Ein Dylan-Dilemma – Fraser A. Gorman

Ein ordentliche Dosis Alternative Country, ein bisschen altbackener Rock, dazu eine lupenreine Folk-Ballade und natürlich noch Singer-Songwritertum klassischen Zuschnitts. Solch Ingredienzien machen Slow Gum zu einem aus der Zeit gefallenen Debüt, zu dem man dem aus Down Under stammenden Jungspund Fraser A. Gorman  gratulieren darf. Hinter dem Namen wie Fraser A. Gorman würde man eher einen drögen Romancier mit Ambitionen in Richtung Booker Prize vermuten. Doch weit gefehlt. Gorman verbindet australische No-worries-Lässigkeit mit einnehmendem Americana-Storytelling, besticht mit retroesk gestrickter Stimme.

Natürlich könnte man das Album auch als Ansammlung netter Lieder ohne Essenz abtun. Dann freilich würde man einer Meinung mit dem Rezensenten des Musikexpress sein. Wer will das schon? Man könnte die Meriten der Platte anerkennen und dennoch wie der Guardian zum Ergebnis kommen, dass das Strickmuster der Platte („sunshine-peaking-through-gossamer textures“) stets dasselbe bleibt. Vielleicht liegt auch NME nicht völlig verkehrt, wenn er dem Album unterstellt, dass es alten Sounds neues Leben einhaucht. Ich für meinen Teil habe mir beim Hören von Slow Gum aber gedacht, dass man die Kirche im Dorf lassen sollte. Ein Dylan-Dilemma – Fraser A. Gorman weiterlesen

Schatzkästchen 21: Hunter Lea – Smoke and Mirrors

Es ist das alte Lied. Gleichgesinnte gründen eine Band, veröffentlichen ein Debüt, das nicht die gewünschte Resonanz erzielt, woraufhin man es wieder gut sein lässt. So ist es auch der Band Mono In VCF nach ihrem 2008 veröffentlichten Debüt ergangen. Doch warum eigentlich sollte man sich zu früh entmutigen lassen? Das hat sich wohl der Bassist und Gitarrist Hunter Lea wohl gedacht und zusammen mit Sängerin Kim Miller den wunderbaren Track Smoke and Mirrors aufgenommen. Dieser Song entzückt als psychedelisch gefärbter, mit Western-Touch versehener und in Unwirklichkeit schwebender Dream-Pop. Smoke and Mirrors ist ein derart gelungenes Lied, das zumindest ich die erneute Zusammenarbeit gern auf Plattenlänge ausgeweitet sehen möchte. Schatzkästchen 21: Hunter Lea – Smoke and Mirrors weiterlesen

Geburtsstunde einer großen, glücklichen Kindheit – Fir Cone Children

Die Zielgruppe zu benennen, ist meiner Meinung nach schon die halbe Miete. Das gilt für den Geschäftsmann wie für den Musiker. Das im Speckgürtel von Berlin angesiedelte Ein-Mann-Projekt Fir Cone Children hat als Zielgruppe kleine, gerade einmal zwei Jahre alte Knirpse und Knirpsinnen ausgemacht, die mittels Beschallung durch  Punk-Shoegaze-Gewusel so richtig durch den Vorgarten wirbeln sollen. Das Album Everything Is Easy kommt mit knackigen Zweiminütern samt viel verzerrtem DIY-Flair daher. Diese Songs machen Rabatz, sind dabei zugleich wonnig und niedlich. Sie kanalisieren überschüssige Energien, indem sie derart viele Purzelbäume schlagen, dass kein Grashalm ungeschoren bleibt. Everything Is Easy will elfmal zwei Minuten furchtlos Kind sein, richtig unbeschwert durch die Pampa wetzen. Ich meine, dies gelingt.

So tönt Musik, die sich alle Arten von Effekten gleich Bonbons in den Mund stopft, um dann mit dicken Backen zu einem seligen Grinsen anzusetzen. Derart klingt es, wenn alles neu und aufregend und bar jeder Sorgen scheint, wenn großes Staunen und viel Tralala vorherrscht. Vieles gerät zur Entdeckung, alles ist ein Rambazamba und quietschiges Lachen wert. Ob Lo-Fi-Garage oder Noise-Dream-Pop, jenen Liedern wohnt stets lärmiges Frohlocken inne. Auf gewisse Weise fühle ich bei diesem Album an den großartigen Comic Calvin and Hobbes erinnert. Geburtsstunde einer großen, glücklichen Kindheit – Fir Cone Children weiterlesen

