Wo bitte geht es zur Kasse? – Gedanken zur Kultur des Stehlens

Ich bin heute großzügig und verschwende meine Zeit mit einem kurzen Abriss über die häuftigsten Argumente, weswegen man Musik nicht länger kauft, sondern stattdessen mit großer Leidenschaftlichkeit kostenlose Beschaffungsmöglichkeiten sucht.

„Musik ist viel zu teuer. 1 Euro für ein einziges Lied ist eine Unverschämtheit. Ich würde ja viel mehr Alben oder MP3s kaufen, aber nur für einen wirklich angemessenen Preis.“

Diese oft vernommene Ansage ist natürlich Mumpitz. Man könnte entgegnen, dass man sich sicher mehr Deodorant oder Schuhe kaufen würde, wenn selbige billiger wären. Wir alle könnten ein Mehr von jeder beliebigen Ware ergattern, hätte sie nicht den realistischen Preis, welcher aus den kalkulierten Kosten von Produktion und Verkauf einerseits und der Gewinnspanne andererseits resultiert. In diese Berechnung fließt auch die Marktsituation ein, sprich die Bereitschaft des Durchschnittskunden für die Ware einen gewissen Preis zu zahlen. Eben dieser muss jedoch eine dauerhafte Kostendeckung und natürlich auch einen Ertrag ergeben. Im konkreten Fall der Musikbranche sind die derzeit marktüblichen Preise wohl notwendig, um das kreative Potential mittelfristig zu erhalten.

„Den riesigen Plattenfirmen will ich kein Geld in den Rachen schieben. Und eine Madonna oder eine Britney Spears verdient immer noch genug, auch wenn ich mir ihre Alben übers Filesharing besorge.“

Das System mit all seinen Schattenseiten funktioniert derzeit so, dass jedes Label bzw. jeder Entertainment-Konzern einige wenige Artists pusht. Da wird viel Kohle in die Werbung gebuttert, damit die Zugpferde der Musikindustrie den Firmen große Gewinne bescheren. Dass dieses Geld zu einem (oft marginalen) Teil in weniger kommerzielle Musiker und deren Projekte investiert wird und selbigen somit erst Plattenveröffentlichungen ermöglicht, wird in oben angeführten Milchmädchenrechnung gerne unterschlagen. Dies machen die Labels freilich nicht aus einer philantropischen Weltsicht heraus, vielmehr müssen auch sie auf einen Mix von Stilen und Interpreten setzen, um am Markt mit all seinen Nischen präsent zu sein.

„Es kaufen ohnehin genug Leute Musik, da ist es nicht so schlimm, wenn ich armer Schlucker mir Musik halt nur so sauge.“

Zweifelsohne zahlen auch viele Menschen ihr U-Bahn-Ticket. Sicherlich entrichtet auch die große Mehrheit an Staatsbürgern die Steuern. Das entbindet den Einzeln jedoch nicht seiner Verpflichtung. Im Gegenteil, allein aus Solidarität mit den Zahlern, welche ja durch ihren Beitrag die Nicht-Zahler mitsubventionieren, besteht für jedermann die Pflicht dies auch zu tun. Alles andere ist und bleibt Diebstahl, beziehungsweise in den angeführten Beispielen Betrug.

„Künstler sollen sich nicht an die Musikindustrie ausliefern und ihre Alben gefälligst selbst herausbringen. Dann würde ich sie auch durch meine Käufe unterstützen.“

So berechtigt die Forderungen nach tiefgreifenden Änderungen im System auch sind, so wenig wird dabei bedacht wie schwierig sich die Revolte für den einzelnen Musiker präsentiert. Neben der musikalischen Kompetenz verlangt solch Handeln auch in hohem Maße wirtschaftliches und vermarktungstechnisches Know-how. Und würde ein Großteil der Konsumenten wirklich auf die Abkehr von althergebrachten Absatzschienen eingehen? Otto Normalverbraucher erwirbt sein Bio-Gemüse auch im Supermarkt anstatt es direkt am Bauernhof zu kaufen. Sobald wir also einen großen Vertrieb in Anspruch nehmen und unsere CDs bei Amazon kaufen, schlägt die Handelskette natürlich gleich etwas drauf. Verständlich, sie ist ja keine Non-Profit-Organisation. Es liegt also im fehlenden Wagemut oder auch in unser aller Faulheit begründet, warum alternative, direkt durch kleine Label oder den Künstler selbst gestaltete Vertriebskanäle noch nicht funktionieren. Dies können sich bislang höchstens etablierte Superstars wie Radiohead erlauben.

