Kein Ende des Hypes

Alle paar Jahre wieder wird zufällig ein lang verschollener Track entdeckt oder ein Ausschussprodukt mit viel Tamtam der breiten Öffentlichkeit endlich vorgestellt. Diese stürzt sich begierig darauf, klammert sich daran, beseelt von der unbewussten Hoffnung, darin die Rechtfertigung für eine vor Jahrzehnten begangene Geschmacksverirrung zu finden.

Die Rede ist natürlich von The Beatles – der ersten Boygroup der modernen Musikgeschichte (sofern wir die Wiener Sängerknaben außer Acht lassen). Bis zum heutigen Tage wird die Band zu Heilsbringern erhöht. Dabei wird das Phänomen der Massenhysterie oder der perfekten Selbstdarstellung auch gerne mit musikalischer Qualität verwechselt. Die Liste der Missverständnisse ist lange und mündet zum Beispiel in der absurden Annahme, dass Paul McCartney tatsächlich ein feiner Songwriter sei.

Laut dem Musikmagazin NME steht die Veröffentlichung eines 1967 aufgenommenen, bis dato nie veröffentlichten Songs namens Carnival Of Light bevor. Herr McCartney selbst hat dies laut BBC bestätigt. Der 14 Minuten dauernde Track soll aus von Stockhausen inspirierten Klangcollagen bestehen. Soweit die Nachrichten zu diesem Coup.

Dass eine Band auch fast 40 Jahre nach der Auflösung noch für Schlagzeilen in diversen Magazinen gut ist, ist einem über die Jahre grandios inszenierten Hype geschuldet. The Beatles vermochten damals ein Lebensgefühl des Aufbruchs und der Modernität zu vermitteln, welches vor allem in spießbürgerlichen Kreisen auf fruchtbaren Boden fiel. Das Songwriting der Beatles vermochte höchst selten die in der Hippie-Bewegung geforderte Radikalität einer Revolution zu vermitteln. Sie hatten weder die psychologische Reflexion der Doors, noch die authentische Rebellion einer Janis Joplin, noch den sozialkritischen Ansatz von The Kinks. Die Beatles blieben auch in den besten Phasen der kleinste gemeinsame Nenner der Sehnsüchte. Eingängige Schunkellieder (Ob-La-Di, Ob-La-Da) und Gefühlskitsch (Yesterday) wurden nur manchmal von ambitionierten Songs (In My Life) abgelöst. Erst in seinen Solo-Projekten konnte John Lennon seine wahre Genialität zur Geltung bringen, während McCartney auch nachher stets biedere Kompositionen vorlegte.

Irgendwann, wenn auch der letzte Schnipsel Musik der Band der Öffentlichkeit zu Gehör gebracht wurde, besteht durchaus die Möglichkeit, dass der Spuk ein Ende findet. Ein Schlussstrich unter den Hype gezogen werden darf. Im Jahr 2050 wird die Menschheit die werten Beatles vergessen haben und sich stattdessen ins übersteigerte Gedenken an Britney Spears und die gute, alte Zeit des Plastikpops flüchten.

Link:

NME-Artikel

SomeVapourTrails

3 Gedanken zu „Kein Ende des Hypes

  1. “ … und mündet zum Beispiel in der absurden Annahme, dass Paul McCartney tatsächlich ein feiner Songwriter sei“ (…) „während McCartney auch nachher stets biedere Kompositionen vorlegte.“

    Will mich ungern streiten, aber: Da irrst du.

    alex

  2. hi SVP,

    habe gehört, du bist etwas traurig. weil ich widerspreche? na komm‘ schon … halb so wild. oropax helfen auch gegen LSD.
    und coldplay? da hab ich das problem, dass ich mir die texte nicht merken kann und immer nur – lalala nana lala and they were all yellow – mitsingen kann. ist aber wahrscheinlich mein problem.

    alex

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