Der großangelegte Aprilscherz

Stell dir für einen kurzen Moment vor, dass in diesem Jahr eine mediale Verschwörung der Extraklasse im Gange ist. Vom Käseblättchen über die Journaillen, welche sich selbst zu wichtig nehmen, bis hin zu schütter gesäten Qualitätszeitungen haben sich alle abgesprochen und einen Aprilscherz vom Stapel gelassen, der bei weitem weniger müde daherdackelt als es der Jux der FAZ tut. Vermute mal, das Witzchen wäre so eine perfide Realsatire, dass sogar die in der Zeitungsente erwähnten Protagonisten es als wahr erachten und munter in die ihnen zugedachten Rollen schlüpfen. Vergegenwärtige dir das Potential dieser Narretei anhand der Stichworte „GEMA“ und „YouTube“. Hört sich spaßig an, nicht wahr? Nun aus Spaß wird aber oft Ernst und dieser ist heute 9 Jahre alt.

Seit geraumer Zeit atmet alles, was aus dem Dunstkreis der Musikindustrie ans Tageslicht dringt, den Mief eines immensen PR-Desasters. Jedwede Idee der Plattenfirmen zielt auf Maximierung des eigenen Schadens ab. Da will natürlich der Interessensverband der deutschen Komponisten, Textern und Musikverlegern – die GEMA – nicht hintanstehen und möglichst viel Porzellan zerschlagen. Ich vergleich die GEMA ja gern mit der Mafia – bis du einmal Mitglied, ist ein Ausstieg verdammt schwer. Zwar seien die Meriten der GEMA nicht verschwiegen, aber dennoch überwiegt die hochgezogene Augenbraue als Zeichen eines gerüttelt Maß an Skepsis. Den momentanen Anlass liefert die Auseinandersetzung mit YouTube. Es geht um den Zaster. Der bisherige Vertrag zwischen den beiden Kontrahenten ist ausgelaufen, die GEMA will nun mehr Kohle sehen und YouTube sagt ‚Njet“. Deshalb sperrt die Google-Tochter nun einen Teil der Musikvideos für Besucher aus Deutschland, weil sonst Nachzahlungen drohen. So die hier, hier, hier und hier stehenden Fakten.

Schießt dieser Aprilscherz nicht über das Ziel hinaus, werden sich Verschwörungstheoretiker jetzt fragen. Manch einer wird sogar den Braten wittern und die Geschichte für bare Münze nehmen. Denn wenn es um das liebe Geld geht, dann hört sich der Spaß auf. Dem Musikfan fällt ein gelangweiltes Herumlümmeln, während sich die Streithähne die Augen auspicken, schwer. Eine kurze in Wortfetzen hingekritzelte Diagnose, die in etwa so appetitlich wie die eines Proktologen ausfällt, sei erlaubt.

Die Möglichkeit werbefinanzierten Streamings von Musik und Musikvideos ist prinzipiell zu begrüßen, da der Konsument dadurch neue Lieder, Bands entdecken kann und daraus eine etwaige Kaufentscheidung für sich treffen kann. Dass die an der Produktion von Musik und Videos beteiligten Leutchen für die Aufführung ihres Werks Geld sehen wollen, ist auch verständlich. Somit scheint die Ausgangslage recht einfach: Werbefinanziertes Portal zeigt Musik beziehungsweise Video, zahlt Tantiemen an die Künstler und der Kunde wiederum bezahlt durch Erduldung der Werbung. Simpler Plan – schwierige Umsetzung. Der Grund liegt in den nicht eben astronomischen Werbeeinnahmen mit denen YouTube und auch Last.fm ihr Dasein fristen müssen. Nun trifft es im Falle von YouTube mit Google ja keinen armen Schlucker, eine Lizenz zum Gelddrucken hat das Unternehmen jedoch auch nicht. Wenn die GEMA nun mehr Geld will, muss selbiges jedoch auch vorhanden sein. Rentabilität, Baby! Dem 14-jährigen Teenager aus Wattenscheid ist das freilich schnuppe. Wenn der Clip von Rihanna nicht läuft, dann kommt keine Freude auf.

Umdenken sollten alle. Der kleine Kuno aus Obertrubach genauso wie Dr. Harald Heker, Vorstandsvorsitzender der GEMA. Die fetten Jahre sind vorbei. YouTube soll Labels und Künstlern für die Ausstrahlung mit mehr als einem Trostpflaster entschädigen (siehe dies plakative Statement), die GEMA soll realistische Tantiemen fordern und gerecht(!) verteilen und der Konsument sollte sich damit abfinden, dass nicht alles was an jeder Ecke des Webs so lauert immer und jederzeit kostenfrei ist. Vernünftige Preise, juhu! Ob die eben angelaufene Sperre des Contents nicht noch mehr Imageverlust für beide Seiten bewirkt, wird sich zeigen. Richtig profitieren tut jedenfalls niemand davon. Wenigstens diese Erkenntnis ist so sicher wie das Amen im Gebet.

Und hier gibt es eine erlesene Auswahl an Alternativen zu YouTube. Einfach einmal ausprobieren.

SomeVapourTrails

5 Gedanken zu „Der großangelegte Aprilscherz

  1. Ist es jetzt ein Aprilscherz oder nicht? Ich bin mir immer noch nicht sicher. Würden sich wirklich alle großen Medienanstalten in Deutschland verbünden, um einen solchen Aprilscherz zu initiieren? Komisch ist, dass niemand in seinem Artikel das Wort „Aprilscherz“ in den Mund nennt. Wenn es keiner wäre, würden die Journalisten doch sofort darüber herfallen und das ausschlachten. Sieht eher aus, als wollten sie die Leser jedoch nicht daran erinnern, dass heute 1. April ist.

    Die ganze Sache ist jedenfalls, wie Du richtig gesagt hast – lächerlich.

    Wann wird das Thema Eigentumsrechte, YouTube und Gema endlich für alle Parteien (nicht zu vergessen die „normalen“ Bürger) zufriedenstellend gelöst?

  2. Pingback: Niveau!Los!

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