Wieder Discoking sein – Ratatat

Zugegeben, ich bin kein Teenager mehr, der sich die Nächte in schwülen Clubs um die Ohren schwitzt. Klar, irgendwelche Strandfeten mit Trance-Gewummer können mir schon längst den Buckel runterrutschen. Aber wenn mich wieder etwas auf den Tanzboden locken könnte, dann zweifelsohne das neue Album Magnifique des Brooklyner Duos Ratatat. EDM meets Rock, so die Kurzformel der Lebensfreude versprühenden Platte. Magnifique fällt  unendlich launig aus, zeigt sich überraschend melodisch, umarmt Ideen flinken Schritts. Dem Werk fehlt die Schablonenhaftigkeit herkömmlicher elektronischer Tanzmusik. Stattdessen wird es mit gut abgehangenem, spacigem Rock angereichert. Was das Album jedoch besonders gut beherrscht, ist eine Mischung aus wildem Treiben auf dem Dancefloor und entspanntem Chillen. Allmusic hat es prima zusammengefasst, wenn es das Album als „bouncing between sunny, hook-heavy uptempo tracks that have the kind of manic energy that could lead people to tear off their shirts and seriously lose it on the dancefloor and relaxed, soft rock-inspired songs that serve as a nice soundtrack when one is coming down from those kinds of highs“ beschreibt.

RATATAT – CREAM ON CHROME from theoffstream on Vimeo.

Der Kracher des Werks findet sich gleich zu Beginn. Cream On Chrome sorgt für die Wiederauferstehung des Discokings in mir. Die hypnotische Bassline dieser Nummer ist sagenhaft groovy, dazu gesellen sich noch herrlich auf Bombast getrimmte Gitarreriffs. Cream On Chrome klingt nach der vielleicht durchaus lasziv angehauchten Party, die man immer schon besuchen wollte. Wieder Discoking sein – Ratatat weiterlesen

Die Hoffnung stirbt zuletzt – Samantha Crain

Samantha Crain gehört nicht zu jenen privilegierten, weißen Singer-Songwriterinnen, die all ihre  Mittelstandsproblemchen in Lieder packen und stolz damit hausieren gehen. Sie zählt nicht zu denen, die selbst dann noch über Selbstverwirklichung grübeln, während das Leben herum schon längst zu einem einzigen Trümmerfeld geworden ist. Crain ist indianischer Abstammung, vom Volk der Choctaw. Sie kennt Außenseitertum. Ihre Lyrics spiegeln die Wirklichkeit jener Bevölkerungsgruppe wider, die man in den Staaten Blue Collar nennt. Die Texte schildern ein Milieu einfacher Arbeiter, die es nie zu großen sozialen Ansehen bringen werden. Crain blickt auf diese Existenzen nie herab, sie wirft einen Blick in die Existenzen hinein. Und zwar in jene, die trotz Misslichkeiten wie ungewollten Schwangerschaften nicht aufgeben, die sich allerdings zugleich keinerlei Illusionen hingeben. Ihre Charaktere kämpfen verzweifelt um das kleine bisschen Glück. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Und genau unter dieser Prämisse sollte man sich diesem Americana-Album Under Branch & Thorn & Tree nähern.

Leben ist Glücksache. Diese lapidare wie wahre Erkenntnis wird man auch in Crains Liedern finden. So etwa beim Song Elk City. Ein wenig Sex mit einem Kerl, der abends nur vorbeigekommen ist, um wie vereinbart die Waschmaschine zu reparieren, kann das Leben nachhaltig verändern („Well that night turned into 9 months/ Sitting on my ass/ Waiting for a baby/ My first and my last„). Die Hoffnung stirbt zuletzt – Samantha Crain weiterlesen

Ein wenig Fluch und viel, viel Segen eines Nebenprojekts – Dicey Hollow

Heute möchte ich dem werten Leser eine außerordentliche Americana-Platte ans Herz legen. Diese Platte schimpft sich zwar EP, aber angesichts von 6 Liedern und über 29 Minuten Laufzeit erscheint mir dieses Format eher willkürlich gewählt. Hinter dem Namen Dicey Hollow stecken Petter Ericson Stakee und Jamie Biden. Ersteren könnte man übrigens als Kopf von Alberta Cross kennen. Dicey Hollow darf somit als typisches Nebenprojekt verstanden werden, dass die Erkundung eines neues Genres wagt. Im konkreten Fall wendet sich Stakee dem Alternative Country und der sehr vielfältigen amerikanischen Folk-Tradition zu. Die schlicht nach dem Projekt benannte EP fällt in ihren Lieder derart unterschiedlich aus, dass ein genauerer Blick lohnt.

