Berlin ist nicht länger aggro

Nicht jeder Messias feiert eine Wiederauferstehung. Und zumindest dem Heilsbringer deutschen Gossenraps, dem Label Aggro Berlin, wünsche ich eine solche nicht. Jetzt da das Ende der Plattenfirma offiziell verkündet wurde, stellt sich jedoch die Frage, wo Rapper mit schlechten Manieren und noch schlechteren Texten eine neue Heimat finden können. Keine Frage, wenn der Rubel rollt, dann nehmen Sony und Konsorten auch die provokantesten „Künstler“ unter Vertrag. Solange die Wortstammler dissen, was das Zeug hält, frauen- und allgemein menschenfeindliche Weisheiten aus den dunkelsten imaginären Ghettos als Wortspenden liefern, solange wird es trotz aller gesellschaftlicher Abgestumpftheit weiterhin Schlagzeilen geben. Und dieses mediale Echo schafft auch in Zukunft eine Subkultur, in der Migrantenkinder simple Parolen und abschätzige Gesten zu ihrer Lebenswirklichkeit machen. Auch nach dem Aus von Aggro Berlin wird der Bedarf an dummen Texten Texten und fetten Beats gestillt werden, folgt Empörung auf Empörung, bleibt die Beachtung groß, jubeln die Checker demjenigen zu, der allen den Stinkefinger zeigt. Dies ist die Zeit, in der ein verwahrloster Rowdy zum rotzigen  Sprachrohr der Straße verkommt und dem gesellschaftlichen Zusammenhalt eine Aufblähung des eigenen Egos erfolgreich entgegenhält.

Doch malen wir uns eine Sekunde lang aus, wie es wäre, wenn das Ende Aggro Berlins auch der Schlusspunkt der Karrieren von B-Tight oder Sido bedeutete. Dürften die dann abgehalfterten Rapper Unterschlupf im Unterschichtenfernsehen finden? Sido im Dschungelcamp 2010 als Gegenspieler von Marc Terenzi, der dem schönen Marc Haargel und Kamm versteckt? Und nebenbei der Ex von Oliver Kahn nonchalant ins Essen kotzt? Wie wohl würde sich B-Tight in der C-Promiriege von Das Perfekte Promi Dinner machen? Gäbe es als Dessert dann folgerichtig politisch unkorrekten Neger im Hemd? Würde die Maschinerie der pervertierten Unterhaltung auch die unangepasstesten Naturen fressen und verdauen?

Es bleibt abzuwarten – und zu hoffen, dass das Aus von Aggro Berlin eine echte Zäsur darstellt, eine Abkehr von menschenverachtenden Posen. Die Chance dazu würde sich nun bieten. Wenn fortan Rapper mit Inhalten überzeugten müssten und nicht immer nur von der Scheiße labern, könnte man deutschen Rap als Genre auch wieder ernster nehmen. Leider bringen derzeit auch die Gutmenschen der Branche hochgradig peinliche Alben raus. Ich will ja keine Namen nennen, aber Rap muss mehr bieten als es die neue Scheibe von Samy Deluxe tut. Rap scheint in diesem Land eine einzige Baustelle zu sein, wenigstens Aggro Berlin wurde nun endlich zugebuddelt.

SomeVapourTrails

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