Bundesvision Song Contest 2009 – Eine Bilanz

Wer gestern Stefan Raabs Bundesvision Song Contest 2009 im Fernsehen verfolgte, bekam eine Bestandsaufnahme deutschen Musikschaffens, wie es die Akteure aus der zweiten Reihe derzeit propagieren. Im Mix fand man auch den einen oder anderen Star – und fertig war ein durchaus kurzweiliger Abend.

Wir haben einen Blick auf die einzelnen Acts riskiert und wollen den werten Lesern unseres Blogs unser Urteil nicht vorenthalten.

Hessen: Fräulein Wunder – Sternradio (Platz 6)

Eine reine Mädchenband, die nicht nur artig im Chor daherjodelt, ist ja prinzipiell begrüßenswert. Frauen mit elektrische Gitarren haben in der Vergangenheit durchaus meine feuchten Träume inspiriert. Doch da das Lied keinen bleibenden Eindruck hinterlässt und die stimmlichen Qualitäten der Sängerin im unteren Durchschnitt angesiedelt sind, sehe ich keinen Grund zum Schwärmen. Wunderdinge sind nach Lage der Dinge von Fräulein Wunder nicht zu erwarten.

Saarland: P:Lot – Mein Name ist (Platz 14)

Einen dürftigen Song kann oft nur eine wuchtige Stimme und Rampensauperformance retten. Da beides fehlte erhält Mein Name ist das Prädikat „Besonders unauffällig“. Dies ist fast schlimmer als jedwede furchtbare Vorstellung, die sich weitaus mehr ins Hirn brennt und mitunter immerhin einen Mitleidseffekt generiert. Da wird wohl kein Durchbruch winken.

Mecklenburg-Vorpommern: Marteria – Zum König geboren (Platz 13)

Und hier irrte das votende Deutschland. Marteria ist Seeed mit Rap-Protz-Attitüde. Charmant und intelligent mit eingängigem Refrain und feiner Mundharmonikauntermalung. Das erste Highlight des Abends und ein absolutes Versprechen für die Zukunft.

Sachsen-Anhalt: Angela’s Park – Generation Monoton (Platz 16)

Irrer Lidschatten und kurzer Rock – solch schriller Look kontrastierte die langweiligen Möchtegernlebensweisheiten. Der Lohn war ein verdienter letzter Platz, der die Binsenweisheit bestätigte, dass auch das aufgedrehste Bühnenkostüm von einem öden Song nicht abzulenken vermag. Etwaiges Potential war nicht zu erkennen.

Nordrhein-Westfalen: Rage – Gib dich nie auf (Platz 3)

Auch wenn die werte Mitbloggerin Differentstar die Band als PUR auf Heavy-Metal bezeichnete, konnte ich doch eine glaubhafte, direkte Attitüde konstatieren. Mögen die Mitglieder privat nette Familienväter sein, die auch als Sozialarbeiter durchgehen, so war der Auftritt recht dynamisch und eine vordere Platzierung verdient.

Thüringen: Chapeau Claque – Pandora – kiss Miss Tragedy (Platz 7)

Der MIA-Verschnitt mit gelbem Kanarienvogel als Sängerin sonderte die englischen Gesangspassagen in akzentbeladener Art ab. Auch die Pseudointellektuellen Lyriks ramschten haarscharf an der Katastrophe vorbei. Damit empfahlen sich Chapeau Claque keinesfalls für eine über das Kurzzeitgedächtnis hinausgehende Erinnerung.

Brandenburg: Sven van Thom – Jaqueline (Ich hab Berlin gekauft) (Platz 9)

Eine Bilanzbuchhalterbrille wirkt nur bei Kurt Krömer witzig. Skurrilität versus Qualität lautet hier die Devise. Was krampfhaft witzig sein wollte, war überaus nervig. Hier lohnt es sich, den Mantel des Schweigens darüber auszubreiten.

Bayern: Claudia Koreck – I wui dass Du woasst (Platz 10)

Hier mischte sich ehrliche Songwriter-Attitüde mit authentischem Dialekt. Wenn auch am Anfang der Performance eine gewisse Backfischmentalität zu spüren war, so steigerte sich die Künstlerin gegen Ende zu ungeahnten Höhen. Da ist durchaus Potential vorhanden, ein Lichtblick!

Schleswig-Holstein: Ruben Cossani – Bis auf letzte Nacht (Platz 8 )

Der klassische Sixties-Sound von Bands wie The Hollies gehört zweifellos zu den besten Kompositionen des Abends. All die Ingredienzien eines virtuosen Popsongs sind gegeben, allein der Vortrag hätte inbrünstiger ausfallen dürfen. Dennoch: Hut ab.

Niedersachsen: Fotos – Du fehlst mir (Platz 15)

Wer auf poppigen 80er-Melodien von The Cure steht und auf Genialität gern verzichtet, der erlebte einen handwerklich guten Vortrag eines mageren Liedes. Da kam bei mir Mitleid auf, denn die Band selbst ist eigentlich nicht so übel. Man darf sie halt nicht nach diesem Lied beurteilen.

