Vorwärts in die Vergangenheit – Seligs Comeback

Lediglich zwei Platten deutschen Rocks der 90er gelang die perfekte Vermengung poetischer Ausdruckskraft mit hochenergetischem Gitarren-Rock. Eine davon war Tocotronics K.O.O.K., die andere stammte von Selig und hieß Hier.

Wenn ich über Selig spreche, muss ich vorab den Textmagier und Sänger Jan Plewka schelten. Er ist meines Erachtens einer der begabtesten seiner Zunft. Und doch konnte er dies weder auf Solopfaden noch mit den Bands Zinoba und TempEau wirklich bestätigen. Seine traurig-balladeske Schreibe funktionierte nie besser als mit Selig. Nun sind Selig wieder vereint und mir sprießen sogleich wieder Pickel, wie ich sie haufenweise mein Eigen nannte, als ich Hier erstmals hörte. Doch die Abgeklärtheit einer aufkeimenden Midlife Crisis hindert mich an Jubelschreien. Zu zynisch wird man mit dem Alter und erschnuppert einen armseligen Versuch der Reanimation einer einstmals tollen Formation zwecks Brieftaschenauffüllung. Der Fluch der Skepsis scheint freilich auch Segen, denn die Erwartungshaltung tümpelte in Richtung vorprogrammierter Enttäuschung. Nun kuscheln sich 12 neue, selige Lieder durch die Boxen und suchen ein Zuhause. Werden sie sich in mein Herz einnisten wie einst Kleine Schwester, Du kennst mich nicht, Halber Freund und An einem Morgen?

Selig

Foto: (c) Mathias Bothor

Ja, sie tun es. Und Endlich Unendlich verströmt Genialität. Die Pfundskerle räumen bereits mit der ersten Handvoll an Liedern jedwede Zweifel aus dem Weg. Von wegen noch einmal Reibach machen oder musikalischer Offenbarungseid! Die Hamburger Musiker liefern ein Werk ab, welches den Sound ihrer Geniestreiche atmet, frisch und saftig klingt. Sie brauchten sich nicht neu erfinden, weil die hämmrige Leidenschaft gepaart mit Plewkas großem poetischen Staunen noch immer – und vielleicht mehr als je zuvor – fasziniert. Unter den feinen Stücken perlt Wir werden uns wiedersehen hervor. Hoffnungsfroh und hymnisch strudelt das Lied mit dem pompösen Refrain („Wir werden uns wiedersehen, vielleicht nur um zu verstehen, dass das Leben an sich manche Wunder verspricht, ob du’s glaubst oder nicht ich vergesse dich nie.„) einer abgeklärten Zuversicht entgegen. In Schau Schau („Ich schau, schau, schau in den Morgen, aus so vielen Welten zusammengewebt.“) hat die Gruppe eine formidable erste Single gefunden, welche als das beinhaltet, was den besonderen Charme Seligs formt. Dass auch die Intensität langsamerer Stücke ungebrochen scheint, demonstriert Der schönste aller Wege. Plewkas von benebelter Leichtigkeit getragener Gesang besticht besonders auf Ich bin so gefährdet – endlich ein deutsches Liebeslied, welches nicht mit dem Angstschweiß der Naivität dahertropft. Das bluesige Ich dachte schon („Ich dachte schon, du wärst ausgezogen aus den Kammern meiner Erinnerung, doch durch irgendeine Lücke kriechst du immer wieder rein. Lass mich allein.„) bringt durch kraftvolles Spiel und händeringendes Gewimmer meine Zimmerwände zum Bröckeln – und das ist gut so, soll doch mein Nachbar auch gute Musik hautnah genießen dürfen.

Und Endlich Unendlich

Und Endlich Unendlich

Die alten Haudegen begeistern mich nach wie vor. Ihr Schritt vorwärts, welchen sie mit der neuen CD vollziehen, ist eine Besinnung auf eine glorreiche Vergangenheit. Die Mannen um Jan Plewka reanimieren erfolgreich den Esprit der Vorgängerplatten und lassen die jungen, wilden, deutschen Bands allesamt verdammt alt aussehen. Selig sind zurück und selig sind deren Fans.

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SomeVapourTrails

Liebe Grüße an Musiktipps24…mal schauen ob’s ankommt 😉

2 Gedanken zu „Vorwärts in die Vergangenheit – Seligs Comeback

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