Jugendlichkeit als Pfund, nie Mühlstein! – Fazerdaze

Wenn nachdenklicher Lo-Fi-Indie-Pop und der Girl-with-Guitar-Alternative der Neunziger auf eine gewisse Surfer-Girl-Niedlichkeit trifft, dann hält man Morningside in Händen. Der als Fazerdaze firmierenden Neuseeländerin Amelia Murray gelingt ein sehr sympathisches Debüt, das das authentische Lebensgefühl einer Mittzwanzigerin vermittelt. Tatsächlich ist es angenehm zu hören, dass bei allen Beziehungsproblemen, Traurigkeiten, Sehnsüchten und den ewigen Fragen an die Zukunft dennoch nie der Eindruck entsteht, dass das Leben gerade jetzt entschieden wird. Morningside steht ebenso für jugendliche Abenteuerlust wie für die Sorgen des Erwachsenwerdens. Die authentische Frische des Albums macht selbiges zu einem perfekten Soundtrack dieses Frühsommers.

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Schlaglicht 77: UNKLE

Einen Geniestreich wiederholt man nicht so leicht. Nichts anderes nämlich war Psyence Fiction, das James Lavelle und DJ Shadow einst als UNKLE ersonnen hatten. 19 Jahre ist das mittlerweile her, man mag es kaum glauben. Und was für hochkarätigen Gäste dieses Werk erst schmückten: Richard Ashcroft! Thom Yorke! Erster begeisterte auf dem famosen Track Lonely Soul, Yorke steuerte Rabbit In Your Headlight bei. Dieser Song wiederum darf sich eines der besten Musikvideos aller Zeiten rühmen. Leider hatte die Zusammenarbeit von Lavelle und DJ Shadow nicht länger Bestand. Letzter brachte noch einige LPs heraus, die die Electronica nachhaltig prägten, ehe er Mitte der 2000er einen kreativen Irrweg einschlug und durch ein langes Jammertal wanderte. Lavelle und sein UNKLE dagegen vermochte auch mit neuen Partnern hörenswerte Klänge abzuliefern, ohne je ganz an das Debüt heranzureichen.

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Zeitlosigkeit statt Nostalgie – Orchestra Baobab

Mitteleuropäer werden wohl nicht gerade mit großen Kenntnissen glänzen, wenn die Sprache auf den Senegal kommt. Vermutlich können sich hier Sportfans besonders hervortun, Motorsportfreunde kennen die Hauptstadt Dakar von der gleichnamigen Rallye, auch wenn diese mittlerweile aus Sicherheitsgründen in Südamerika gefahren wird. Das Nationalteam Senegals wiederum überraschte bei der Fußball-WM 2002. Durchschnittseuropäer werden zumindest die französische Kolonialvergangenheit anführen können. Für Schlagzeilen taugt das westafrikanische Land kaum. All seine Probleme wurden in den Jahrzehnten seit der Unabhängigkeit 1960 von gravierenderen Krisenherden am afrikanischen Kontinent in den Schatten gestellt. Doch wieder einmal taugt eine afrikanischen Band dazu, ein bisschen in die Höhen und Tiefen eines Landes einzutauchen. Dieses Mal wollen wir uns das Orchestra Baobab ein wenig näher ansehen. Und natürlich auch das jüngst erschienen Album Tribute To Ndiouga Dieng nicht unerwähnt lassen.

Photo Credit: Youri Lenquette

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Schatzkästchen 90: BEAK> – Sex Music

Damon Albarn wird ja gern als musikalischer Tausendsassa verehrt. Und ganz verkehrt ist diese Anerkennung nicht. Musikalische Connaisseure können aber noch spannendere Künstler nennen. Etwa den virtuosen Herrn Geoff Barrow. Bei diesem Namen mag es nicht sofort bei jedermann klingeln. Aber als eines der Hirne von Portishead hat er die jüngere Musikgeschichte entscheidend geprägt. Und was er seit einigen Jahren zusammen mit den Mitstreitern Billy Fuller, Matt Williams (bis 2016) und neuerdings Will Young als BEAK> auf die Beine stellt, kann sich ebenfalls hören lassen. BEAK> wird von den Beteiligten wohl vor allem aus Hobby betrachtet, die große Ambition diese Klänge mit sehr viel Tamtam zu vermarkten, kann ich bei besten Willen nicht erkennen. Das ändert jedoch nichts an der Großartigkeit, von welcher sich mindestens 99 Prozent aller Musikschaffenden so einiges abschauen könnten.

