Sinn und Unsinn des Liedermachens – Gedanken über zu Knyphausen und die Rezeption

Was soll man über den Liebling der musikkritischen Zunft noch schreiben? Wie den Liebesschwüren der Blogging-Szene noch ein Sahnehäubchen aufsetzen? Ein Zugang scheint in der unprätentiösen Betrachtung des Genres „Liedermacher“ zu liegen. Eine Option liegt im scharfen Blick auf die Rezeption Knyphausenschen Wirkens. All dies klingt trocken, nahezu langweilig. Versuchen wir es dennoch, schustern wir mit Chuzpe angereicherte Gedanken zusammen.

Die guten Liedermacher sind die Poeten unserer Tage. Sie schnüffeln nicht den Lockstoff des Kommerzes. Sie transportieren Gefühle mit ungefilterten Emotionen, hemmungslos direkt und oft mit grottig realistischen Bildern. Die Ansätze können gesellschaftliche Relevanz ebenso umfassen wie auch die individuelle Befindlichkeit des Menschen greifbar machen. Der klassische Songwriter ist in erster Linie ein Schreiber, Chronist der Zeit, dadurch oft mit zeitlosen Wahrheiten bewaffnet. Musik ist das Mittel der Message, aber nie die Botschaft selbst. Ob Bob Dylan oder Leonard Cohen, in deutschen Gefilden Wolf Biermann, für Österreich etwa Georg Danzer, alle eint die Unterwerfung von Melodien und Harmonien unter die Macht des Wortes. Die Reduktion von Musik auf eine nahezu vernachlässigbare Größe erlaubt Liedermacher und Hörer den unbeschränken Fokus auf die Botschaft.

Gisbert zu Knyphausen hat sich mit seinem gleichnamigen Debüt nun in Windeseile in den elitären Zirkel relevanter Liedermacher gedrängt. Die Ehrung ist Fluch zugleich. Jede Silbe, jeder Akkord wird auf bedeutungsschwangere Passagen abgeklopft. Wenn es nicht gefällt, wirft der Ankläger den Texten pathetische Melancholie vor. Wem die Texte aus der Seele sprechen, dem entgleiten gefühlsechte Superlative. Einer nüchternen Einschätzung entzieht sich ein Songwriter ohnehin, zu groß sind die emotionalen Barrikaden, welche die Meister mit ihren direkt präsentierten Anliegen auftürmen.

Welche Bilanz kann man über Herrn zu Knyphausen ziehen? Welche halbwegs objektiven Charakteristika erlauben eine kritische Würdigung? Kehren wir nochmals zum Stichwort Poesie zurück. Selbige funktioniert meist auf zwei Arten: Ausladende Breitbild-Szenerie oder auf Realismus reduzierte Wortgewalt. Und hier offeriert Gisbert zu Knyphausen die Alltagssprache als Motor für knappe Fantasien von Liebe und Glück („Doch irgendwann ist auch der tiefste Rausch vorbei. Dann wird es hell, dann fängt das wundervolle Leben und der ganze blöde Scheiß von vorne an.„)  Traurigkeit wird von humoresken Formulierungen flankiert („Ich hab gute Nachrichten für die unter euch, die schlechte Neuigkeit so gerne mögen. oder „Das Leben ist ein Kopfschmerz und es wird Zeit, dass du ihn spürst, hab keine Angst, er ist schnell wieder vorbei.„), Sentimentalitäten sabbern nicht („Ich bau ein wunderschönes Grab für jeden neuen Tag.„) und Tränen tropfen leise. Resümieren wir kurz und knapp. Seit dem Album „Hier“ der Band Selig gab es keine solch authentischen deutschsprachigen Texte mehr. Und eben jene Authentizität beschert den Erfolg, weil sie nicht glattgebügelt oder geschönt wirkt, keine Belanglosigkeit verbreitet. Er sprich in Zungen von den Dingen, die man selbst gerne artikulieren will.

Muss man dem Hype erliegen oder wie Spex trotzig Schwachstellen mokieren? Angesichts der mauen Konkurrenz (ja, Tomte! Und Kettcar!) und der auf hohem Niveau stattfindenden Stagnation von Element Of Crime erscheint zu Knyphausen als feiner Impuls. Wer sonst fickt Melancholie ins Knie?

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