„Filesharing ist ja kein Diebstahl. Ich nehme ja durchs Runterladen niemanden etwas weg.“

Damit kommen wir zum Thema des geistigen Eigentums. In dem ich selbiges höre/lese/sehe, nutze ich es somit auch. Und folglich ist dafür eine Abgabe fällig. Sei es der Eintrittspreis im Kino oder eben der Preis eines Albums. Manchmal scheint diese Nutzungsgebühr zu entfallen, weil andere dafür aufkommen, Im Falles der privaten Radios wird die Gebühr vom Sender an die GEMA entrichtet und durch Werbung finanziert. Filesharing jedoch basiert auf dem Prinzip, dass eine gekaufte CD oder auch MP3 vielfach kopiert (damit auch genutzt) wird, hingegen lediglich einmal bezahlt wird. Der Sinn dieser Nutzungsgebühr liegt in der Finanzierung der Kreativen. Und dies sollte uns ein Anliegen sein, wird doch unser aller Leben durch die vielfaltige Ausformung von Kreativität bereichert.

„Was derzeit läuft mit den ganzen Abmahnungen, Klagen und der von der Musikindustrie geförderten Bespitzelung des Kunden, das ist ein Skandal!“

Stimmt! Die Art und Weise, wie sich Firmen und Künstler gegen den Diebstahl wehren, ist fragwürdig. Legalisierte Stasi-Methoden führen zu einem Generalverdacht gegen jeden Internet-Nutzer. Dass Copyright-Inhaber freilich ein Recht darauf haben, gegen den Diebstahl des Eigentums vorzugehen, dies ist eine rechtsstaatliche Selbstverständlichkeit. Wie das vernünftig und praktikabel umzusetzen ist, darauf wurde bis dato noch keine Antwort gefunden.

Ziehen wir ein kurze Schlussfolgerung. Die derzeit übliche Kultur des Stehlens gründet auf Ignoranz und Unrechtsbewusstsein. Man sollte sich daher nicht fragen, wie man an ein Lied kommt, ohne dafür auch nur einen Cent zu zahlen, sondern stattdessen ein forsches „Wo bitte geht es zur Kasse?“ an den Tag legen. Denn eigentlich gilt ja sogar im kapitalistischen Zeitalter der flapsige Spruch „Wer zahlt, schafft an!“. Denn die Fülle der Konsumenten hätte zweifelsohne die Möglichkeit das System zu ändern, wenn sie es nur wirklich wollten.

7 Gedanken zu „Wo bitte geht es zur Kasse? – Gedanken zur Kultur des Stehlens

  1. da haben wir ein paar unterschiedliche ansichten, nicht wahr? aber ich bezahle gern einen euro pro song auf einem schönen tonträger (ich kaufe mehr vinyle als anderes). für eine mp3-kopie, bzw für das bereitstellen und katalogisieren derselben würde ich maximal 5 cent bezahlen. ja, die riesigen korrupten plattenfirmen (medienkonzern- musikabteilungen) müssen endlich pleite gehen. dauert nicht mehr lange. was die musikverkaufenden nicht beachten: jeder bürger hat ein begrenztes kulturbudget. darüber hinaus bleiben einem nur kostenlose angebote. geld verdienen kann man aber nur mit verkaufen (oder tantiemen), nicht mit herumjammern, was man angeblich alles nicht verkauft hat. nein, filesharing ist kein diebstahl. physisches filesharing ist sogar legal (kassetten, cds, usb-sticks) und durch (leermedien) pauschalabgaben gedeckt. internet-filesharing wurde auf wunsche einzelner manager verboten. schlaue (bekannte) bands (wie NIN) stellen ihre songs selber als torrents raus, und machen millionen damit, schlaue unbekannte bands geben auch torrents raus, und werden damit bekannt. und ja, jeder musiker kann heute selber online veröffentlichen. endlich. weisste, DST, unsere diskussion wird in einigen Jahren mit der einführung einer eu-weiten pauschalabgabe auf filesharing enden, einfach, weil keine andere möglichkeit mehr bleibt. die harte realität und so.

  2. Ich kenne den Fall eines Musikers, der bei einem größeren Label unter Vertrag ist. Er hat auf Communities seine Songs in voller Länge streambar gemacht. Im Internet engagiert und doch ohne zu spammen seine Songs promotet und nahezu jedem „Fan“, welcher ihn angeschrieben hat, freundlichst geantwortet. Als sein Debüt dann rauskam, hatte es auf Torrent-Index-Seiten Tausende Treffer, während sich der Verkauf der CDs in überschaubaren Grenzen hielt. Was soll man nun so einem Künstler sagen? Dass Filesharing für die Leute erlaubt ist, die halt wenig Geld haben? Dass die Kunst frei ist und der Künstler halt auf die Almosen derer, die doch nen Cent springen lassen, angewiesen ist? Auch ich habe nur einen begrenztes Budget für Musik, um so selektiver wähle ich aus und umso mehr Herzblut zischt durch meine Adern, wenn ich den Tonträger dann in den Händen halte und in der Folge anhöre.

