Das Grauen lauert überall

Es gibt Tage, da möchte man einfach mal entspannen und sich abends in gemütlicher Atmosphäre ein Bier oder eine Bionade gönnen. Deshalb trifft man sich in kleiner Runde im schnuckeligen Kreuzkölln, wo ein Hauch schnoddriger Verkommenheit über all den Kneipen liegt. Berlin hat Flair, Kreuzkölln noch mehr – so ist man versucht zu reimen. Und der gestrige Tag lieferte erneut den Beweis, denn solch einen Abend vergisst man nicht…

Zu dritt dackelten wir durch die Weserstraße zu einem Lokal namens Ä. Dessen Hauptraum wirkt angenehm behaglich, nahezu heimelig. Im fein schäbigen Hinterzimmer, wo die Raucher ihrem Laster nachgehen, wartete bereits ein Tisch darauf, von uns in Beschlag genommen zu werden. Gleich bei unserer Ankunft stellten wir scharfsinnig fest, dass an jenem Abend mit einer Darbietung zu rechnen war. Ein Drittel des Raumes war zu einer Art Bühne umfunktioniert. Zwei Acts mit akkustischem Pop und experimentellem Folk schienen sich angesagt zu haben. Wabbernd zog eine vermeintliche Haschischwolke über Tische und Sitzreihen hinweg. Ein junger Mann mit Bart, der jeden Amischen vor Neid erblassen ließe, hastete geschäftig herum. Spätestens während des Soundchecks hätte man den Braten riechen müssen. Bereits dann klang es so, als würde einem Flusspferd ein Zahn gezogen. Noch freilich waren wir guter Dinge, dass dies unverhoffte kleine Konzert ein kurzweilige Abwechslung sein könnte.

Irgendwann um neun Uhr herum tappte eine mit großen – überaus großen! – Brillengläsern bewaffnete, von ihrem Stylisten wohl schrecklich gehasste Frau ins Licht, begleitet von einer Person, die dazu auserkoren war, drummerisch tätig zu sein. Ohne Einleitung, ohne Begrüßung und letztlich auch ohne Gnade begann die Musik. Was danach kam, spottete in mehrfacher Hinsicht jeder Beschreibung. Und dennoch will ich selbige hier in Ansätzen ausplaudern. Es war ja nicht nur das ständig nach dem Takt suchende Schlagzeug, das scheppernd in der Magengrube widerhallte. Auch nicht die simplen Melodien, welche in den weniger schrecklichen Momenten die Komplexität von Kinderliedern aufwiesen. Und schon gar nicht die Lautstärke, die der mitleidsvolle Tontechniker recht moderat abgestimmt hatte. Es war eine schrille, sägende, schnarrende Stimme, die einem die Gehörgänge gleich Pulsadern aufschnitt. Der angekündigte experimentelle Folk klang vielmehr nach rostigem Post-Punk. Mary And The Baby Cheeses nannte sich dieses seltsame Duo, welches auf facettenreiche Art und Weise eine grauenhafte Groteske ablieferte. Das Blut schockgefror in meinen Adern und auch die Augenbrauen meiner werten Mitbloggerin DifferentStars flitzten wie ein Jojo auf und nieder. Nach gefühlten 3 Stunden fassten sich drei angeschlagene, unschuldig in diese Kakophonie geratene Leidensgenossen eine Herz und flohen – eiligst.

Kühle Luft schwappte uns entgegen. Ein Blick auf die Uhr verriet uns, dass wir gute 30 Minuten überstanden, überlebt hatten. Wir fielen uns dankbar in die Arme, glücklich unbeschadet zu sein. Wir verspürten tiefstes Mitgefühl für die Massen masochistisch veranlagter Menschen, welche dem Grauen verfallen schienen. Aufgewühlt schritten wir planlos durch die Straßen, ehe wir in einer ruhigen Kneipe Balkanpop lauschten und der Gnade des Vergessens harrten.

Wer dem Horror in die Brille schauen will und sich von ein Bild von dem machen möchte, was Musik auch sein kann, der folge dem unten angeführten Link. Zarten Gemüter sei davon dringendst abgeraten.

