Flow im Ohr

Wenn der Groove stimmt, hüpft der Floh im Ohr. Doch welcher Beschaffenheit muss die Musik sein, um das possierliche Tierchen in die Gehörgänge zu locken? Faustregel Numero Uno wäre das hartnäckige Ignorieren der gefühlten Hunderten tagtäglich neu erscheinenden Lounge-Compilations. Selbige sind oft so relaxt gehalten, dass sie sämtliche Gliedmaßen zugleich einschläfern. Gediegenen, elektronischen Downtempo erfühlt man am losgelösten Zustand fußwippender Entspanntheit.

Und nun betritt ein neuer Stern die Manege und säbelt gleich Zorro ein Alles fließt in unsere Hirnrinde. Diego Bernal hat den Flow gepachtet. Sein Erstlingswerk For Corners lädt zum Jubilieren ein. Auf gekonnte Weise vermixt er unzählige Stile zu einem durch und durch kohärenten Album, welches die Welt für 40 Minuten federleicht werden lässt. Alles ist easy, man schwebt, wird süchtig nach diesem Joint fürs Ohr.

forcorners

Was macht der werte Herr Bernal nun anders beziehungsweise richtig? Und warum brilliert er in einem längst von Durchschnittlichkeit dominierten Genre? Vielleicht liegen die Antworten in seinem eigentlich Brotberuf, der in seiner Vita als civil rights attorney angegeben ist. Möglicherweise bedarf es eines gerüttelt Maß bierernsten Alltags, um in der Freizeit die musikalische Sau rauszulassen und selbige durch das Dorf gen Vinyl zu treiben. Filetieren und sezieren wir doch in gebotener Kürze Diego Bernals Platte, um zu guter Letzt noch eine Freudensbotschaft darzureichen.

For Corners ist ein über weite Strecken ein Downbeat-Album mit Breakbeat-Charakter. Samples aller Art tummeln sich auf der Scheibe. Elemente des Funk modellieren einen sanften Retro-Sound, Referenzen an J Dilla atmen Hip-Hop-Komponenten. Das kunterbunte Durcheinander wird jedoch immer durch einprägsame Beats strukturiert. Diese sind mal fett (aber nicht feist) und mal zurückhaltend reduziert. Ein Latin-Flair durchweht das Album und bricht sich schön an bereits erwähnten Hip-Hop-Stücken. Jeder noch so kurze Track fristet sein unverwechselbares Dasein, ab und an zwitschert der Rhythmus beschwingt in Richtung Disco (Bring It On Home), dann wieder verheddert er sich gen Rap-Untermalung (Damn You), und ein andermal schaufelt Diego Bernal alles durcheinander (On4). Inmitten der Heiterkeit stechen die Wortschnipsel von May Day hervor, die in Cinemascope Beklemmung schildern. Bereits im folgenden Titel Momma’s Boy franst For Corners mittels Soulröhren-Sample wieder in Ekstase aus.

Aus dem (musikalischen) Nichts ist der Schritt ins fahle Licht der Musiköffentlichkeit mit dieser Scheibe definitiv gelungen. Mehr noch, Diego Bernal liefert ein Meisterstück des Genres als Talentprobe ab. Und dies auch noch kostenlos, denn das gesamte Album ist als freier Download auf der Homepage des Labels erhältlich. Man mag sein Glück nicht fassen und dem Künstler ein „Das ist gut, damit kannste Kohle scheffeln!“ leise hüsteln. Solch ein Geschenk freilich sollte man annehmen und sich daran erfreuen. Ganz großes Kino feiert Flitterwochen mit dem hörereigenen Ohrenschmalz. Diesen Flow im Ohr wird man nicht so schnell los.

Links:

MySpace-Auftritt

Kostenloser Download von For Corners

SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Flow im Ohr

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