Hype des Unsäglichen

Lieber Programmdirektor, unsere tägliche Ration an Big Brother gib uns heute, gepriesen sind die nächsten Topmodels und Superstars. Und wenn Mamis feste Hand uns zu braven Abiturienten erzogen hat, dann benötigen wir auch die wöchentliche Dosis Dr. House. Ein als Arzt verkleidetes Ekelpaket, welches an Patienten herumdokert, dass Frankenstein seine wahre Freude hätte, begeistert viele. Warum eigentlich?

Auch in der Musikbranche funktioniert die Masche ähnlich. Inmitten all der Epigonen einer Britney Spears wird auf Niveau getrimmt und scharlatanesk in den Himmel gelobt, was in Wahrheit doch nur im Brackwasser der Ausdruckslosigkeit dahintümpelt. Nehmen wir zum Beispiel Coldplay. Das sind sicher nette Kerle, die hin und wieder auch nette Lieder fabrizieren, aber den kollektiven Jubelsturm haben sie zweifelsohne nicht durch herausragende kompositorische Leistungen ausgelöst. Oder denken wir an Jack Johnson, dessen Erfolg jedweden Erklärungsversuchen trotzt. Gitarrenverzupfte Langeweile als Anstoß einer Verzückung. Weshalb?

Die Erklärung ist simpel und mitnichten neu. Wir gewöhnen uns zu Tode. An die Fadesse, die RTL als Programmhighlights verkauft, an die ewig selben Harmonien, welche auf Dauerrotation in der Radiostation unseres Vertrauens laufen. Das Ausmaß der Wiederholung garantiert den Erfolg, bis wir schließlich sogar einen Egomanen wie Dr. House zum ins Herz schließen und die neue Platte von U2 aus den Boxen quillen lassen. Unsere Bequemlichkeit verbietet einen Blick über den Tellerrand, dämmt die Neugier nach gehaltvollen Alternativen. Ob Plattenbauzombie oder arbeitsloser Akademiker, jeder sehnt sich nach dem schmerzlosem Amüsement, das nur ja nicht mit dem Zeitaufwand des Entdeckens verbunden sein darf. Wir sind nicht so blöde, gut zu finden, was Mist ist. Wir lassen uns lediglich erfolgreich berieseln und erachten schließlich als nett, was doch eigentlich schwach ist. Minderwertiges wird uns gewinnbringend untergejubelt, nicht anders geschieht es doch in Nobelrestaurants, wenn Kutteln als Delikatesse angepriesen werden.

Wie entsagen? Vielleicht dadurch, dass man nicht immer das Nächstliegende als beste Wahl einstuft. Zwischen ARTE-Anspruch und RTLII-Kommerz gibt es genug Grauzonen, die eine Fülle Geschmäcker befriedigt. Zwischen Karlheinz Stockhausen und Bushido gibt es eine Menge zu entdecken, was Vergnügen beschert. Lassen wir uns nicht immer weichkochen und vom Marketing rammen. Bemühen wir uns um einen gesunden Funken Skepsis gegenüber allem, was uns aufgedrängt werden soll. Wer ist Herr über unseren ganz eigenen Geschmack? Sat.1 oder wir selbst? Warner Music oder wir selbst?

SomeVapourTrails

17 Gedanken zu „Hype des Unsäglichen

  1. @Iain – Hihi… ich frag mich immer noch, wie du es geschafft hast, The Glam mit U2 in Verbindung zu bringen… Und Selig sind find ich auch was ganz anderes… abgesehen davon, dass beide irgendwie Dinosaurier…

    Man könnte fast glauben, deine Relativitätstheorie heisst U2… die Doves blieben ja auch nicht ganz unverschont davon 😉

    Ansonsten – ihr mögt halt Lenz nicht – wir mosern dagegen gerne über die neuen Sachen von U2… ansonsten trifft man sich immer wieder…ich sag jetzt nicht Mitte… weil wir sind ja Indie irgendwie 😀

    Liebe Grüße
    Brigitte

  2. Wenn man Dr House mal näher betrachtet (und möglichst im Original anschaut, weil die Synchro nichts taugt) ist das nicht annähernd so oberflächlich, wie viele gern hätten. House ist ein sehr vielschichtiger und interessanter Character. Auch wenn man ihn in letzter Zeit zugegebenermaßen mehr und mehr zum Holzschnitt verkommen lässt.
    Klar, wenn man sich das anguckt und es für das Nonplusultra unter den Serien hält, dann hat man ne ganze Menge nicht verstanden. Aber es ist lange nicht so schlecht, dass man es nicht auch als intelligenter Mensch angucken und auch gut finden könnte.

    Und genau so ist es doch auch mit allem anderen. Es kommt auf den Blickwinkel an.
    Es gibt Leute, die durchaus brauchbare Bands hören, aber nur aufgrund des Coolness-Faktors. Und das finde ich echt noch gruseliger, als ehrlich und aufrichtig Britney Spears zu mögen.

    Neulich kam ein Bekannter an und erzählte, er würde ja auch auf Indie stehen und meinte anscheinend, so bei mir nen Stein ins Brett kriegen zu können. Hätte auch klappen können, wenn seine Definition von Indie nicht fast genau meiner Definition von Mainstream entsprochen hätte 😉
    Aber so ist das halt, wenn Mando Diao neuerdings groß von RTL angepriesen werden.

    Oder ums mit Kettcar zu sagen „Die Styler, die anders sein wollen, wollen malen – nach Zahlen“

  3. liegt eben am verdammt breiten Spektrum, dass U2 in knapp 30 Jahren so abgegrast haben. Da hört man dann mal eine Gitarre, die nach The Edge klingt, oder eben den Song „Winter Hill“ von den Doves, oder wie der heißt, der auch von Joshua Tree sein könnte 😉

  4. Ich mag Dr. House… nur der SomeVapourTrails nicht…

    Und Indie ist das am häufigsten missbrauchteste Wort überhaupt… wollt ich auch ein bisschen ironisch verstanden wissen…

    Wenn ich ne Band mag, kann die auch gerne 100 Mio CDs verkaufen… ich hab auch 5 Madonna CDs…

  5. PS… die Doves haben so ziemlich 1001 Songzitate eingebaut… sollte jemand von uns nochmal britische Rock/ New Wave -Geschichte studieren könnt’s ne Doktorarbeit werden…

    Dann als unbezahlter Praktikant bei Laut.de anheuern und was ganz Kluges schreiben 😀

  6. Dr. House habe ich noch nie gesehen. Nur mal eine Parodie bei Switch Reloaded. Und Madonna find ich sowieso super. Nur, die soll mit der Adoptiererei aufhören und sich `nen vernüftigen Kerl suchen, der ihr Sixpack cool findet und auf muskulöse Frauen steht 😉

  7. Okay. das kann natürlich sein. Du nutzt wahrscheinlich auch wordpress.com, das habe ich nur für meinen Spamschutz eingerichtet. Und WordPress verlinkt wohl zu sienesgleichen. Aber wie ich die Verlinkung wegkriege, Verstehe ich auch nicht.

  8. Prost!
    Und da du dich zusehr gelobt fühlst, werd ich in Zukunft bei Post-Rock Besprechungen von dir immer nur „grässlich“ und „anstrengend“ in die Kommentare schreiben… da schlag ich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe 😀 Oder gleich 3 – den Tux würd‘ ich ja auch mit ärgern…

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