Bremen: Flowin IMMO et les Freaqz – Urlaub am Attersee (Platz 11)

Wäre ich ein Anwohner des schönen, in Österreich gelegenen Attersees, ich hätte sofort eine Unterlassungsklage eingereicht. Wie schon Sven van Thom setzte auch das Bremer Gespann auf bemühte Originalität (die Zenzi reimte sich auf fancy). Was dadaistisch anmuten will, sollte neben Absurdität mehr bieten. DifferentStars fand das alles zum Kotzen.

Rheinland-Pfalz: Pascal Finkenauer – Unter Grund (Platz 12)

Stirnglatzen stehen nur den wenigsten Popstars, befand DifferentStars. Und ich fand das Lied und den Vortrag einfach nur unauffällig. Tat nicht weh, prägte sich jedoch auch nicht ein.

Sachsen: Polarkreis 18 – The Colour of Snow (Platz 2)

SO sieht also eine feine Performance aus. Mag der Song auch nicht an Allein Allein heranreichen, hier wurde freilich endlich internationales Format abgeliefert. Ein verdienter zweiter Platz unterstrich die Geschmackssicherheit des Votings.

Baden-Württemberg: Cassandra Steen – Darum leben wir (Platz 4)

Die übergroßen Trommeln ließen bereits Übles schwanen. Und tatsächlich zeigte sich der Unterschied zwischen bedeutungsschwanger und bedeutungsvoll im Refrain vorzüglich. Der sterile Vortrag konnte die Kastanien auch nicht aus dem Feuer holen.

Hamburg: Olli Schulz – Mach den Bibo (Platz 5)

Wie lässig vorgetragener Party-Rock klingt, wissen wir nun. Mit zwei Bier intus ist dies ein absolut gutes Lied, das durch den charmanten Vortrag auch noch gewinnt. In Olli Schulz durfte man Erwartungen setzen, die dieser auch erfüllte.

Berlin: Peter Fox – Schwarz zu blau (Platz 1)

Kommen wir zum Sieger des Abends. Peter Fox unterstrich, was hohe Kunst ausmacht. Die Finesse des Bühnenauftritts, die Poetik seiner Texte, die intensiven Beats, ein hymnischer Refrain. Da schlägt mein audiophiles Herz höher. Der Erfolg von Fox basiert auf keinem Hype, vielmehr auf die brilliante Qualität seiner Musik.

Ein Fazit? Kein Fazit! Nur das Gefühl, dass es hierzulande durchaus wundervolle Musik gibt.

SomeVapourTrails

8 Gedanken zu „Bundesvision Song Contest 2009 – Eine Bilanz

  1. „Der Erfolg von Fox basiert auf keinem Hype, vielmehr auf die brilliante Qualität seiner Musik.“
    Wow, sehr schön formuliert und es direkt auf den Punkt gebracht!
    Und komm, so schlecht war Bremen nun wirklich nicht 😉 Gruß Spank

  2. …und selbst DifferentStars musste einsehen, dass Polarkreis18 nicht so schlecht sie,…
    zu Pop gehört eben auch immer eine anständige Inszenierung… also doch nicht zu Unrecht gehyped 😉

    Olli Schulz hätte trotzdem Platz 2 verdient…Peter Fox war unschlagbar!

    DifferentStars

  3. bei diesem sven vantom musste ich dauernd an den illja richter denken, nicht optisch aber stimmlich und vom humor.. ein gewisses talent zum texten kann ihm nicht abgesprochen werden, bleibt trotzdem peinlich.

  4. PK18 fand ich schlimm, Song schlimm, Stimme schlimm, Auftritt ganz schlimm. Tante Steen mit ihrer Bankangestellten-Lyrik auch ganz schlimm und der ganze Rest lief als ich noch nicht zuhause war. 😉

  5. Haha…SomeVapourTrails liegt aufm Bett und gibt mir Anweisung, dir mitzuteilen, dass du unbedingt Marteria anhören sollst 😉 Und auch Ruben Cossani!

  6. seid ihr alle aus berlin, weil ihr sven van thom schlecht fandet? ich fand ihn lustig. vermute: man versteht den humor nur, wenn einem diese dickes-b-attitüde eh schon auf den senkel geht 😉

  7. Hätts mir gern angesehen, war aber in Spanien. Hätte es ebenfalls Olli Schulz gegönnt. Oder Fotos (ich weiß, der Song ist kein Knaller, aber die Band ansich ist klasse).
    Ich bin ja immer eher langsam im entdecken neuer Musik und habe von Polarkreis 18 und Peter Fox erst was mitgekriegt, als schon alle die gut fanden. Auch alle Doofen. Daher hab ich angenommen, dass die Künstler auch doof sind. Aber nach dem Lob werd ich mir die glatt mal anhören. Habe allerdings Angst, es könnte mir gefallen und mich in einen Topf werfen mit den Doofen…. naja… 😉

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