einem Track wie Siguisso, dessen traditionellen Percussion und Ausgestaltung eher im Umfeld eines Toumani Diabaté anzusiedeln ist. Als weiteres Highlight dieses schlicht umwerfenden Werks wäre Tilé zu nennen, das sich im Grunde so anhört, als hätte man es mit einem ewigen Klassikers des Genres zu tun, was einer stimmigen Instrumentierung voll funkigem Esprit zu verdanken ist. Auch Djanfa gefällt sehr, wie sich hier gegen Ende vom Hip-Hop inspirierter Sprechgesang mit einer rockigen Grundstimmung mischt, empfinde ich als ansprechend und innovativ.

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Am Scheideweg – Anders Enda Barnet

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Mit Anfang 30 auf der schlichten Schaukel aus Kindertagen sitzen, in vielen Erinnerungen schwelgen, dabei mit der eigenen Jugend abschließen, über das Wie des Weitermachens grübeln. Wer sich in dieser Szene wiedererkennt, sollte ohne langem Zögern dem Album I Was Quiet lauschen. Hinter dem Projekt Anders Enda Barnet verbirgt sich der Schwede Anders Göransson, dem mit dieser Platte ein melodisches Stück Slacker-Pop-Rock in der Ästhetik der Achtziger gelungen ist. I Was Quiet blickt zurück, nimmt Erinnerungen dabei aber nie als Ballast wahr, und zugleich schaut es voll Fragezeichen und Erwartungen nach vorn. Es ist ein Album am Scheideweg, dass sich von diesem Umstand allerdings nicht verrückt machen lässt, Lust und Laune nie verliert. Introspektives skandinavisches Singer-Songwritertum trifft hier auf jenen sympathischen Verve, zu dem Nordlichter nicht erst seit ABBA befähigt scheinen, der auch bei gegenwärtigen Indie-Kapellen oftmals auftaucht. Sehen wir uns also ein paar Titel kurz näher an.

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Christmas in Neukölln rocks!

Ein großes Shoutout gebührt an dieser Stelle unseren Brüder im Geiste Stubby’s House of Christmas, Christmas Underground und Christmas A Go Go!. Wir trödeln in diesem Jahr. So richtig los geht’s auf Lie In The Sound erst am 1.12  – in diesem Jahr kehren wir zu alter Tradition zurück und es wird wieder einen musikalischen Adventskalender geben.

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Dafür starten wir heute am ersten Advent mit besonders schönen Nachrichten. An Heiligabend ist Neukölln nicht nur das Zentrum der (Hipster-)Welt, NEIN, auch der Bauchnabel der alternativen Christmas Music. Seit 2008 arbeiten wir daran, dass auch in hiesigen Breiten mehr geschmackstaugliche Weihnachtsmusik erschallt, endlich, endlich haben wir es auch geschafft, dass die grandiose Doku „Jingle Bell Rocks!“ ihr Deutschland Debüt feiert. Ein ganz schön großer Schritt in Richtung „World domination“.

Ok, zugegeben, wir haben nur via PM dem Regisseur Mitchell Kezin berichtet, dass in Neukölln das erste Weihnachtsfilmfestival (aller aller Zeiten) stattfindet. Das war im Mai diesen Jahres. Zu unserer großen Überraschung und noch größeren Freude wurde Jingle Bell Rocks! zum Eröffnungsfilm des Festivals gewählt. Christmas in Neukölln rocks! weiterlesen

Schlaglicht 66: The Magnetic Fields

Es gibt wohl selten jene Einhelligkeit der Meinungen, wie man sie von der Musikkritik zu den 69 Love Songs vernommen hat. Dieses drei CDs umfassende Werk aus dem Jahre 1999 ist das Opus magnum von The Magnetic Fields. Mastermind Stephin Merritt zählt fraglos zu markanten Köpfe der amerikanischen Indie-Szene, verkörpert all das, was in den USA dieser Tage unter Beschuss steht, nämlich das großstädtisch-liberale Milieu. Merritts trockener Humor, der den lakonischen Intellektuellen verrät, scheint fast aus der Zeit gefallen. Er will so gar nicht zum reaktionären Eifer der Gegenwart passen, hat auch nichts mit der dauerposenden Ironie der Hipster gemein. Kurzum, Merritt ist eine interessante Erscheinung, selbst wenn nicht jedes seiner Alben an die absolut famosen 69 Love Songs heranreicht. 2017 strebt er mit den The Magnetic Fields allerdings wieder ein Meisterwerk an. 50 Song Memoir ist ein 5 CDs beinhaltendes Boxset, dass auf 50 Liedern Merritts 50 Lebensjahre Revue passieren lässt. Laut Pressetext sind die nicht-fiktionalen Texte eine Mischung aus Autobiographie, festgemacht an 3 B’s (Bedbugs, Buddhism, Buggery), und Dokumentation, repräsentiert durch 3 H’s (Hippies, Hollywood, Hyperacusis). Der werte Merritt begann mit dem Aufnahmen zu diesem Werk am 09.02.2015, seinem fünfzigsten Geburtstag. Die dieser Tage nun veröffentlichten ersten Kostproben zeigen den Künstler in Bestform. All das, was seit über 25 Jahren bereits sein Songwriting auszeichnet, sticht auch hier ins Auge. So beschreibt das verdammt eingängige ’93 Me and Fred and Dave and Ted die wilde Zeit als Endzwanziger in einer nicht eben alltäglichen WG. Schlaglicht 66: The Magnetic Fields weiterlesen

Herrlich amerikanisch, schön lakonisch – The T.S. Eliot Appreciation Society

Wenn ein Pressetext verspricht, dass die mitunter halluzinatorischen Texte eines Albums Geschichten von Menschen erzählen, die Sinn in chaotischen Zeiten suchen, rennt er bei mir offene Türen ein. Über den Sinn des Lebens kann gar nicht genug gegrübelt werden. Und weil dies in konkretem Fall bestens gelingt, möchte ich den werten Lesern heute das wirklich feine Indie-Folk-Projekt The T.S. Eliot Appreciation Society näherbringen. Hinter dem fast großspurigen Namen verbirgt sich der Niederländer Tom Gerritsen, dessen Musik trotz überschaubarer Mittel nie dröge klingt. Seine weiche Stimme und sein gefühlvoller Vortrag verfallen nämlich nie ins Jammern, die Lieder sind erstaunlich pfiffig arrangiert. Die Bandbreite des jüngst erschienen Albums Turn It Golden! reicht vom introspektiven Rahmen, bei dem Gesang und Klampfe im Vordergrund stehen, bis hin zu charmantem Folk-Rock, bei dem es sich positiv bemerkbar macht, dass Gerritsen Mitstreiter für sein Projekt gefunden hat.

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