Tausendmal gehört – und es tut immer noch nicht weh (Dear Reader)

Man sollte Erkenntnisfähigkeit nicht gering schätzen. Es zeugt von Größe, das Rad nicht neu erfinden zu wollen, ja nicht einmal eine zusätzliche Speiche hinzu zu fügen. Fragile, ausdrucksstarke Frauenstimmen gibt es im Indie-Folk-Pop-Genre wie Sand in den Dünen der Ostsee. Das Schicksal annehmen und munter losmusizieren, sich zum Chor der Künstler zu gesellen, die eben jene Musikrichtung bereits singend veredeln, ist keine Schande. Dear Reader bereichern das Genre durch die unprätentiöse Art mit der sie vielfach Gehörtes reproduzieren, ohne dass sie olle Kamellen abliefern.

Denkt man an Südafrika, fallen einem Apartheit ein und das selbige von Mandela in die Knie gezwungen wurde. Man spürt vorfreudiges Kribbeln angesichts der nächstjährigen Fußball-WM. Vielleicht kommen noch Berichte über Armut, AIDS und hohe Kriminalitätsraten aus den hintersten Winkeln der Erinnerung hoch. Herr Meier oder Frau Schmidt assoziieren das Land jedoch sicher nicht mit musikalischen Höchstleistungen. Die aus Johannesburg stammende Band Dear Reader freilich beweist, dass die globale Vernetzung dazu führt, dass die Herkunft schon längst nichts mehr über den Stil der Musik aussagt. Die Gruppe klingt so als hätte sie noch nie ein afrikanisches Musikinstrument aus der Nähe gesehen.

Dear Reader (Foto von Marcus Maschwitz)

Dear Reader (Foto von Marcus Maschwitz)

In deutschen Musikmagazinen wird die Band gerade ausgiebig und wohlwollend besprochen. Das Album Replace Why With Funny ist in hiesigen Breiten vor wenigen Wochen erschienen, im April beehren uns Dear Reader im Rahmen einer Deutschland-Tour, im Mai gastieren sie in der Schweiz. Lohnt sich die Beschäftigung mit dem Werk? Und darüber hinausgehend der Erwerb des Albums oder eines Konzerttickets? Ich tue mir schwer ein glasklares Ja durch den Äther schallen zu lassen. Positiv hervorzuheben ist die Vielfalt der Instrumente, die die unspektakulären Songs abwechslungreich gestaltet. Irgendein Kniff rettet jedes Lied vor der Vorhersehbarkeit, sorgt dafür, dass der Hörer bei der Stange gehalten wird. Die Lyrics stechen ebenfalls nicht ins Auge, dennoch fehlt es den Refrains nicht an Einprägsamkeit. Was wirklich in unglaublichen Farben schillert, das ist die Stimme der Sängerin Cherilyn MacNeil. Sie stemmt alles, hält die Platte zusammen und brilliert durch Vortrag, Engagement und Hingabe. Ein Vergleich mit Feist ist an dieser Stelle definitiv angebracht.

ReplaceWhyWithFunny

Highlights des Albums sind das schön dreckige Out Out Out, in welchem MacNeil losgröhlt bis der Kehlkopf schmerzt. Oder die choral beschwingte Ballade The Same. Bend bläst Zucker in die Ohren des Fans. Das als kostenloser Download erhältliche Dearheart soll dem Leser ebenfalls ans Herz gelegt werden.

Ich bürste mir mal die Haare, prüfe die Atemfrische, rücke den Krawattenknoten zurecht, ehe ich nun ein hochoffizielles Fazit vom Stapel lasse. Ja, Dear Reader sind auf alle Fälle eine ausgiebige Hörprobe wert. Mit der Anzahl der während des Schreibens dieser Zeilen gehörten Lieder steigt die Zuneigung, wird die Erwägung eines Konzertbesuchs konkreter. Mehr aber regiert die Vorfreude auf das nächste Album, welches bei konstanter Weiterentwicklung der Band wirklich überwältigend werden kann. Noch mag es für den Hype der Fachpresse ein klitzeklein wenig zu früh sein.

Links:

Offizielle Homepage

Ausführliche Hörprobe des Albums

MySpace-Auftritt

Tour-Termine

SomeVapourTrails

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