Schlaglicht 64: Tricky

Jeder kennt das. Man hat ein leckeres Essen zubereitet, denkt beim Verzehr bereits daran, wie man es beim nächsten Mal variieren und verbessern kann. Oder man hat eine schicke Mütze gehäkelt, nimmt sich nach Fertigstellung aber vor, bei der nächsten Mütze noch mehr farbliche Akzente zu setzen. Das geht uns allen so – und natürlich bilden Musiker keine Ausnahme. Der werte Herr Tricky, der seit ein paar Jahren eine echte Renaissance erlebt, über dessen Anfang des Jahres erschienenes Album Skilled Mechanics ich großes Lob zu vermelden hatte, bildet da keine Ausnahme. Und so nimmt er sich des Tracks Does It nochmals an. Die Nummer erschien ursprünglich auf dem Album False Idols (2013). Nun motzt sie Tricky auf, holt den englischen Rapper CASISDEAD an Bord. Macht so aus einem ohnehin guten Track einen geradezu exzellenten. Der Kontrast aus verführerisch weiblichem Abgesang, CASISDEADs punchigem Rap und einem fast vorsichtig fragenden, flüsternden Tricky beschert Does It faszinierende Abgründigkeit. Wer das Original mit dieser neuen Version vergleicht, begreift sofort, warum Tricky dieses Stück aus der Versenkung geholt hat!

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Schatzkästchen 75: Malky – Lampedusa

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Photo Credit: Max Parovsky

Musik kann die gegenwärtigen Probleme auf der Welt nicht lösen. Musik vermag uns allerdings sehr wohl ein bisschen glücklicher, optimistischer zu machen. Und dazu muss sie gar nicht mal weltflüchtig sein. Dem Duo Malky etwa ist mit Lampedusa ein sehr zärtliches Lied geglückt, das als Singer-Songwriter-Folk beginnt und sich in der Folge zu Pop mit viel Seele entwickelt. Der Sänger Daniel Stoyanov kam selbst als Kind von Bulgarien nach Deutschland, er ist somit durchaus dazu prädestiniert, sich dem Thema Migration anzunehmen. Und dies macht er sehr unaufgeregt, in schönen, hoffenden Bildern. Darüber hinaus hat sich Stoyanov viele Gedanken über die derzeit verbreitete Panik gegenüber Zuwanderung gemacht. Ist zur Erkenntnis gekommen, dass die oft beschworene gemeinsame Anstrengung wirklich keine Phrase sein kann, dass auch jene, die eigentlich gegen die Fremden sind, Integration stemmen müssen – und werden. Den die Motivation zu diesem Song erklärenden Facebook-Post sollte man sich genau durchlesen.

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Schlaglicht 63: Karina Buhr

Seit mindestens einem dreiviertel Jahr schon habe ich mir vorgenommen, das Album einer brasilianischen Musikerin, auf die ich beim Spin World Report gestoßen bin, hier auf dem Blog gebührend vorzustellen. Vorher freilich wollte ich mich noch ein wenig in die jüngere musikalische Historie des Landes einlesen. Denn so Begriffe wie Mangue Beat sind mir erst im Zusammenhang mit besagter Platte geläufig geworden. Nun aber muss es flott gehen, denn Karina Buhr spielt heute im Bi Nuu in Berlin. Buhrs 2015 veröffentlichtes Album Selvática imponiert als spannender Mix aus Pop-Rock und südamerikanischen Rhythmen und Stimmungen, der unerwartete Akzente setzt. Um die stilistische Vielfalt nicht als blankes Chaos wahrzunehmen, lohnt es sich, das Prinzip des Mangue Beat zu verinnerlichen. Dieser meint eine in den frühen Neunzigern im Nordosten Brasilierns entstandene musikalische Strömung. Dessen Epizentrum ist die Stadt Recife, aus der auch Karina Buhr kommt. Merkmal des Mangue Beat ist die Einbettung globaler Musikströmungen in lokale Traditionen. Dieses Konzept sollte man also im Hinterkopf behalten, wenn man den herrlich eingängigen Samba-Pop von Dragão mit dem Riot-Grrrl-Sprechgesang des Songs Pic Nic vergleicht, sich über den Gegensatz zwischen dem fröhlichen Punk von Cerca de Prédio und dem mit Industrial-Elementen gespickten Ethno-Pop von Conta Gotas wundert. Selvática ist ein wilder Genremix mit einem Herz für Música Popular Brasileira (kurz: MPB), also im besten Sinne brasilianische Populärmusik, und in nicht zu unterschätzendem Maße für Underground. Da ist Platz für ein bluesiges Chanson wie Vela e Navalha, ebenso wie für angeregtes Strandfeeling mit dem einen oder anderen Caipirinha in der Hand (Rimã). Ein weiteres Highlight, der herrliche Reggae von Alcunha de Ladrão.