Die von Piano und herzschwerer Gitarre bestimmte Americana-Ballade Silver and Sand darf getrost als stärkster Track einer tollen EP gelten. Der Song besticht durch ungemeine Wehmut, gibt sich dabei jedoch nicht wimmernd, eher nachdenklich und lapidar. Welch schönes Stück! Ein wenig Fluch und viel, viel Segen eines Nebenprojekts – Dicey Hollow weiterlesen

Schlaglicht 22: Stereophonics

Wäre Großbritannien so wie Deutschland, es würde jede neue Platte von Chris Norman oder Engelbert Humperdinck die Spitze der Charts erklimmen. So wie das jedes neue Album von Peter Maffay in unseren Breiten tut. In Deutschland verstopft langgedientes Mittelmaß die Charts, vom üblen Schlager gar nicht erst zu reden. In Großbritannien gestaltet es sich anders, dort etablieren sich Bands, die hierzulande keinen Fuß auf den Boden bekommen würden. Britpop und Alternative Rock blüht auf der Insel wohl auch deshalb, weil weniger Bockmist die Charts füllt. Das Album einer Band wird außerhalb der Zielgruppe besser wahrgenommen, wenn man auf einen vorderen Platz in den Verkaufshitparaden verweisen kann. Platz 5 oder Platz 50, das ist ein beträchtlicher Unterschied. Selbst Recken wie Tocotronic haben hier bislang erst einmal den Sprung nach ganz oben geschafft. Und auch eine derzeit angesagte Band wie Revolverheld muss froh sein, wenn es für die deutschen Top Ten langt. In Großbritannien ist dies – wie gesagt – anders. Zum Beispiel auch bei den Stereophonics. Die Waliser haben in den letzten 20 Jahren mit fünf Alben die Charts angeführt. Auch wenn die Formation mittlerweile natürlich ein wenig in die Jahre gekommen ist, darf man dennoch davon ausgehen, dass ihre für September angekündigte Platte Keep The Village Alive nicht im Nirvana der Charts versauern wird. Die Stereophonics sind aus deutscher Sicht gesehen ein echtes Mysterium. Hierzulande war ihnen nie ein breites Publikum vergönnt. Verstehe das, wer will! Selbst dieser inselaffine Blog unterschlägt bei der Aufzählung toller Bands aus Großbritannien die Stereophonics allzu oft. Zu Unrecht! Denn wenn man sich den bereits im Mai veröffentlichten ersten Vorgeschmack zum neuen Werk anhört, wird man an der Single nichts aussetzen können. C’est La Vie ist eine Gute-Laune-Nummer, die holterdiepolter durch die Boxen scheppert. Der Song zählt wohl zu den aufgewecktesten Rockhymnen der letzten Jahre. Schlaglicht 22: Stereophonics weiterlesen

Schatzkästchen 27: Cloves – Don’t You Wait

Mädchen beziehungsweise junge Frauen, meist noch keine 20 Lenze alt, aber bereits mit mächtigen, prächtigen Stimmen gesegnet, haben in den letzten Jahren die Musikszene aufgemischt. Diese neue Garde eint das Urvertrauen, dass allein der Vorname oder ein kurzer, knackiger Künstlername ausreicht, um Hörern und Hörerinnen nachhaltig im Gedächtnis zu bleiben. Ob Adele, Lorde oder Birdy, sie alle haben den Dreh raus. In eben jene Kategorie dürfte auch schon bald die 19-jährige Australierin Cloves fallen. Und es spricht auch wirklich nichts dagegen, sich an mainstreamtauglichen Balladen zu versuchen. Vor allem wenn man dazu ein wenig Patina und die richtige Dosis Ergriffenheit verwendet. Don’t You Wait ist ein Song, den eine Dusty Springfield in den Sechzigern sicher liebend gerne intoniert hätte. Hand aufs Herz, ein größeres Kompliment als diesen Vergleich könnte man Kaity Dunstan, wie die junge Frau eigentlich heißt, kaum machen. Schatzkästchen 27: Cloves – Don’t You Wait weiterlesen