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Schatzkästchen 89: Kacy & Clayton – The Light of Day

2013 hatte ich auf das exzellente kanadische Duo Kacy & Clayton hingewiesen, mich an dem puristischen Folkalbum The Day Is Past & Gone ergötzt. Irgendwie sind mir die Beiden jedoch aus der Wahrnehmung entfleucht. Deshalb war ich dieser Tage umso erstaunter, welchen Weg das Duo mittlerweile eingeschlagen hat. Die neue Single The Light of Day kündigt das im August erscheinende Album The Siren’s Song an. Produziert wurde das Werk von keinem Geringeren als Jeff Tweedy. Und ja, das hört man! The Light of Day zumindest tönt in bester Roots-Rock-Tradition. Eine psychedelische Note und eine charmante Pedal-Steel-Gitarre verleihen dieser pfiffigen Nummer den Charakter eines Klassikers. Nur zu gut kann man sich ausmalen, dass der Song auch zu Zeiten der Hippies für Furore gesorgt hätte. Und wenn man sich das Cover der Platte so besieht, ist dieser Eindruck auch gewünscht.

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ITEOTWAWKI (II): She Keeps Bees – Head Of Steak

Eigentlich wollte ich gerade 2017 gesellschaftlich und politisch relevante Klänge unter dem Motto „It’s the end of the world as we know it“ ausgiebig beleuchten. Aber so sehr ich mir auch künstlerische Aufarbeitung des gegenwärtigen Irrsinns wünsche, so denke ich mir zugleich, dass es Momente braucht, in denen Terror, Krieg und Trump keine Rolle spielen. Können wir uns jedoch in Zukunft noch einen gesunden Eskapismus leisten? Wenn der ansteigende Meeresspiegel Küsten unbewohnbar macht, wenn vermüllte Ozeane und anhaltende Luftverschmutzung alles Leben bedrohen, kaum wiedergutzumachende Eingriffe in die Natur unsere Lebensqualität massiv beeinträchtigen? Und da wären wir wieder bei Trump und seinem Irrsinn, ein ohnehin dürftiges Klimaabkommen aus purem Trotz aufzukündigen. Musik und das, was uns die Nachrichten tagtäglich präsentieren, finden nicht in Paralleluniversen statt. Und deshalb möchte ich heute den Track Head Of Steak von She Keeps Bees vorstellen. Mastermind Jessica Larrabee hat bereits mit dem 2014 veröffentlichten Album Eight Houses zu imponieren gewusst, eine neue Platte soll Anfang nächsten Jahres erscheinen. Aber anscheinend brennen ihr die Vorgänge in den USA momentan gewaltig auf der Seele, weshalb es im August eine Charity-Single geben wird, deren Erlöse den Organisationen Planned Parenthood und Earth Justice gespendet werden. Angesichts von Trumps Plänen, die Gesundheitsversorgung für Millionen von US-BürgerInnen zu kappen und fossile Energie wieder zu fördern, braucht es NGOs, die diesem Irrsinn etwas entgegensetzen. Die B-Seite der besagten Single ist dieser Tage bereits streambar und nimmt kein Blatt vor den Mund. Mit Zeilen wie“It’s not a joke/ He aims to knock us over/ With his gall, his girth, his greed, his lawyers/ Lay it out, wrinkled suit, long ass tie/ Scotch tape on both sides/ Nowhere to hide/ From the emperor with no clothes on/ Walking around, bare ass in a crown/ Head of steak, you deal in snake oil/ Poison our water for a fucking dollar“ wird Trump heftig und deftig attackiert. So tönt der Zorn einer Gerechten, die sich mit einer skrupellosen und liederlichen Politik schlicht nicht abfinden will. Die es einfach nicht erträgt, dass Wahrheit relativiert und ideologisch gesponnen wird. Kritik an Trump und seinen windigen Spießgesellen richtet sich nicht bloß gegen eine Weltanschauung, sie ist das verzweifelte Pochen auf Gesetz und Moral. Es geht längst nicht mehr um das ewige Katz-und-Maus-Spiel zwischen konservativen und progressiven Kräften, es dreht sich vielmehr um die Verteidigung eines Mindestmaßes an Redlichkeit.