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Musik für Genussspechte – Robbing Millions

Man wähle eine sehr charmante Indie-Pop-Kapelle und denke sich den Spielwitz einer Nu-Jazz-Formation wie Jaga Jazzist dazu, dann ungefähr vermag eine erste Idee davon bekommen, was die Brüsseler Band Robbing Millions mit ihrem gleichnamigen Debüt ausheckt. Jener psychedelische Pop ist zuallererst Pop, ausgesprochen federleichter und fröhlicher noch dazu. Allerdings bricht die Band bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit dem formalen Schema des Pop, dann durchzieht ein funkiges bis jazziges Flair das Werk. Im Fluss säuselnder Glücksmomente ist jede Menge Platz für luftige Verschwurbelungen oder nostalgische Gitarrenriffs oder Math-Rock-Anklänge. Robbing Millions bescheren uns einen Sound, den die Belgienexpertin Eva-Maria von Plan My Escape anlässlich eines Konzertberichts vom Eurosonic Festival 2015 treffend mit den Adjektiven „weirdrockig, hingebungsvoll, durchgeknallt, absinthgrün, schwärmerisch, übertrieben, verträumt, unberechenbar“ versehen hat. So klingt Musik, die völlig verschwenderisch mit ihrer Kreativität umgeht.

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Photo Credit: Tina Herbots

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Ein klanglicher Blick auf mir vertraute Berge – Mountain

Ich hoffe, dass ich mir auf diesem Blog nicht zu oft anmaße, die Beweggründe und Motive eines musikalischen Werks genau zu kennen. Ich habe auch durchaus Zweifel, ob man ein künstlerisches Werk zum Beispiel dadurch ganz und gar begreift, indem man sich in dessen Schöpfer hineinversetzt. Im Falle der Villacher Formation Mountain meine ich allerdings schon, dass mir der Zugang zum Album Evolve auch dadurch gelingt, dass Mountain aus meiner Geburtsstadt stammen. Villach, im Süden Österreichs gelegen, ist von Bergen umgeben. Zum einen von der Gebirgskette der Karawanken mit dem Hausberg Dobratsch, und zum anderen von der Gerlitzen, einem Ausläufer der Nockberge. Die beiden Gipfel dominieren das Panorama, zahlreiche wunderbare Seen tun ihr Übriges. Landschaftlich hat diese Gegend viel zu bieten. Deshalb wundert es mich nicht, dass der Bandname einen Bezug zu dieser Natur hat. Noch weniger überraschend ist der Umstand, dass Mountain im Genre des Post-Rock zu verorten sind.

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Schlaglicht 62: Tsar B

Electro- oder Synthie-Pop mit von Kirke oder Kassandra inspirierten Frauenstimmen ist noch lange nicht aus der Mode. Was aber nicht bedeuten soll, dass man sich als Musikerin nicht den einen oder anderen Kniff einfallen lassen sollte. Den Hirnzellen der Belgierin Tsar B ist ein toller Ansatz entsprungen, der orientalische Ethno-Klänge mit R&B verbindet. Daraus resultiert ein geheimnisumwitterter, sinnlicher Electro-Pop, der in den stärksten Momenten Exzentrik und Eingängigkeit wunderbar austariert. Escalate etwa kommt mit mal salvenhaften, mal aufreizend knalligen Beats daher, ein melodramatischer Gesang wechselt sich mit R&B-Gestöhne ab, orientalische Instrumentierung und eine jammernde Violine runden die Chose ab. Eine intensive Nummer! Und nicht die einzige, die diese Debüt-EP zu bieten hat. Fort funktioniert nach einem ähnlichen Strickmuster, wobei es ein bisschen poppiger wirkt. Auch hier ist die Fülle an Details, die mit jedem Hördurchlauf deutlicher hervortreten, erstaunlich. Tsar B gestaltet ihren Sound facettenreich und hintergründig aus, läuft daher auch nie Gefahr, als R&B-Hupfdohle oder Ethno-Pop-Tussi abgestempelt zu werden. Die werte Kollegin Eva-Maria von Plan My Escape charakterisiert die Belgierin als eine neue Scheherazade. Schlaglicht 62: Tsar B weiterlesen

