Spiel mir das Lied von der HIV-infizierten Sängerin – oder kurz gesagt: Schlagzeilen ahoi!

Halten wir zunächst einmal die essentielle Neuigkeit fest. Niggemeier irrt und das passiert dem einzigen deutschen Journalisten, der die Dimension und Funktionsweise des Internets begriffen hat, doch recht selten. Aber durchleuchten wir die ganze Chose schlaglichtern. Mädchen durchläuft ein medial sehr beachtetes Fernseh-Casting für ne Pop-Band, hat mit selbiger die übliche Halbwertszeit Erfolg, taucht unter das Klatschpressenradar, feiert Jahre später mit der Band ein klitzekleines Comeback und gerät nun in die Schlagzeilen durch den Vorwurf, sie hätte wissentlich Sexualpartner mit HIV infiziert, wird sogar verhaftet. Soweit also die auf wenig Brimborium eingedampfte Geschichte. Und zu selbiger drängen sich mir nun drei Fragen auf. Wohlan!

1.) Gibt es nicht mehrere Arten von Prominenten? Solche, die aufgrund ihres Brotberufes im Scheinwerferlicht stehen (Politiker), jene, die uns durch besondere Talente beeindrucken (Künstler), und dann auch dergestalte Wesen, die ihren Lebensstil medial breittreten und dies de facto zu ihrem ureigensten Raison d’être erklärt haben (It-Girls). Vergessen wir eine Sekunde lang die Meditation über eine etwaige Gewichtung der Relevanz all der erwähnten Berufsgruppen. Überlegen wir vielmehr, ob vom moralischen (nicht rechtlichen) Aspekt all den erwähnten Beispielen die gleiche Schutzbedürftigkeit der Privatsphäre zusteht. Herber formuliert könnte man fragen, ob wer für Homestories in der Gala posiert auch bei hochgradig unangenehmen bis tragischen Ereignissen ein wohlverdientes Recht auf das Ausbleiben des Blitzlichtgewitters hat. Wer die private Seite (oder das, was als private Seite verkauft wird) in der Yellow Press präsentiert, der verliert ein Stück weit das Anrecht darauf, selbst zu wählen zu welchem Zeitpunkt diese nicht medial begafft werden darf. Ob nun die Paparazzi-Gazetten den öffentlichkeitslüsternen Promi zu dieser Handlung drängen oder die Klatschpresse selbst eingespannt wird, das spielt in diesem Falle keine Rolle. Das Ergebnis ist ident. Wieviel wiegt nun eine Teilnahme an einer Castingshow, der musikalischen Big-Brother-Variante? Wieviel der verkauften Tonträger ist eben dem Drumherum der amateuresken Inszenierung der Bewerbung bei Popstars geschuldet und welche Stückzahl generierte das perfekt designte Image der Band und eventuell auch deren Musik?

2. ) Gehen wir einmal davon aus, dass die deutsche Justiz nicht willkürlich Herrn Meier, Familie Schulze oder Frau Pooth behelligt. Vertrauen wir doch darauf, dass die Staatsanwaltschaft besagte Sängerin nicht deshalb belangte, weil man der Bild die Headline diktieren wollte. In diesem Falle erscheint die Verhaftung und der Vorwurf (trotz Unschuldsvermutung) schwerwiegend genug, um einen Nachhall im Blätterwald zu verursachen. Und da die Person der Öffentlichkeit bekannt und von der Bekanntheit ja auch lukriert hat, mutet es aberwitzig an, nun Stillschweigen zu verlangen. Sogar die Bild muss darüber schreiben dürfen. Die einstweilige Verfügung gegen den Axel-Springer-Verlag kann sich höchstens gegen die Art und Weise der Berichterstattung richten, aber nicht darauf, ob berichtet werden darf. Die Medienschelte Niggemeiers zielt diesmal falsch – nicht dass berichtet wird, ist das Problem, vielmehr wie berichtet wird. Journalistische Verantwortungslosigkeit (deren man viele Fernsehsender und Zeitungen bezichtigen mag) kann doch nicht dazu führen, dass allgemein Themen ausgeblendet werden, weil eine verzerrende Berichterstattung darüber erwartet wird?

3.) Kehren wir abschließend noch zur Programmatik unseres Blogs – der Musik – zurück. Erfolg in dem Genre funktioniert auf zwei Wegen. Vermarkte die Musik – und der Erfolg wird kommen, wenn die Qualität der Musik und der Promotion einen hohen Level erreicht. Oder aber man vermarktet sein Image, ergo sich selbst, und hofft damit die mangelnde musikalische Qualität zu kaschieren. Eine Konstante ist jedoch immer inspirierte Werbung. Bei den TV-Talentwettbewerben darf der Zuseher beim Entstehungsprozess des Styles aus der ersten Reihe fußfrei zugucken wie aus manchmal naiven Mädchen coole Pop-Sternchen werden. Teenager identifizieren sich mit dem Traum und viele wünschen sich, ihn selbst nicht nur zu träumen. Warum eigentlich sollten Neuigkeiten über gefallene Stars nicht ebenso als beispielhafte Warnung dienen können? Vielleicht erkennt dann die pickelige vierzehnjährige Göre, dass nicht jede, welche Kelly Clarkson im Schlaf krächzt, mit der Wahrwerdung eines Traumes umzugehen vermag. Die Darreichung von Schicksalen und Tragödien genügt uns zur Mahnung. Hoffentlich.

SomeVapourTrails

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