Schlaglicht 21: This Is Head

Vor 2 Jahren hat mich die schwedische Formation This Is Head mit ihrem Song Time’s An Ocean enorm beeindruckt. Beim ersten Hören kam sofort der Gedanke an die Urgesteine von James auf. Im September 2015 nun veröffentlichen die Schweden ihr mittlerweile drittes, diesmal nach der Band benanntes Album. Und eben jene Kreativität, die bei der Namensgebung gespart wurde, haben die Schweden in die neuen Songs investiert. Die ersten Vorboten erscheinen mir hochinteressant. Die Band bietet nämlich Indie-Rock mit starker Kraut-Attitüde feil. Da wäre da zum einen der famose Track Timmerdalen, dessen hypnotischer Flow zu entzücken weiß. Timmerdalen ist instrumental angelegt, mehr als ein wenig Hüsteln aus dem Hintergrund ist gesanglich nicht zu vernehmen. Diese Space-Rock-Nummer ist Wucht und Wonne. Ein weiteres, nicht minder gelungenes Lied, dem man bereits lauschen darf, nennt sich People. Auch hier wird ins goldene Jahrzehnt des Prog-Rock zurückgedüst. Und ebenfalls bereits vorab zu genießen ist Natten, ein Stück das The Line Of Best Fit wie folgt beschrieben hat: „Tribal percussion and gliding refrains fade into clear-cut vocals and driving riffs, glimmering drones paving way for potent rhythms and dynamic vocals.“. Schlaglicht 21: This Is Head weiterlesen

Ein Treffen der Temperamente – Monoswezi

Die Prämisse ist bewährt und nie aus der Mode. Das Aufeinanderprallen von Gegensätzen funktioniert immer. Da wäre zum einen eine quirlige afrikanische Lebensfreude voller Traditionen, zum anderen nüchterne skandinavische Coolness im Hier und Jetzt. Aus jener Verschiedenheit heraus bezieht die Formation Monoswezi ihren musikalischen Ansatz. Sogar der Name der Band spielt auf die verschiedenen Herkunftsländer an. Die Buchstaben Mo stehen für Mosambik, No für Norwegen, Swe ist das englische Länderkürzel für Schweden und Zi verweist ebenfalls auf die englische Schriftweise von Simbabwe. Monoswezi machen aus ihrer Intention also wirklich kein Hehl. Und dieser ehrliche, schnörkellose Zugang trägt bei der Platte Monoswezi Yanga Früchte. Die Folkore Südostafrikas trifft auf nordeuropäische Jazz-Vorlieben. Aus diesem Spannungsfeld heraus entsteht ein sehr klischeearmes, unverkramptftes Crossover-Album, bei dem sich Kulturkreise auf Augenhöhe begegnen.

Ein Garant für das Gelingen des Werk ist wohl der Vortrag von Hope Masike. Ihr Gesang wirkt angenehm zurückhaltend, schön erzählerisch. Masike kommt nicht über die überbordende Emotion, ihre Eindringlichkeit tritt erst bei genauerem Hinhören hervor. Ein Treffen der Temperamente – Monoswezi weiterlesen

Schatzkästchen 26: Rover – Let It Glow

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Vor 2 Jahren habe ich einen aus Frankreich stammenden Singer-Songwriter wie folgt beschrieben: „Wenn ein larmoyanter Sixties-Crooner, vielleicht ein wenig im Stile von Scott Walker, auf das kräftige Außenseiterum eines Meat Loaf trifft, wenn man sich diese Vorstellung im Kopf ein bisschen ausmalt, vermag man in den musikalischen Kosmos von Rover einzutauchen. Der Franzose Timothée Régnier hat unter diesem Alias ein ungeheuer markantes Debüt vorgelegt, eine Singer-Songwriter-Scheibe, die mit Leben und Liebe hadert, dabei nicht verzagt, sich vielmehr den Triumph der lauthals mit der Welt ringenden, geschundenen Seele gönnt.“ Rovers gleichnamiges Erstlingswerk höre ich auch mehr als 2 Jahre später noch gerne und regelmäßig. Umso mehr freut es mich, dass der werte Herr nicht einfach in der Versenkung verschwunden ist, vielmehr vor Kurzem für November diesen Jahres ein neues Album angekündigt hat. Als erste Kostprobe liegt nun Let It Glow vor.  Der neue Song besticht als Pianoballade bittersüßer und romantischer Natur, der  zur Hälfte auf zart angedeuten, psychedelischen Bombast-Rock umsattelt. Dies klingt überaus verheißungsvoll. Schatzkästchen 26: Rover – Let It Glow weiterlesen

