Sogar Schampus schlürfende Schabracken schunkeln zu Röyksopp

Clubsound darf richtig mies sein, denn ab einem gewissen Alkoholpegel wird jedweder Geschmack ohnehin mit stampfenden Beinen im Oval der Tanzfläche platt getreten. Diese Mischkulanz diverser Stile, welche oft auch unter dem Begriff Lounge firmiert, muss man sich zumeist schönsaufen. Ausnahmen bestätigen die Regel – und Röyksopp sind der übergroße Sonderfall. Das dieser Tage erscheinende, an Happy-Sound prallvolle Album trägt den Titel Junior.

junior

Nicht jedermann, der an irgendwelchen Reglern herumschiebt oder Ableton Live auf seinem Rechner beherbergt, darf sich Soundtüftler schimpfen. Den zwei Norwegern  Torbjørn Brundtland und Svein Berge jedoch gebührt das Prädikat zurecht. Nach dem lobgehymneten Debüt Melody A.M. und dem ehrenwerten Nachfolgealbum The Understanding präsentieren uns die Herrschaften ihren neuesten Streich und stellen erneut unter Beweis, dass eingängige Disco-Mucke auch Kunstform sein kann und die Bezeichnung Euro-Dance nicht nur als Schimpfwort sein Dasein fristen muss.

Ein Sezieren der Platte aus einem gemütlichen Bürostuhl heraus scheint schwer möglich, weil bei der Mehrzahl der Tracks die Füße nach Verselbständigung trachten. Nichtsdestotrotz will ich das Kunststück versuchen. Bereits der Eingangstitel Happy Up Here ist Gute-Laune-Musik, wie sie in dieser Form eben lediglich von Röyksopp dargereicht wird. Betört sprinkelt ein Lächeln von den Lippen, die Mundwinkel schwappen nach oben und der Oberkörper federt im Takt. Mit The Girl And The Robot beschallen uns die Norweger mit einem schweißtriefenden Dancefloor-Knaller, zu welchem die schwedische Popröhre Robyn losgröhlt. Das stört nicht weiter, diesen Song vermöge auch die Apothekerstochter von nebenan nicht in den Sand zu setzen. Zu intensiv blubbert der Beat. Eine erste Verschnaufpause bietet das zurückhaltend funkige Vision One, ehe die Retro-Gäule mit Röyksopp durchgehen. This Must Be It dreht die Zeit zurück und generiert – besonders durch den Gesang Karin Dreijer-Anderssons – ein Abhott-Feeling wie vor 20 Jahren. Just nach diesem Titel, dessen Intensität den Hörer/Tänzer ausgelaugt zurücklässt, platziert das Duo das famoseste Stück. In einem Moment also, in dem auch jedwedes Schlumpflied nicht sehr stören würde, wuchert ein verspieltes Ambient-Stück namens Röyksopp Forever mit bombastisch auffidelnden Streichern zu einer überdimensionalen Hymne. Hier wird das gesamte Potential der janusköpfigen Musikschmieder deutlich. Die Jungs sind elektronische Derwische mit breitem Spektrum musikalischer Ausdruckskraft. Wundervoll gekonnt wird die erbauliche, feierliche Stimmung vom glibberig-versifften Flair des Liedes Miss It So Much gebrochen. In kindlichem Geträller quiekt Lykke Li vor sich hin. Hier wird die Ära billiger Casio-Keyboards schräg mystifiziert, ehe man mit Tricky Tricky die 80er Jahre ausgiebig abfeiert. Die sehnsüchtige Wildheit damaliger Frauenstimmen wird durch Karin Dreijer-Andersson abermals atmosphärisch dicht wiederbelebt. Klavierbeseelt tuckert in der Folge You Don’t Have A Clue herbei und liefert entspanntes Sirenengesäusel ab. Durchatmen ist angesagt. Auch beim schwebenden Silver Cruiser, das ein bedächtiges Abgleiten in höhere Sphären gestattet. Entrückt wackelt man gen Toilette, spritzt sich Wasser ins gerötete Gesicht, korrigiert die Schminke und verpasst dabei den einzig schwachen Titel auf Junior, nämlich True To Life. Keine Tragödie. Zum Rausbugsieren in die ohne Discokugel erleuchtete Realität haben Röyksopp noch It’s What I Want in petto und das rockt die Sause einmal mehr kräftig.

Ich bin viel zu ermattet für ein finales Resümee.  Junior ist schlicht und ergreifend ein tolles Werk, dass Schampus schlürfende Schabracken ebenso in den Bann zieht wie den qualitätsbewussten Audio-Fetischisten. Sogar wenn man sich bislang nicht als Rhythmusmonster präsentiert hat, Röyksopp haben das Zeug jedem die Beine zu lockern.

Röyksopp – The Girl And The Robot

Link:

Offizielle Webseite

SomeVapourTrails

3 Gedanken zu „Sogar Schampus schlürfende Schabracken schunkeln zu Röyksopp

  1. Schöner Fachafsatz über das langerwartete Rotzkopp 😉 Album. Ich freue mich auch schon. Das Konzerte vor 2 Jahren in Dresden war für mich eine Erleuchtung.

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