Anatomie eines Tunichtguts

Wie bereits in unserem vorherigen Blog-Eintrag müssen wir uns heute noch einmal kurz mit dem leidigen Thema Filesharing beschäftigen. Anlass dafür ist die in manch unverbesserlichen Blogs vorgetragene Meinung, wonach es sich bei Filesharing um eine Art Notwehrreaktion gegenüber der bösen Plattenindustrie handelt. Diese Robin-Hood-Attitüde der Verfechter des Filesharings beruht auf Selbsttäuschung. Fassen wir daher noch einmal die Problematik der Situation kurz und bündig zusammen.

Lassen wir einmal die Anfangsjahre des Filesharings (Napster) ausser Acht. Seit einiger Zeit ist die Rechtslage eindeutig. Filesharing auf Tauschbasis (Upload und Download) ist illegal, weil es Copyrights verletzt. Da dieses Thema in den Medien sehr präsent war und ist, handeln Filesharer mehrheitlich wissentlich gesetzeswidrig. Warum tun sie das? Die Argumentation, dass ein Album zuerst eines ausführlichen Probehörens unterzogen werden muss, ehe man dann einen Kauf ins Auge fasst oder aber davon Abstand nimmt, ist angesichts der unzähligen kostenlosen Möglichkeiten ausführlichen Streamens nicht haltbar. MySpace, Last.fm oder iLike sind die bekanntesten Quellen, doch auch auf Künstler-Homepages findet man diese Option vermehrt. Die angeführten Gründe, wonach die Plattenfirmen und viele Künstler ohnehin schon zu reich sind, scheinen ebenfalls obskur. Die Telekom ist auch „reich“ und dennoch muss man die monatliche Telefonrechnung begleichen. Das intellektuell anspruchsvollere Argument, dass die Vervielfältigung von MP3s ja per se keinen Diebstahl darstellen kann, da niemandem etwas weggenommen wird, negiert den Verdienstentfall des Künstlers völlig.

Den Schreibern dieses Blogs geht es um den Künstler. Die Geschichte der Kunst steht in enger Verbindung mit der Entwicklung der Gesellschaft. Der Künstler erschafft Kunst aus einem inneren Bedürfnis heraus und unter Verwirklichung seiner Talente. Die gesellschaftliche Sehnsucht nach Kunst ist durch die Jahrtausende ungebrochen. Wir suchen Inspiration durch die vielfältigen Formen des Kunstgenusses. Insofern ist der Wunsch des Künstler seinen Lebensunterhalt mit der Produktion von Kunstwerken zu bestreiten legitim. Er bietet uns Erbauung, Unterhaltung und Anregung, liefert eine Dienstleistung. Das Aufkommen der Demokratie hat auch den Künstler endgültig vom Mäzenatentum befreit und eine breite gesellschaftliche Unterstützung in Form von Käufen einerseits und einer staatlichen Förderung ohne Einflussnahme andererseits erlaubt. Filesharing stellt eine existenzielle Bedrohung für Musiker dar, der Verdienstentgang trifft arme und reiche Musiker in gleichem Maß. Die sich gleichzeitig ständig verstärkende Kommerzialisierung von Kunst im Allgemeinen und speziell Musik verstärkt den Druck. Die von Konsumenten genützten Kanäle des Erwerbs bleiben kleineren Labels und Musikern, welche sich nicht dem Diktat der Industrie beugen, oft verschlossen. Nicht jedes Album ist eben über Amazon erhältlich.

Doch zurück zur Anatomie eines Tunichtguts. Der Filesharer befriedigt seinen Wunsch nach Inspiration und Unterhaltung, in dem er Musik konsumiert, spricht aber gleichzeitig dem Musikschaffenden das Recht ab, dafür auch ein Entgelt zu bekommen. Wie aufrichtig ist solch eine Handlung? Wie sehr ist das nicht Ausdruck einer derzeit vorherrschenden Mentalität, die sich in der Gier erschöpft? Alles soll/muss jederzeit gratis verfügbar sein. Ein „Will haben!“ ohne gleichzeitige Gegenleistung erscheint zutiefst egoistisch. Sagen wir den Egoisten den Kampf an!

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Anatomie eines Tunichtguts

  1. Tja, Da haben wir so richtig gegensätzliche Meinungen. Aber das schätze ich so an der Blogosphäre. Und anders entsteht Demokratie ja eigentlich auch nicht. Die Fakten schenk ich mir jetzt, die sind bekannt.

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