Regional ist besser 5: Bukahara

Ich will kein Loblied auf Multikulti singen. Denn Realitäten würdigt man dadurch am besten, indem man sie als Normalität wahrnimmt. Das Zusammenleben von Menschen mit verschiedensten kulturellen Hintergründen funktioniert hierzulande im urbanen Raum vielfach gut, es ist doch vor allem die verstockte, von Ängsten zerfressene Provinz, die jede andere Hautfarbe oder andere Religion als Anschlag auf das eigene Selbstverständnis betrachtet. Wenn ich also heute eine Band vorstelle, deren Mitglieder das komplette Spektrum deutscher Lebenswirklichkeiten abdeckt, dann möchte ich die Regionalität dieser Band nochmals hervorstreichen. Diese Formation ist deutsch, nicht trotz des vorhandenen Migrationshintergrundes, sondern weil sie in Deutschland wirkt und werkt. Bukahara besteht aus Soufian Zoghlami, einem Halbtunesier, der die Hauptstimme stellt und Gitarre spielt, Ahmed Eid aus Palästina am Kontrabass, Daniel Avi Schneider mit schweizerisch-jüdischen Background an der Violine und dem für Tuba und Posaune zuständigen Max von Einem. Die Mitglieder von Bukahara sind in Köln und Berlin angesiedelt. Und so bunt wie man sich diese Truppe wohl vorstellen darf, ebenso bunt mutet die Musik an, die das im Mai veröffentlichte Album Strange Delight vorzuweisen hat. Ob Folk-Pop, Klänge vom Balkon oder eben auch orientalische Einflüsse, vielfältige Traditionen greifen wunderbar ineinander. Sind nie Gegensatz, vielmehr stets Ergänzung. Nicht zuletzt darum kann Kunst, in jenem Falle Musik, als Vorbild für ein gesellschaftliches Miteinander funktionieren.

Doch sehen wir uns Strange Delight ein wenig näher an. Der Opener Biography ist Steinchen für Steinchen ein Konglomerat aus Balkan-Swing, Dreißigerjahre-Cabaret-Flair und dem charismatischen, rauen Gesang Zoghlamis. Wer hier bereits ein Leuchten in den Augen entwickelt und die Hüften im Takt kreisen lässt, wird den Rest der Platte lieben. Regional ist besser 5: Bukahara weiterlesen

Schatzkästchen 25: Yo La Tengo – Friday I’m In Love


Yo La Tengo – Friday I’m In Love on MUZU.TV.

Woran man eine gute Coverversion erkennt? Natürlich daran, dass sie dem Original eine neue Facette abringt. Und selbst wenn sich dies nur in Nuancen bewegt. Einfach nur zu imitieren, das ist definitiv zu wenig. Gute Musiker wissen das natürlich und die ewigen Indie-Lieblinge Yo La Tengo natürlich erst recht. Sie machen sich einen der größten kommerziellen Hits der legendären The Cure zu eigen. Friday I’m In Love ist ein Klassiker, einer der Robert Smith, Mastermind von The Cure, allerdings einiges Kopfzerbrechen bereitet hat. Er rief damals Gott und die Welt an, erkundigte sich bei seinen Freunden, ob sie die Melodie in dieser Form schon einmal gehört hatten. Denn er war überzeugt, dass er die Akkorde unbeabsichtigerweise irgendwo gestohlen hatte. Da jedoch niemand seine Befürchtung teilte, war ihm schnell klar, dass er hier einen tollen Popsong ersonnen hatte. Was aber machen nun Yo La Tengo daraus? Schatzkästchen 25: Yo La Tengo – Friday I’m In Love weiterlesen