Schatzkästchen 20: Veruca Salt – Empty Bottle

Ich fühle mich eigentlich noch nicht in dem Alter, um lediglich in Erinnerungen zu schwelgen. Wenn ich freilich registriere, dass eine Band, die ich zu Studienzeiten sehr gern gehört habe, nach 15 Jahren wieder in Originalbesetzung vereint eine neue Platte veröffentlicht, dann werde ich vielleicht wirklich ein wenig rührselig und denke an die Zeit Ende der Neunziger zurückt, als mir das Album Eight Arms To Hold You viel, viel Freude bereitet hat. Die Band, von der ich spreche, ist Veruca Salt, eine amerikanische Alternative-Rock-Formation mit zwei charismatischen Frontfrauen. Veruca Salt haben den Sprung über den großen Teich nie wirklich geschafft, sind meinem Eindruck nach in deutschsprachigen Gefilden kaum bekannt. Zumindest damals, als das Internet noch ein Teenager war, war es auch gar nicht so leicht, etwas über Veruca Salt herauszufinden. Louise Post und Nina Gordon hatten es mir durchaus angetan, ich würde sogar sagen, sie haben mir female-fronted Rock so richtig schmackhaft gemacht. Doch als sich Gordon im Streit von der Band verabschiedete, schwand auch mein Interesse für die Band, die danach viele diverse Besetzung erlebte, einzig Post als Konstante hatte. Dass sich nun die gesamte Urbesetzung zu einem Comeback anschickt, endlich die Friedenspfeife geraucht wurde, freut mich sehr. In wenigen Tagen erscheint nun Ghost Notes, als Vorgeschmack erschallt schon jetzt der Song Empty Bottle. Schatzkästchen 20: Veruca Salt – Empty Bottle weiterlesen

Schlaglicht 20: Radio Elvis

Wenn mir die bloggende Kollegin Eva-Maria eine Band als Mischung aus Jacques Brel, Paul Simons Rhythm-Phase und coolem Britpop ankündigt, werde ich natürlich hellhörig. Und tatsächlich ist die Pariser Formation Radio Elvis sehr besonders. Ein markanter, durchaus an französischen Chansonniers orientierter Gesang wird mit melodischem und zugleich erstaunlich robustem Indie-Rock vebunden, das Resultat fällt in jeder Hinsicht stupend aus. Hätte nicht die Band Baden Baden zu Jahresbeginn ein Spitzenalbum veröffentlicht, ich würde Radio Elvis ohne Wimpernzucken zum Allerbesten erklären, was 2015 in puncto Indie aus Frankreich an mein Ohr dringt. Wenn ich die Sache richtig verstehe, ist ihre Debüt-EP Juste avant la ruée letztes Jahr erschienen und 2015 von PIAS France nochmals veröffentlicht worden. Und die Band lässt sich nicht lumpen, legt sogleich nach, im Juli wird die EP Les moissons erscheinen.

Juste avant la ruée bekommt mehr als nur ein Bienchen ins Heft. Goliath etwa ist nicht weniger als phantastisch. Schlaglicht 20: Radio Elvis weiterlesen

Schutzlos unter den Sternen – Binoculers

Dream-Folk-Pop mit Singer-Songwriter-Charme beschert uns das Hamburger Projekt Binoculers unter der Federführung von Nadja Rüdebusch. Einen Ausblick auf das Album Adapted To Both Shade And Sun habe ich bereits im April gegeben, nun möchte ich mir dieses mit gelenker Hand und selbstverständlicher Kunstfertigkeit vollbrachte Stück Musik noch ein wenig näher ansehen. Gelungene, auf Englisch gehaltene Singer-Songwriter-Platten aus Deutschland sind zumindest für mich noch immer eine Art Kuriosum. Weit entfernt von jeder Selbstverständlichkeit. Rüdebusch jedenfalls gelingt mit ihrem Vehikel Binoculers eine souveräne, angenehm international anmutende Platte mit einer ganz eigenständigen, verwirrenden Aura.

Der Moment, in dem aus Musik Magie wird, jener Augenblick kommt im vorliegenden Fall durchaus früh. Schon der zweite Song des Albums verzaubert. Where The Water Is Black besticht durch dunkle Poesie und einen anfänglich schleppenden, ganz allmählich jedoch fülliger werdenden Sound. Und irgendwann zur Hälfte dieses Gangs durch die Nacht fallen die Schritte sicherer aus, tänzeln elegant dahin, befunkelt vom hellen Sternenglanz am Firmament („But the stars are the brightest where the water is black“). Mit diesem Lied entfernt sich die Platte rasch von jeglicher deutschen Pomadigkeit. Und es bleibt bei Weitem nicht die einzige eindringliche Nummer dieser Platte! Schutzlos unter den Sternen – Binoculers weiterlesen

