Der Kleinkram der Starpraktikanten

Wo steht eigentlich in der Quoten-Bibel der Sendungsverantwortlichen gemeißelt, dass sich die Suche nach absoluter Unmusikalität ausschließlich auf sogenannte Superstar zu beschränken hat? Darum blies man diesen Sonntag auf VOX zum Halali nach einem Praktikumsplatz beim Rolling Stone. Und tatsächlich scheint das Rock-Magazin, die letzte Bastion wohlmeinender Arbeitgeber zu sein, die nicht mal in den kühnsten Albträumen Praktikanten zum Kochen von Kaffee oder Sortieren der Unterlagen verdonnern. So wurden die Starpraktikanten nach New York geschippert, um im Big Apple Rockgöttern auf den Zahn zu fühlen und allerlei Prüfungen zu absolvieren. Den Sieger des Contest freilich erwartete keine Stelle bei der von Glamour geschwängerten US-Ausgabe, vielmehr ging es um die popelige deutsche Variante.

Die drei Anwärter suhlten sich in Klischees. Richard (28), der Typus des erfolglosen Musikers wie man ihn aus den Berliner U-Bahnen zur Genüge kennt, attestierte sich selbst das perfekte Gehör und schwebte auch sonst über den Dingen. Die Hauptmotivation für seine Teilnahme lag wohl in der Möglichkeit, erfolgreichen Popolympioniken das Wesen von Musik zu erklären. Man kennt das ja, wenn man künstlerisch scheitert, dann nur deshalb, weil man vom Mob verkannt wurde. Besagter Richard strich als erster Teilnehmer die Segel, krankheitsbedingt. Das Spucken großer Töne hatte ihm auf den Magen geschlagen. Auch das kennt man: Wer lauthals prahlt, zieht oft als Erster den Schwanz ein. Ana (25) wiederum wurde in die Rolle der ehrgeizigen Erfolgsfrau gedrängt. Professionalität ohne Substanz, gepaart mit Tendenz zur Zickigkeit. Lösungsorientiertes Arbeiten ohne Leidenschaft für Musik – auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Die dritte Kandidatin war Janine (20). Das Küken wurde als süßes, blondes(!), schüchternes Ding verkauft, welches ihr Zimmer wohl mit Postern cooler Bands spickt und bei Konzerten kreischend vor Aufregung in den vorderen Reihen Rotz und Wasser heult. Jene Janine gewann am Ende auch, es sei als Randnotiz vermerkt.

Was hat denn nun ein dahergelaufener Praktikant beim Rolling Stone so zu tun? Überhypte Bands wie The Killers interviewen und darüber einen Schüleraufsatz verfassen, Recherchen in der Rock and Roll Hall of Fame durchführen, in kleinen, auf Underground getrimmten Clubs nach bis dato unentdeckten Bands forschen, den Chefredakteuren der US-Ausgabe eine unkuschelige Blattkritik vor den Latz knallen, mit Adam Green eine auf verrucht geschminkte nächtliche Zechtour verleben, ein schnödes Metallica-Konzert besuchen und nebenbei Lars Ulrich ausfragen. Der übliche Kleinkram halt. All dies, was man eigentlich einem mit allen Wassern gewaschenen Profi und keinem Dreikäsehoch überlassen sollte. Dinge, welche soziale Kompetenz, Know-how und fabulierendes Talent bitter benötigen.

Wenn wir nun den aufgeblasenen Casting-Mumpitz beiseite lassen und negieren, was dieses Format an Allgemeinplätzen über Musiker und Journalismus verbreitet, dann bleibt die  zur Schockstarre animierende Erkenntnis, dass das Schreiben über Musik nicht denjenigen überlassen werden sollte, die sich selbst als noch zu entdeckende Sänger beziehungsweise Musiker erachten. Musik und all die Emotionen, welche sie in uns rührt, in Worte zu fassen – das ist mehr als lediglich Fakten zusammentragen, überzuckertes Promotiongesülze umschreiben oder hippe Phrasen dreschen. Die Vertreter der über audiophile Themen schreibenden Zunft – und dazu zähle ich sogar den Rolling Stone –  vereinigen Wissen mit der Eigenschaft Töne, Harmonien, Lieder beschreibend greifbar zu machen. Im besten Fall gehört auch ein Gespür für noch unbekannte Sänger oder Bands dazu, die nur darauf warten Plattensammlungen zu veredeln.

Warum bloß gibt es so verdammt wenig gute Rezensenten, deren deskriptives Urteil Mal für Mal Facetten in Liedern und Songs erkennt, welche dem Ohr des Lesers oft verborgen bleiben. Weshalb nur gibt es eine überschaubare Anzahl von Schreiberlingen, die in Interviews nicht immer die ewig selben bemüht originellen Fragen zu stellen suchen? Wieso existieren Heerscharen von Journalisten, die ihre eigene Meinung stets als die einzig gültige ansehen? Vielleicht da es eben  jene kritische Masse an Praktikanten gibt, die drei Gitarrengriffe beherrschen, beim Erlauschen von Musik einen Seufzer à la Ist das schön losstöhnen oder sich einfach gerne weitschweifig in Banalitäten verlieren. Mit Sendungen wie Der Starpraktikant wird die Zahl derart veranlagter Amateure nicht wirklich schrumpfen. Und der Rolling Stone auch weiterhin nicht lesbar werden.

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Der Kleinkram der Starpraktikanten

  1. sehr schöner text, danke. du sprichst mir aus der seele.
    in der sendung wurde erwähnt, das indiegirl janine betreibe einen eigenen „musikblog“. den würde ich gerne mal anschauen, kann ihn nur leider nicht finden.

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