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Liebe auf den ersten Blick – Postcards

Aus welchem pittoresken US-College-Städtchen ist im Twee und Dream-Pop angesiedelte Musik der Band Postcards ausgebüxt? Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich das Quartett im Mittleren Westen oder irgendwo in New England lokalisieren. Weit gefehlt! Sehr weit. Die Postcards kommen aus dem Libanon. Genauer gesagt aus Beirut, einer der spannendsten Metropolen des Nahen Ostens. Songwriting und Vortrag lassen das jedoch in keinster Weise erkennen. Vielleicht unterschätze ich ja, wie sehr die Generation der Millennials – nicht zuletzt durch das Aufwachsen mit dem Internet – bereits jedwede bemühte Nachahmung abgelegt hat. Musikalische Genres haben längst schon nationale Grenzen, Kulturräume oder Stereotype wie den Begriff der westlichen Welt überwunden, sprießen überall. Mal mit lokalen Einflüssen gespickt, mal völlig ohne geographische Verortung.

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Schlaglicht 76: JOSIN

Motivationscoaches und Lebenshilfegurus werden selten müde zu betonen, dass jeder Mensch ein einzigartiges Wesen mit speziellen Talenten ist. Fürs eigene Selbstwertgefühl ist das natürlich Musik in den Ohren, aber zu oft ruht man sich auf solch Komplimenten aus und zu selten bemüht man sich, die individuelle Unverwechselbarkeit tatsächlich unter Beweis zu stellen. Die Künstlerin, die ich heute hier kurz erwähnen möchte, sticht jedoch in mancherlei Hinsicht hervor. Da wäre zunächst einmal ihre Herkunft. Sie ist als Tochter einer Koreanerin und eines Deutschen in Köln geboren, ihre Eltern sind beide Opernsänger. Solch Abstammung ist fraglos besonders, allerdings kein Verdienst von JOSIN selbst. Ihre Besonderheit tritt vielmehr in einer ureigenen musikalischen Vision zutage, die sie auf der diese Woche erscheinenden EP Epilogue darlegt.

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Letztlich optimistisch – Erasure

Man könnte ja meinen, der Weltuntergang stünde bevor. Alle jammern! Die einen über aufgezwungene Political Correctness, die alle Münder mit Euphemismen zu stopfen droht. Andere wieder über die Wiederkehr reaktionären Denkens, das viele hart erkämpfte und mittlerweile fast als selbstverständlich wahrgenommene Errungenschaften einkassieren möchte. Wie geht man in Zeiten von Trump, Brexit und Terror mit all dem um? Steckt man den Kopf in den Sand, macht auf Party bis zum Sonnenaufgang? Oder übt man sich in eher gedämpfter Stimmung, freilich nicht ohne alle Hoffnung fahren zu lassen? Die britischen Veteranen Erasure haben sich für letztere Variante entschieden. World Be Gone setzt über weite Strecken auf verhaltenen Synthie-Pop, der kaum Glitter oder Fetenlaune versprüht. Dieser nicht erwartbare Umstand macht das Album keineswegs weniger interessant.

Photo Credit: Doron Gild

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Wie im Kino: Pathos, Drama, Leidenschaft! – Principe Valiente

Melodischer Indie-Rock gepaart mit New-Wave-Charakter und Shoegaze-Herrlichkeit, was in dieser Kurzbeschreibung nach einem Album klingt, dass man besser gleich als gestern auf den Plattenteller legen möchte, ist tatsächlich sogar viel überwältigender, als man sich dies je auszumalen wagt. Oceans zählt für mich bereits jetzt zu den drei besten Alben des Jahres 2017. Sogar wenn morgen alle musikalischen Heiligen vom Himmel herabsteigen und sogleich ins Aufnahmestudio eilen würden, das famose Oceans könnte schwerlich zu toppen sein. Meine Begeisterung liegt keineswegs im Reiz des Neuen begründet, denn die schwedische Formation Principe Valiente ist diesem Blog schon länger vertraut. Der Track She Never Returned des 2013 veröffentlichten Choirs Of Blessed Youth schallt nach wie vor regelmäßig aus meinen Boxen. Mit Oceans ist mir Principe Valiente nun endgültig ans Herz gewachsen, in die Riege ehrfürchtig genannter Lieblingsbands aufgenommen! Schauen wir uns die Gründe dafür doch näher an.

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