Schatzkästchen 74: Mountain – Hawking

Vielleicht kennen das die Leser dieses Blogs ja! Das Gefühl nämlich, dass etwas fehlt, das das Leben bereichert. Manch Menschen werden nun mit dem Kopf nicken, an viel Geld oder die große Liebe denken. Aber das meine ich gar nicht. Mir geht es eher um ganz winzige Kleinigkeiten, die das Potential besitzen, das Wohlbefinden ungemein zu steigern. Dieser Tage fiel es mir wie Schuppen von den Augen, dass ich im Musikjahr 2016 noch praktisch keinen Post-Rock gehört habe. Irgendwie war in mir schon das unbestimmte Gefühl hochgekrochen, dass trotz viel toller Alben die letzten 8 Monate nicht die ganz große Erfüllung parat hielten. Wie konnten sie auch!? Ohne Post-Rock macht alles musikalische Sein nur bedingt Sinn. Die Formation, die diesen Missstand beseitigt hat, kommt noch dazu aus meiner Geburtsstadt Villach im zweifelsohne schönen, aber nicht eben für außergewöhnliche Musik verschrienen Kärnten. Mountain nennt sich die Band, angesichts der Villach umgebenden Gebirgskulisse ein naheliegender Name. Was mir an den Herren imponiert, ist der rustikale, durchaus altmodische Gitarren-Post-Rock, der in bester Tradition instrumental und beredt zugleich anmutet. Mal mächtig und herb, dann wieder hell und verträumt, Mountain beherrschen den rauen Bombast mindestens so wie die filigrane Stimmungen. Demnächst steht die Veröffentlichung des Albums Evolve an, über das ich nächste Woche noch ein paar Worte verlieren werde. Bis dahin jedoch möchte ich den Leser den Track Hawking ans Herz legen. Schatzkästchen 74: Mountain – Hawking weiterlesen

Eine kleine Playlist meiner bisherigen Lieblingslieder 2016

Ehe es in ein fraglos spannendes letztes Drittel des Musikjahrs 2016 geht, habe ich eine kleine Playlist mit Songs zusammengestellt, die mir 2016 im Ohr haften geblieben sind. Keines dieser Lieder habe ich aus dem Hut gezaubert, im Lauf des Jahres wurden alle bereits mit lobenden Worten bedacht. Wer beim Anhören dieser 12 Tracks hellhörig wird, darf sich gern durch die Posts stöbern, in denen ich mich mit den Stücken ein wenig näher beschäftigt habe.

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Ein Amuse-Gueule! – Nouvelle Vague

Wer nicht nur in Schnellrestaurants verkehrt, wird ihn vielleicht kennen, den Gruß aus der Küche, mit welchem man den Gästen eine erste Kostprobe der zu erwartenden Kochkunst serviert. Im Französischen bezeichnet man dies deftig-lieblich als Amuse-Gueule. Dieses Appetithäppchen soll die Neugier aufs Menü wecken, alle Geschmacksknospen aktivieren. Es soll andeuten, ohne jedoch bereits alle Kniffe des Kochs zu verraten. In der Musik sind solch Amuse-Gueules leider oft verpönt, da wird die Lust auf ein neues Album dadurch geweckt, dass vorab schon der Schweinebraten gereicht wird. Nun verstehe ich natürlich, warum es im Musikgeschäft wenig Platz für Andeutungen gibt. Im ständigen Wettbewerb um Aufmerksamkeit darf nicht erst gekleckert, vielmehr gleich mit der Hitsingle geklotzt werden. Da hat es ein Koch natürlich leichter, wer im Lokal aufschlägt, muss nicht erst zum Essen überredet werden. Dies alles kam mir in den Sinn, als ich in die neue Athol Brose EP des französischen Projekts Nouvelle Vague reinlauschte. Dessen Macher Marc Collin und Olivier Libaux haben es geschafft, mit einem so charmanten wie cleveren Konzept mehrere Alben mit Erfolg zu bestreiten. Man nehme Klassiker des New Wave und interpretiere sie völlig neu, indem man sie in leichtfüßigem Pop – mit entspannten lateinamerikanischen Rhythmen kombiniert – ansiedle und mit zarten Frauenstimmen verbräme.

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Photo Credit: Julian Marshall

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Schatzkästchen 73: Lions of Dissent – Heaven Sent

Vielleicht geht es ja nicht nur mir so, dass ich Shoegaze an einem heißen Sommertag angenehm erfrischend finde. Falls es den werten Lesern ähnlich geht, möchte ich eine sehr gute Empfehlung weiterreichen. Beim Bloggerkollegen Peter von Coast Is Clear habe ich nämlich Lions of Dissent aufgestöbert. Die Formation aus Wolverhampton, die sich laut eigenen Angaben eher als kreatives Kollektiv denn Band versteht, imponiert mit Heaven Sent, einem Indie-Rock-Track mit starkem Shoegaze-Charakter und einem altmodisch-inbrünstigen Gesang. Beim Indie-Rock der letzten 15 Jahre geht mir mitunter die gesangliche Qual, die überbordende Emotion ab. Eben dies zeichnet den Song aus, dieses schwelgerische Achtziger-Flair. Neben dominanten Gitarren setzen auch Synthies einen atmosphärisch dichten Akzent. Ich würde es wirklich selten nennen, dass ein Lied ungemein wuchtig, ja fast hymnisch, und doch zugleich luftig tönt. Ich bin begeistert!

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