Mary And The Baby Cheeses auf MySpace

SomeVapourTrails

11 Gedanken zu „Das Grauen lauert überall

  1. Nachdem ich zur besseren Beurteilung des Artikels die Myspaceseite der Gruppe ermittelt habe bin ich um eine musikalische Erfahrung reicher die ich nicht machen wollte 🙂 Interessant finde ich aber, dass die das bewusst machen und es sich nicht etwa um Unvermögen handelt.

  2. Naja – dass die „Drummerin“ selten den Takt hielt und wie eine unter Sedativen stehende VHS-Percussion-Kurs Teilnehmerin wirkte – kann man nicht wirklich mit nem Punkkonzept entschuldigen.

    Was das Publikum betrifft. Spürbar war der selbst auferlegte Zwang, diese Darbietung gut und cool zu finden. Wer Avantgarde sein will – muss eben leiden. Anders ausgedrückt – nur sehr bekifft zu ertragen – daher wohl auch die „vermeintlichen“ Haschwolken um uns herum 😉

    Die beiden Herren an meiner Seite fanden ihr Vergnügen über das Geschehen und die Darstellerinnen zu lästern. Mir bluteten die Ohren…

    Originalzitat SomeVapourTrails: „Möchte man jetzt lieber blind oder taub sein?“
    Antwort des Dritten im Bunde: „Beides!“

    DifferentStars

  3. Nun, eben diese Meinung wollte ich nicht fördern. Zumal als negativer Kritikpunkt auch noch die mangelnde Kreativität genannt werden kann. Die Verweigerungsmasche mit punkiger Attitüde ist nicht mal ansatzweise subversiv und nicht einmal dazu geeignet, sie mit einem Schmunzeln abzutun. Toll ist an der Musik weder die technische Umsetzung noch die kompositorische Leistung.

    SomeVapourTrails

  4. So, ich sehe, dass die werte Musikerin auf MySpace einen Blog-Eintrag geschrieben hat, in welchem sie auf meine Schilderung Bezug genommen hat. Sie bezichtigt mich des Spotts und der Eitelkeit, gesteht gleichzeitig ein ihn wegen mangelnder Deutschkenntnisse nicht verstanden zu haben. Nun, warum hab ich über sie denn nun einen Artikel verfasst? Wohl um zu zeigen, dass Untergrund-Musik (auch gerne als „Indie“ bezeichnet) nicht immer ein Gütesiegel darstellt. Dass die sorgsam intendierte Aneinanderreihung von Plattitüden eben nicht automatisch Sinn generiert. Es wird Zeit nicht jede laienhafte Performance als Punk abzufeiern.

  5. über geschmack soll man bekanntlich nicht streiten. aber du hast das ja nicht begriffen. gut gemacht madame, von einer 34-jährigen hätte ich ein reiferes denken erwartet.

  6. Nur mal so am Rande: Ein 33-Jähriger 🙂 Seines Namens SomeVapourTrails…
    Meistens ist jedoch die 34-Jährige frecher 😀

    Liebe Kinder – dies ist eh ein Stürmchen im Wasserglas und über Schmerzempfinden kann man genauso wenig streiten wie über Geschmack. Mir taten halt die Ohren weh…meinen Begleitern auch…SomeVapourTrails hat drüber geschrieben….

    Rezensionen jeglicher Art sind immer subjektiv…Dazu stehen wir voll und ganz.

    DifferentStars

  7. Old man, you are out, comeback to your telly and your CD collection of gems („all originals!“), take some soup, go to bed, the streets are unsafe nowadays, bad taste and strange creatures are everywhere. Music sadly, it’s not what it used to be, nobody cares anymore.
    Buy some Pat Metheny box set
    And get a REAL JOB, you would need REAL MONEYto go to a jazz club and listen to REAL MUSIC made by PROFFESIONALS.

  8. @ the person hidding behind the pseudonym Blixa Bargeld:

    You obviously didn’t read any of our blogentries… You would definitely find some great and new stuff there (not Pat Metheny 😀 …

    And thanx for the concerns. We have REAL lifes, REAl JOBs, REAl Money…are listening to REAL MUSIC made by PROFFESIONALS and really talented NON-PROFESSIONAlS.

    The only oldfashioned thing about us: We still do buy CDs…not yours of corse 😉

    As of you: Get a REAL LIFE…that’s the most important thing. Don’t waste your time with writing so pathetic and dumb comments.

    DifferentStars

  9. you’re arrogant, writing in a boring style full of cliches and have bad / no taste in music

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