Pianorama galore – Daisy Chapman

Ein unbedingtes Anzeichen für die Bekanntheit und Beliebtheit eines Musiker oder einer Musikerin ist die Anzahl der auf Last.fm gescrobbelten Titel. 150 Millionen übermittelte Lieder sind Radiohead vorbehalten, Großmeister wie Johnny Cash kommen auf 34 Millionen abgespielte Titel und Hitparadenköniginnen vom Schlage einer Kelly Clarkson schaffen es immerhin sechs Nullen hinter einer 18 zu platzieren. Heute ist diese Rezension einer Künstlerin gewidmet, die es auf knapp 2000 (in Worten: zweitausend) gezählte Anhörungen bringt. Jede Menge Potential für eine Popularitätssteigerung scheint also zweifelsohne vorhanden, weniger euphemistisch könnte man auch „Kennt kein Schwein“ hüsteln. Die Rede ist von Daisy Chapman, einer sehr begabten britischen Sängerin.

Daisy Chapman

Daisy Chapman

Frau Chapman ist wohl kaum verwandt oder verschwägert mit Namensvetterin Tracy und teilt auch nicht deren Vorliebe für die Gitarre. Bei Daisy wird das Piano großgeschrieben. Vor ein paar Wochen erschien ihr zweites Album mit dem Titel And There Shall Be None, welches mit unverkitschten, markingen Balladen durchaus ausgiebige Beachtung verdient hätte. Fast wirkt es so als teile das Solowerk das Schicksal ihrer Band Scarlatti Tilt, welche ebenfalls noch nicht die lichten Höhen des Erfolges erklimmen vermochte. Dabei wären alle notwendigen Bedingungen für eine moderate Beachtung gegeben – und sei es nur in der Nische der Frauen-mit-Piano-sind-klasse-Fetischisten. So bleibt die Frage was die Jünger einer Tori Amos zwischen dem andächtigen Erlauschen der Lieder ihres rothaarigen Lieblings so hören, Frau Chapman leider noch nicht.

andthereshallbenone

And There Shall Be None funktioniert aus zweierlei Gründen. Da ist zunächst die omnipräsente Stimme mit Ausdrucksstärke und Wiedererkennungswert. Eine Stimme, die nicht den Fehler begeht das ganze Spektrum in Sekundenbruchteilen holzhammerhaft auf den Hörer niederschwingen zu wollen und keine Oktavenhüpferei betreibt. Daisy Chapman verweigert sich inbrünstigem, melismatischem Gejodel, das bei DSDS von der Jury mit gesanglichem Talent verwechselt wird. Die Klarheit in ihrer Stimme, die Prägnanz des Vortrags sind von allererster Güte. Die zweite Stärke Chapmans ist eindringliches Songwriting, schnörkellos und aussagekräftig. Mit dem Song Happy New Year ist ihr sogar eine Komposition der Extraklasse gelungen, um welche sie jede Pianobardin innigst beneiden dürfte. Die wuchtvolle Tragik, die Verzweiflung wird durch den Refrain „Happy New Year“ ironisch kontrastiert. Auch die weiteren Lieder locken abwechslungsreich. Das stoßgeseufzte Ha auf Words In Dirt flattert im Hintergrund, während Schmerz mit jedem Ton erfahrbar wird. Überhaupt ist die werte Dame auf Zack, wenn es darum geht tränendrückerisch tätig zu werden. Mit Erase The Frown zerbröselt jedwede Fröhlichkeit gnadenlos in Nachdenklichkeit, ein Coca-Cola-Abgesang. 07.07.07 orientiert sich an der klassischen klavierklimpernden Ballade und mag das zugänglichste Stück des Albums sein. Die schöne Interpretation von Our Mutual Friend ist um Lichtjahre besser ald das Original von The Divine Comedy. Einzig der abschließende Track Home wabbert epigonenhaft – wie auch laut.de richtig bemerkte – und schnieft nicht die Magie der übrigen Titel.

Insgesamt darf man von einem hochgradig interessanten Album sprechen, das beim deutschen Label dandyland erschienen ist. Warum es von Musikfans und Fachpresse de facto ignoriert wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Daisy Chapman verdient mehr Aufmerksamkeit, sonst verdient die Welt Daisy Chapmans hervorragende Musik nicht.

Links:

MySpace-Auftritt mit Hörproben

Webseite der Band Scarlatti Tilt

SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Pianorama galore – Daisy Chapman

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