Abgespritzt und hingerotzt

Die Feder des Kritikers ist spitz und spritzt oftmals Gift und Galle. Ob Hobby oder Beruf(ung) – das Füllhorn des Schlechtmachens kennt viele Facetten. Loblieder können auch Weicheier fabrizieren, aber deftige Rezensionen bedeuten eine Kunst für sich. Darin liegt viel Potential für Selbstprofilierung. Werfen wir deshalb heute einen klitzekleinen Blick auf die Musikjournaille, setzen wir uns kurz mit den zwei Hauptphilosophien auseinander. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Musikkritiker sind von der Aura eines groben Missverständnisses umgeben. Der ins Haus flatternde Promokram ist nicht etwa gleich einer Schachtel Pralinen, in welcher sich Leckereien verbergen, sondern vielmehr pure Belästigung. Jegliche CD oder MP3 ist in erster Linie der unverschämte Versuch eines Musikers oder Labels sich in die aufregende Existenz des Kritikers zu drängen, um dadurch den Hauch von Relevanz zu atmen. Solch emporkömmlerisches Begehren schreit geradezu nach einer gnadenlosen Abwehrhaltung. Die literarische Schaffenskraft des Rezensenten durch Press kits beeinflussen zu wollen, solch Ansinnen krächzt nach Bestrafung. Das Sado-Maso-Verhältnis scheint systemimmanent. Es erfüllt die Eitelkeiten beider Parteien.

Der Kritiker als gottgleiches Wesen hat ein Anrecht auf unreflektierte Distanz zur eigenen Schreibe. Als Mann/Frau des Wortes, von denen jedes einzelne unter Händeringen hervorgebracht wird, darf man sich ausschließlich an den eigenen Fertigkeiten orientieren. Ein Fokus auf musikalische Nuancen trübt den Blick, verwässert das Urteil – ein Verdikt mit dem Potential eine Guillotine zum Kinderspielzeug verkommen zu lassen.

Merken wir uns folglich: Kritik erfährt die Daseinsberechtigung durch sich selbst, die Anlässe – Konzert, Albumveröffentlichung – sind lediglich vernachlässigbare Nebenschauplätze. Die kreative Freude an Verbalinjurien steht im Vordergrund. Doch es geht auch anders. Und dies führt uns schnurstracks zur zweiten Motivation von Rezensionen.

An manchen Tagen spritzt die Feder nämlich auf messianische Art und Weise. Dann wird der eigene Geschmack als absolut erklärt. Frei nach dem Motto „Was mir gefällt, hat dir auch zu gefallen!“ wird der Leser in Geiselhaft genommen und jedweder Einspruch schlichtweg als Absurdität des Unwissens abgetan. Das Lobhudeln auf der ganzen Linie dient der Glorifizierung von Küstler und Kritiker, die sich in diesem Fall das Rampenlicht teilen. Und den Applaus natürlich auch.

Wir erleben ein Zeitalter, in dem Ausgewogenheit weniger chic als marktschreierische Extreme scheint. Hingerotzt werden Verteufelungen und Begeisterungsstürme. Auf der Strecke bleibt die sachliche Auseinandersetzung mit Musik. Etwaiges Wissen über Theorie und Praxis, Anspruch und Umsetzung schippert über den Jordan, wird vom Trommelfeuer sensationslüsterner Superlative übertüncht. Dieser Blog ist anders. Er kombiniert Freude am musikalischen Erleben mit recherchierten Hintergründen, staffiert nie aus, schwurbelt nie rum. Bleibt freilich stets provokant und amüsant. Eigentlich ein guter Grund die professionellen Scharfrichter des Feuilletons zu ignorieren. Darum: Lie In The Sound noch heute bookmarken!

SomeVapourTrails


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