Asche auf unsere Häupter (Wen kümmert schon EMI?)

Die Kacke ist am Dampfen – und dies ist nicht nur kein schöner Anblick, es stinkt vielmehr gewaltig. Das britische Plattenlabel EMI hat dieser Tage Verluste bekanntgegeben, die sich auf die winzige Summe von knapp einer Milliarde Euro belaufen. Somit setzt sich die Talfahrt von EMI auch unter der Führung des Investmentfonds Terra Firma, der EMI im August 2007 für ein Butterbrot von fünfeinhalb Milliarden erworben hat, fort. Sparpläne hin, Sparpläne her, ein Ende des Abwärtstrends ist trotz Sparkurses nicht in Sicht. Als Gründe wurden flugs die Misswirtschaft der bis 2007 in Amt und Würden befindlichen Führung, falsche Auswahl der beim Label unter Vertrag stehenden Künstler und – wie immer – die sinkenden CD-Verkäufe genannt.

Soweit die Fakten. Inwieweit es für EMI hilfreich war, dass die Rolling Stones und Radiohead den angeschlagen Branchenriesen verlassen haben und Künstler vom Schlage eines Robbie Williams sich im Clinch mit EMI befinden, sei dahingestellt. Fragen wir uns doch lieber, ob uns diese Nachricht nun freuen oder doch die eine oder andere Augenbraue indigniert heben lassen soll. Sind wir Käufer, Konsumenten, Hörer wirklich schon bereit für den Zerfall althergebrachter Strukturen? Haben wir den Grad der Mündigkeit erreicht, welcher es uns erlaubt aus dem vielfältigen Angebot kleiner und kleinster Labels handverlesene Perlen zusammenzusuchen? Oder gehört die Mehrheit von uns nicht eher zu dem Typus Mensch, welcher sich im Supermarkt wohlfühlt und seine tägliche Bedürfnisbefriedigung nicht in vielen einzelnen Läden abhandeln will? Wir jammern gern über das Geschmacks- und Preisdiktat der großen Plattenfirmen und vergessen doch, dass sich kleine, unabhängige Labels noch viel mehr an einer Kostenwahrheit orientieren müssen. Sorgsam gefertigte Handwerkskunst hat eben auch seinen Preis. Der vermeintliche Untergang der zu Sündenböcken gestempelten Marktriesen würde uns vielleicht ein Mehr an Qualität bescheren, eine ausdifferenzierte Vielfalt, die andere Seite der Medaille jedoch betrachtet kaum jemand. Das Wagnis des Musikschaffenden würde durch den Zwang zu Eigenfinanzierung sicher steigen. Die derzeit klar festgelegten Vertriebswege würden unübersichtlicher werden. EMI oder Sony haben Vertriebs- und Marketingkonzepte, von denen alle unter Vertrag stehenden Künstler profitieren. Wenn nun jeder Musiker dies selbst in die Hand nehmen müsste, würde sich dies wohl kaum in niedrigeren Preisen münden. Wollen wir wirklich den totalen Offenbarungseid? Sind wir wirklich bereit jeden Künstler nicht bloß in seiner Funktion als Musiker, Sänger und Komponist wahrzunehmen, sondern ihn auch als Label(mit)besitzer, Marketingheini und Geschäftsmann zu sehen, der unbedingt gewinnbringend agieren will und muss. Wer bereits einmal bei einem kleinen Label bestellt hat, der wird wissen, dass auch dort Musik nicht einfach so verramscht wird. Alles hat seinen Preis und dies vernachlässigen wir gerne und meinen, die böse Musikindustrie würde CDs künstlich überteuern. Au contraire, mit dem Ausverkauf von Alben aus dem Backkatalog – gerne mal um 7 oder 8 Euro das Stück – betreibt sie ein Preisdumping!

Nun kann man freilich auch einen ganz anderen Zugang zur Misere haben. Einen dreisten vielleicht. Viele Jünger einer Musikflatrate, welche durch eine Internet-Pauschale eingehoben wird, träumen davon, dass man für ein paar Scheine im Monat alles bekommen kann. All You Can Eat für 10 Euro, egal ob tonnenweise Kaviar, Trüffel oder einfach nur Saumagen. Ein Restaurant, welches solch ein Angebot nicht vorher gnadenlos durchkalkuliert hat, ginge innerhalb kürzester Zeit pleite. Nur im Internet soll dies tatsächlich funktionieren? Die Filesharing-Portale als Download-Mekka, wo tausend runtergeladene Tracks vielleicht gerade einmal einen Cent wert sind? Soll so die neue Wahrhaftigkeit aussehen? Für wie dumm oder wahlweise auch selbstlos halten wir Künstler eigentlich? Oder ist uns der Künstler eigentlich völlig schnuppe? Geht es uns nur um das Besitzen von Musik – möglichst gratis oder als Sahnehäubchen illegal erworben?

Ob EMI Blödsinn macht, dies braucht uns wenig zu kratzen. Doch ein Jubel über die wankenden Branchenriesen dürfte erst dann über unsere Lippen kommen, wenn wir die Konsequenzen zu Ende gedacht haben. Im besten Fall unsere Motive selbst hinterfragen. Möglicherweise kommen wir zu dem Ergebnis, dass wir uns selbst Asche aufs Haupt streuen müssen, weil uns der Mensch hinter der Musik einen feuchten Dreck interessiert. Musik soll billig sein, möglichst gratis. Was aber wenn dieser Wunsch in Erfüllung geht? Vielleicht hört sie sich dann auch so an.

Link:

The Guardian zu EMIs Verlusten

SomeVapourTrails

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