Perversionen des Rap – Sido

Gestern in der Straßenbahn. Ich auf dem Weg zu einer unangenehmen Untersuchung, umgeben von Jugendlichen. Einer der Pubertierenden holte sein Handy hervor und bald schallte Sido und sein Song Ficken durch den Wagon. Nun darf/muss wohl jede Jugendkultur einer Musikrichtung huldigen, welcher das Potential zur Provokation innewohnt. Die Hippie-Bewegung ist das beste Beispiel dafür. Und dennoch ist Sido und das Label Aggro Berlin die Herausforderung schlechthin für eine aufgeklärte, wehrhafte Gesellschaft. Man lasse mich dies verdeutlichen.

Die Errungenschaft der letzten Jahrzehnte ist die Freiheit. Wir dürfen unsere Individualität ausleben. Alle politischen Modelle, die eine normierte Versklavung des Menschen zugunsten der Volksgemeinschaft oder Arbeiterschaft anstrebten, sind gescheitert. Trotz heutiger Big-Brother-Tendenzen ist jeder einzelne Bürger innerhalb der definierten Menschenrechtsgrenzen frei. Allerdings ist Freiheit ein fragiler Wert, der die Gesellschaft in die Pflicht nimmt. Freie Meinungsäußerung bedeutet zwar, alles sagen zu dürfen, aber eben nicht, dass man damit auch ungeschoren davonkommt. Diese Wehrhaftigkeit gegenüber Hass, Intoleranz oder allgemein Menschenverachtung liegt in der Verantwortung jedes Staatsbürgers. Sie beschneidet die Freiheit nicht, verteidigt sie vielmehr.

Unter diesem nun wortreich dargelegten Aspekt erscheinen Sidos Texte gefährlich. In vielerlei Hinsicht. Lassen wir den werten Herren einmal selbst sprechen:

Arschficksong

Es fing an mit 13 und ’ner Tube Gleitcreme.
Dann braucht man nicht erst lockern, sondern kann ihn gleich reinschieben.
Katrin hat geschrien vor Schmerz, mir hat’s gefallen!
Ich hab‘ gelernt man kann ’ne Hand reinschieben und dann ballen!
Ich hab‘ experimentiert, Katrin war schockiert!
Sie hat nich gewusst, dass der Negerdildo auch vibriert!
Ihr Arsch hat geblutet und, ich bin gekomm‘.
Seit diesem Tag sing ich den Arschficksong!

Jeder kriegt, was er verdient

Jeder kriegt, was er verdient.
Keule aufn Kopf, Ast in Arsch,
Pfefferspray in dein Auge, das macht Spaß.
Fuß in den Hoden,
du bist der Boden.

Scheiss drauf

Scheiss drauf, ich sags wie’s ist, ich scheiß auf deine Sicht.
Scheiss drauf, weil du mit deiner Meinung alleine bist.
Scheiss drauf, ich mach das wie auf dem Scheisshaus.
Ich scheiss drauf, so siehts aus mein Freund.

Strassenjunge

Manchmal gehen die Pferde mit mir durch bis nach Japan,
dann schrei ich rum und hau mir auf die Brust wie Tarzan.
Dass du mir dann dumm kommst, wär‘ nicht ratsam,
es sei denn du willst ab sofort jeden Tag zum Arzt fahren.
Ich bin ein Chiller, doch ich lass mir nicht alles gefallen.
Ich bin kein Killer, doch wenn’s sein muss, dann mach ich dich kalt.

Starker Tobak. Künstlerische Freiheit ist ja eine gerne benutzte Phrase. Doch gilt nicht auch für sie der Anspruch Menschenrechte zu achten? Gewaltfantasien gegenüber Frauen (wie im Arschficksong zu erkennen) sind in keiner wie immer gearteten Form tolerierbar. Besonders dann, wenn die Botschaft keinerlei ironische Brechung aufweist. Hier wird doch kommentarlos eine sexuelle Verrohung abgefeiert, die vom pubertierenden Zielpublikum oft – nicht immer – aufgrund mangelnder Reife keinerlei kritischen Würdigung unterzogen wird. Oder nehmen wir den Song Strassenjunge. Gewalt als Mittel der Konfliktlösung, die Verherrlichung des Gesetzes des Stärkeren frei nach dem Motto „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ kann doch nicht ungeahndet durch den Äther schallen. Ebenso spricht das Lied Scheiss drauf jedem Andersdenkenden das Recht auf Dissens ab.

Man muss wirklich kein konservativer Spießbürger sein, um die Alarmglocken zu vernehmen. Die egoistische Pervertierung von Werten sollte nicht länger geduldet werden. Sido steht beispielhaft für ein Musik-Genre, welches Menschenverachtung predigt. Es ist hoch an der Zeit dagegen entschlossen vorzugehen. Menschenverachtung verletzt die Würde und Integrität von Menschen und steht in diametralem Gegensatz zu freier Rede. Stehen wir auf und wehren uns, wann immer wir mit solch Musik konfrontiert werden. Ich wünschte nur, ich hätte schon früher darüber meditiert. Dann hätte ich gestern in der Straßenbahn meinen Mund aufgemacht.

Links:

Arschficksong (Live)

Eintrag auf Wikipedia

SomeVapourTrails

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