Fabchannel und das Aus – Ein Armutszeugnis

Nüchtern betrachtet ist das Ergebnis eines, das alle als Verlierer zurücklässt. Das kostenlose niederländische HQ-Portal Fabchannel, welches unzählige Live-Konzerte als kostenlose Streams anbietet, schließt in wenigen Tagen seine Pforten. Die Beweggründe werden auf der Webseite detailliert angeführt. Zufassend darf man es auf einen schlichten Nenner bringen: Geldmangel. Die Plattenlabel vermochten das Streaming von Videos nicht als Werbung verstehen, verlangten vielmehr Geld für die Rechteerteilung am Konzertmitschnitt. Laut Einschätzung des Betreibers,  Justin Kniest, wären freilich nicht genügend Interessenten für ein Abo-Modell vorhanden und die Werbeeinnahmen, von denen ein Teil an die Rechteinhaber wandert, zu gering. Und Subventionen der Öffentlichen Hand stellten auch keine langfristige Lösung des Problems dar. Nun tritt das Worst-Case-Szenario ein. Der Konsument schaut durch die Finger, die Künstler und Labels verdienen noch ein wenig weniger und der Mann mit der guten Geschäftsidee räumt (vorläufig) das Feld.

Ursachenforschung ist mehr als das rasche Auffinden eines Sündenbocks. Im Grunde genommen wirft dieses Ereignis einige grundsätzliche Fragen auf. Unter welcher Prämisse ist Paid Content im Internet an Mann/Frau zu bringen? Werden Abo-Modelle auf lange Sicht auch ein zuverlässiges Geschäftsmodell abseits von Sex, Sport und Hollywood sein? Oder aber verheißt die Zukunft eine Werbefinanzierung von Inhalten? In diesem Fall ist des Pudels Kern, wie man das schmuddelige Image von Internet-Werbung (Stichwort Pop-ups) korrigiert und dadurch die Attraktivität für Werbung erhöht.

In diesem Fragenkomplex lauern allerlei verschiedenste Strategien und Anschauungen, die von nahezu jedem Experten eine anderslautende Beantwortung erfahren. Bestes Beispiel dafür scheint die Diskussion im Rahmen eines Panels der Medientage München 2008. Dennoch will ich nicht davor zurückscheuen, eine Handvoll simpler Plattitüden zu äußern. Schließlich kann man alles auf eine deppensichere Essenz reduzieren, sogar die Relativitätstheorie.

Die Kultur des Filesharings – ja, dieses unsägliche Thema wieder! – hat die Mentalität des Konsums verändert. Das Internet wird – sofern der Zugang vorhanden – als Hort unzähliger Möglichkeiten und Angebote gesehen, um Wissen und Unterhaltung sowie soziale Kontakte zu empfangen. Die Fülle der meist kostenlosen Optionen hat das Selbstverständnis des Konsums verändert. Inhalte werden nicht zwangsläufig mit der Erbringung einer monetären Gegenleistung verbunden. Realitätscheck: Gehe ich durch die Straßen und sehe in einem Schaufenster einen Gegenstand, der mir gefällt, dann zücke ich im Gedanken bereits die Brieftasche. In der virtuellen Welt hingegen wird eine Leistung oft schon durch das Erdulden von Werbung oder das Registrieren (und damit verbunden die Bekanntgabe einer Mail-Adresse) zugänglich. Nur wenige Sparten konnten sich auch im Internet ein kostenpflichtiges Renommee verschaffen, meist unter hohem Aufwand und mit Hilfe von Klagewellen und Abmahungen.

Das Hauptproblem der Verwertung von Internet-Inhalten liegt im Zaudern der Werbeindustrie. Obwohl ich kein Branchen-Kenner bin, stelle ich vorsichtig die Ferndiagnose, dass nach wie vor Kampagnen lieber über Fernsehen oder Print geschaltet werden anstatt über Internet-Seiten. Wie oft sind wir mit fragwürdiger Werbung auf Webseiten konfrontiert und wie selten mit Nivea- oder Ikea- oder Warsteiner-Werbung? Hier liegt der Hase im Pfeffer.

Die Conclusio ist schlicht. Noch ist die Zeit, der Konsument, die Firmen nicht reif für eine Vielfalt im World Wide Web, die nicht nur aus frei verfügbarem Content besteht. Eigentlich ein Armutszeugnis, weil es aufzeigt, dass die Entwicklung in unseren Köpfen nicht mit dem technischen Fortschritt einhergeht. Solange wir weltumspannend dem Kapitalismus huldigen, müssen wir ihm auch im Internet Tribut zollen. That’s it!

Links:

Panel zum Thema Paid Content (Teil 1)

Panel zum Thema Paid Content (Teil 2)

Panel zum Thema Paid Content (Teil 3)

Bericht über Paid Content auf breitband-online.de

SomeVapourTrails

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