    Internet-Filesharing ist Diebstahl. Weil der Genuss von Musik einer Nutzung selbiger gleichkommt und damit eine Abgabe fällig ist. Schlaue Bands wie NIN können es sich dank einer sehr großen, eingefleischten Fanbase leisten, dass sie Musik auch kostenlos anbieten. Wer vom Musikmachen leben möchte und kein Star ist, für den sind illegale Downloads existenzbedrohend.

    Die Internet-Flat ist aus 2 Gründen sehr problematisch. 1. werden dann auch die User zahlen müssen, die mit Musik nichts am Hut haben. Solche Leute gibt es. Und 2. wird dann jeder Musiker erst recht zum Beitritt zu GEMA (oder einem ähnlichen Verein) gezwungen werden, der die Ausschüttung der aus der Flat gewonnen Erträge überwacht. Das alleine wird wieder dazu führen, dass die Major Label sich die Gewinne untereinander aufteilen. Die kleine Garagenband, die heute vielleicht im Monat 30 CDs verkauft, wird nach solch einer Regelung sicher weniger verkaufen und dies wird dann durch die paar Cent, die aus der Flat dann für sie abfallen, eben nicht kompensiert werden.

    Eigentlich ist Filesharing ja nur Symbol der Gier. Mehr Musik und das gratis. Wenn mein Budget nur für 2 Konzertbesuche im Monat ausreicht, dann geh ich auch nicht zu drei weiteren und will gratis hinein. Wenn mein Budget nur für 3 Kaviardöschen im Monat ausreicht, dann reklamiere im Supermarkt auch nicht mein imaginäres Recht auf ein weiteres Dutzend.

    SVT

  3. Ich komme jetzt über 11k2 hierhin und nehme im Kern eine andere Perspektive ein. Ich stimme nicht voll mit Fritz‘ Ansichten überein aber tendiere eher zu ihnen als zu Deinen. Am liebsten sind mir freie Lizenzen (Creative Commons o. ä.) als Gegenposition zum heutigen Urheberrecht. Damit haben wir den ganzen Schlammassel nicht.

    Ich begrüße Deine Kritik an der Art und Weise, wie sich primär Firmen zur wehr setzen gegen das, was Du als „Diebstahl“ bezeichnest. Über begriffliche Unzulänglichkeiten im Allgemeinen habe ich mich bei 11k2 schon geäußert.

    Ich verstehe Teile Deiner Ansätze – gerade ab den Beispiel mit dem von Dir genannten Künstler. Ich vermute da aber ein missverständliches Verstehen von Torrents und deren Nachfrage.

    Was mich interessiert:
    Was ist für Dich noch legales Tauschen (oder legales umsonst Bekommen) und was nicht? Und woran machst Du die Grenzen fest?
    Ich will mal ein paar Beispiele nennen:
    – Aufnehmen aus dem Radio (auf Kassette, CD, mp3)
    – Aufnehmen aus dem Internet-Radio (also Mitschneiden eines Streams)
    – Tauschen von CDs oder Datenträgern (aber real)
    – Mailen oder für eine Einzelperson vorübergehend auf einem Server bereit stellen
    – Tauschen in einer kleinen geschlossenen virtuellen Tauschgruppe (Freundeskreis von vielleicht 5-20 Menschen)
    – Tauschen in einer großen geschlossenen virtuellen Tauschgruppe (ab vielleicht 100 Menschen)
    – Tauschen in einer offenenen virtuellen Tauschgruppe (torrent, Edonkey…)
    – Tauschen in einer offenenen virtuellen Tauschgruppe, bei der der Betreiber Geld macht (mit Werbung, Mehrwert oder…)

    Ich selber fileshare nicht (also nicht virtuell), tausche aber ab und an Dateien. Ich sehe den Filesharer aber nicht kritischer als mich selbst. Mich selbst sehe ich allerdings auch nicht kritisch…

    Gefühlsmäßig würde ich gerne eine Grenze ziehen. Aber wo?

  4. Jetzt kommentiert mal der weibliche Part von Lie in the sound – DifferentStars:

    Das Recht auf private Gebrauchskopien sollte auf keinen Fall mit Filesharing verwechselt werden.

    Natürlich ist es legal und legitim Radiosendungen aufzunehmen.