Schatzkästchen 19: St. Germain – Real Blues

Heute ist ja alles gleich ein unfassbares, überfälliges Comeback. Wenn sich ein Musiker mehr als drei Jahre Pause gönnt oder schlicht von der Plattenfirma geschasst die eigene Karriere neu justieren muss, wird gleich das Wort Comeback bemüht. Wie freilich eine echte Rückkehr ins musikalische Rampenlicht aussieht, macht uns gerade St. Germain vor. Die älteren Semester unter uns werden sich noch erinnern können, wie Ludovic Navarre unter dem Projektnamen St. Germain die zweite Hälfte der Neunziger mit einer Mischung aus Nu Jazz und House bereicherte. Speziell der Track Rose Rouge mit seinem Sample von Dave Brubacks legendärem Take Five und Marlena Shaws stimmlichem Glanz ist Musikfans fraglos im Gedächtnis geblieben. Nun also, 15 Jahre nach dem letzten Album Tourist, gibt es tatsächlich eine neue Platte zu vermelden. Real Blues ist für den Oktober angekündigt, der Titeltrack ist bereits jetzt zu hören. Und schon wieder sticht das Sampling ins Auge, wenn das Stück Real Blues Vocals von Lightnin’ Hopkins, einem der großen Vertreter des afroamerikanischen Blues, mit traditionellen Klängen aus Mali mischt. St. Germain entdeckt klassische afrikanische Instrumente wie Ngoni oder Kora für sich, nimmt sie in sein Repertoire auf. Schatzkästchen 19: St. Germain – Real Blues weiterlesen

Schlaglicht 19: Farao

Der unter dem Künstlernamen Farao wirkenden norwegischen SingerSongwriterin Kari Jahnsen habe ich in den letzten Jahren schon die eine oder andere Zeile spendiert. Nun freilich scheint das, was lange währt, endlich gut. Es gibt ein Albumdebüt zu vermelden – und dies sogar noch mit konkretem Veröffentlichungsdatum! Im September soll Till It’s All Forgotten das Licht der Welt erblicken. Zwei Tracks der anstehenden Platte zeigen Faraos Qualitäten deutlich auf. Sie vermag die makellose Elfe zu geben, die in einer Mischung aus Folk-Pop und Synthie-Pop sehnend, leidend, fieberhaft und melancholisch lustwandelt. Ihre Songs widerstehen gängigen Mustern, sind Experiment, sind Rätsel, sind Sirenenklang. Bei Bodies etwa dominiert eine verpeilter Rhythmus, der dem Song verquer, verlangend und verschroben tönen lässt. Hier wird Kammermusik – man höre nur die Bläser! – mit einem Synthie-Gewitter überzogen. Schlaglicht 19: Farao weiterlesen

Indie-Lieblingslieder 2015 – Ein Zwischenstand (Teil 2)

Ein wenig atemlos hechle ich stets der Musik hinterher. Irgendwann im Jahre 2016 werde ich vielleicht einmal den Jahrgang 2013 endgültig verdaut haben. Ich bin also vielleicht nicht der geeignetste Blogger, um in einer Art Zwischenstand meine ganz persönlichen Indie-Highlights des Musikjahres 2015 aufzulisten. Ich tue es dennoch, denn so einige Highlights habe ich in diesem Jahr bereits entdeckt. Und gute Musik kann man nicht oft genug erwähnen! Hier nun der 2. Teil der Glanzlichter:

BinoculersWhere The Water Is Black (Deutschland) [Das Album Adapted To Both Shade And Sun ist 19.06.2015 auf Insular erschienen.] (Ankündigung)

East Cameron FolkcoreOur City (USA) [Das Album am 10.04.2015 auf Grand Hotel van Cleef erschienen.] (Review)

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Indie-Lieblingslieder 2015 – Ein Zwischenstand (Teil 1)

Ein wenig atemlos hechle ich stets der Musik hinterher. Irgendwann im Jahre 2016 werde ich vielleicht einmal den Jahrgang 2013 endgültig verdaut haben. Ich bin also vielleicht nicht der geeignetste Blogger, um in einer Art Zwischenstand meine ganz persönlichen Indie-Highlights des Musikjahres 2015 aufzulisten. Ich tue es dennoch, denn so einige Highlights habe ich in diesem Jahr bereits entdeckt. Und gute Musik kann man nicht oft genug erwähnen! Hier nun der 1. Teil der Glanzlichter:

Baden BadenÀ tes côtés (Frankreich) [Das Album Mille éclairs ist am 09.02.2015 auf naïve erschienen.] (Review)

My Brightest DiamondCeci Est Ma Main (Groundlift Remix) (USA) [Die EP I Had Grown Wild ist am 15.05.2015 auf Asthmatic Kitty Records erschienen.] (Schatzkästchen) Indie-Lieblingslieder 2015 – Ein Zwischenstand (Teil 1) weiterlesen