    Es ist auch legal „realen“ Freunden Kopien von Mp3s oder CDs zu geben. Sprich wenn man 3 Freunden eine CD brennt ist das für mich völlig in Ordnung und soweit ich weiss auch legal.

    Filesharing ist etwas total anderes. Hier wird die Musik (Filme/Spiele/Software) einer unbegrenzten Zahl an potentiellen Filesharern zur Verfügung gestellt.

    Sprich es langt, dass eine Person irgendwann mal 10 – 15 Euro für eine CD zahlt und theoretisch können Millionen von Internetnutzern diese dann umsonst bekommen.

    Die Grenze ist also bei einem überschaubaren Freundes – Tauschkreis zu ziehen. Wie genau du jetzt die Grenze ziehst (3 oder 5 oder 10 Leute) ist natürlich schwierig. Jedoch auch wieder einfach: Solange alle dieser Personen nicht nur kopieren, sondern auch Musik (CDs/Mp3s) kaufen ist der Tausch von Musik nicht nur für die Hörer, sondern auch für die Künstler sinnvoll.

    Das Kernproblem unserer Zeit ist eben das viele Konsumenten nicht einen Cent pro Jahr für Musik bezahlen – sich auf deren Rechnern aber tausende von Mp3s befinden – die hoch und wieder runtergeladen werden.

    DifferentStars

  5. Also ich bin in dieser Frage auch immer etwas hin- und hergerissen, liege vermutlich so zwischen den beiden Meinungspolen hier, will aber mal eben meine „Situation“ schildern. Ich selbst lade seit einiger Zeit ziemlich viele Alben herunter (biete aber selbst keine an bzw. nur legale Songs) – dies hat bei mir das Hereinhören in Alben im früheren CD-Laden ersetzt, zumal sich mein Geschmack soweit vom Mainstream entfernt hat, dass ich hierzulande gar keine Chance mehr hätte, in einem Geschäft selbige zu finden. Von diesen Alben behalte ich anschließend eine Reihe – einige werfe ich ganz weg oder „entkerne“ sie, indem ich nervige Songs lösche. Nach ein paar Monaten, wenn sich das Album bewährt hat und mir immer noch gefällt, kaufe ich es dann auf CD. Meine CD-Käufe haben so im Laufe der Jahre nur etwas nachgelassen (primär aus Gründen von Geld- und Platzmangel), abgesehen halt von Alben, die ich mir früher „blind“ kaufte, und mich anschließend manchmal über deren mangelnde Qualität ärgern musste.

    Wären digitale Alben signifikant preiswerter als CDs (ich sehe nicht ein, für ein paar mp3s genauso viel (oder sogar mehr! Amazon Marketplace macht CDs doch ziemlich günstig) zu zahlen wie für eine Silberscheibe mit Booklet), würden meine Musikkäufe so deutlich ansteigen, denn dann würde ich eben von den geschilderten halbguten Alben (die mir als Ganzes nicht genug gefallen, um sie auf CD zu kaufen) auch eher Einzelsongs erwerben.

    Übrigens gibt es auch tatsächlich viele Alben, die man in Deutschland einfach nicht kaufen KANN, entweder weil sie alt/vergriffen oder nicht in Europa zu haben sind (das Problem habe ich manchmal bei asiatischen Veröffentlichungen). In solchen Fällen habe ich ehrlich gesagt kein allzu schlechtes Gewissen, wenn ich mir die entsprechenden Files herunterlade…

  6. @ Peter

    In dem Punkt mit den vergriffenen Alben stimme ich dir zu. Als ich noch Filesharing nutzte (als es noch jeder nutzte, vor 7 Jahren oder so) fand ich oft Files, die es wirklich nicht auf CDs gab oder deren CDs vergriffen waren. Zum Beispiel kam ich so an Hildegard-Knef-Aufnahmen, die erst 2006 dann auf CD erschienen. Wer immer damals das Album digitalisiert hat und es auf P2P anbot, war für mich ein Wohltäter.

    Zum Punkt des Downloadens, Probehörens und der damit verbundenen Entscheidungsfindung. Ich kann die Argumentation nachvollziehen und habe wohl unzählige Künstler erst in der guten alten Zeit des Filesharings entdeckt, geladen und über die Jahre nun auch sehr viele CDs gekauft. Das Problem jedoch ist, dass es doch nur die „Freaks“ sind, die für etwas zahlen, was sie doch schon gratis haben.

    Es geht mir in dem Blog nicht darum, die Musikindustrie zu loben und ihre fragwürdigen Strategien zu rechtfertigen. Mir geht es nur darum, dass Künstler auch etwas bekommen, wenn wir ihre Musik hören.

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