Wollt Ihr das totale Filesharing? (Teil 2)

Was bereits im ersten Teil meiner Ausführungen angeklungen ist, will ich heute weiter auffächern. Diesmal soll der Augenmerk auf zwei Gesichtspunkten liegen: Ich gehe der Frage nach, ob Filesharer die besseren Menschen sind. Und en passant werde ich nochmals den Gedanken eines früheren Eintrags, der ein paar Worte über die gesellschaftliche Sehnsucht nach Kunst beinhaltet, wiederholen. Eigentlich scheint es bedauerlich, dass man Grundlagen vernunftbetonten Denkens als Erkenntnisse verkaufen muss, aber angesichts des Zuspruchs, den Hetzblogs gegen das Copyright – ich denke da an 11k2 – erfahren, führt kein Weg daran vorbei.

Geistiges Eigentum wurde in den letzten 10 Jahren zu einem absoluten Unwort. Dabei verbirgt sich dahinter lediglich die Einstellung, dass ein Einfall und dessen Umsetzung – sei es nun in wissenschaftlichem Bereich mittels Patenten oder im künstlerischen Bereich mit dem Copyright – nicht einfach so nachgemacht beziehungsweise kopiert werden soll. Im Deppenjargon: Man hat eine Idee, setzt diese um und dann soll man durch die Finger schauen? Dies hört sich ungerecht an – und das ist es auch. So wie der Bäcker vom Backen der Brötchen, der Börsianer vom Hasadieren mit Aktien und der Verkäufer vom Verkauf lebt, so soll der kreative Kopf vom Ausleben seiner kreativen Ader und der Forscher von seiner analytischen Neugier leben. Kreativität und Neugier waren immer schon Antrieb für die menschliche Fortentwicklung. Natürlich stehen den eigenen finanziellen Interessen die Interessen der Gesellschaft entgegen. So stellt sich unter ethischen Gesichtspunkten die Frage, ob wissenschaftliche Erkenntnisse, welche einen überlebenswichtigen Nutzen für die Menschheit haben, tatsächlich geistiges Eigentum einer Person oder Firma sein sollen. Aber wenden wir das Augenmerk auf den künstlerischen Bereich.

Das Interesse an Kunst – entweder in Form der Produktion oder aber des Konsums – ist der menschlichen Natur immanent. Ob der Konsum nun Zweck der Erbauung, Unterhaltung oder Sinnfindung geschieht, spielt für die Wichtigkeit eine untergeordnete Rolle. Wir alle benötigen die Kunst als Teil unseres Alltags. Die demokratischen Verhältnisse unserer Zeit erlauben dem Künstler – zumindest theoretisch – eine Unabhängigkeit gegenüber etwaigen Mäzenen oder staatlichen Geldern und somit auch eine breit dimensionierte Freiheit. Wir alle sind Förderer, in dem wir Bücher, Bilder, Musik kaufen oder die Eintrittskarte für ein Konzert, eine Theateraufführung, eine Lesung, eine Ausstellung oder einen Kinobesuch lösen. Die Vielfalt unser aller Geschmäcker erlaubt eine breite Palette an Kunstformen. Und aus der Verantwortung die konsumierte Kunst zu unterstützen, kann sich niemand stehlen.

Filesharer schreien gebetsmühlenartig die ewig gleichen Argumente – allein dadurch werden sie nicht stimmiger. Nur weil das digitale Zeitalter die Möglichkeit der uneingeschränkten Kopie erlaubt, bedeutet dies nicht, dass dadurch die gesetzliche und moralische Verantwortung zur Entgeltleistung erlischt. Ein Lied wird komponiert, in einem Studio mit Musikern eingespielt, von Tontechnikern bearbeitet – das alles soll keinen Wert darstellen, sobald die MP3 mal erstellt ist? Warum? Mit welchem Recht kassieren filesharende Menschen eigentlich allmonatlich ein Gehalt für ihre Arbeit, wenn sie Künstlern den Anspruch auf Entlohnung absprechen? Argument wie „Künstler sind doch alle reich“ zählen nicht, denn die Firmengründer von Aldi sind dies auch und wir bezahlen die Waren trotzdem an der Kasse. Adjektive wie „überteuert“ lasse  ich nicht gelten, denn der Markt bestimmt den Preis. Und nur weil ein gewisser Prozentsatz potentieller Käufer das Produkt stiehlt, besteht kein Grund den Preis zu senken. Vielmehr sollten die Diebe zur Kasse gebeten werden. Viele Copyright-Gegner bieten als Kompromiss die Kulturflatrate an, jammern jedoch bereits jetzt über Institutionen wie die GEMA. Eine Pauschalabgabe soll Verteilungsgerechtigkeit bringen. Und dies noch ohne betriebsblinden Moloch wie es die GEMA eben ist? Würde dann nicht erst recht der Löwenanteil in die Taschen der riesigen Plattenfirmen fließen, die für jedermann ein rotes Tuch sind? Filesharer haben eine recht simple Sicht der Dinge. Sie wollen alles konsumieren und wenig bis gar nichts dafür zahlen. Dies funktioniert aber nur im unreglementierten, virtuellen Internet – und darum werden die kapitalistischen Regeln, nach denen sich die Gesellschaft eben richtet, nun mit Kratzen und Beißen aus den Angeln gehoben. Dabei wird aber nicht etwa eine schönere Welt herbeigesehnt, vielmehr dem „Geiz ist geil“ nachgeeifert. Filesharer sind – natürlich sehr pauschaliert formuliert – Diebe mit Robin-Hood-Komplex. Und verdienen schon fast wieder Mitleid.

SomeVapourTrails

Kleine Ergänzung von DifferentStars:
Pro-Filesharer drohen dann auch gerne mal mit Mord – der „liebe“ 11k2  freut sich über soviel Cowboy Verhalten – ist aber alles nur Spass und der Amok-Lauf von Winnenden war gestern. Die Verrohung im Internet sowieso an nichts schuld:

eu-nein-zu-copyrightverlangerung-auf-95-jahre-c2ab-11k2_1238683949145

Dieser Kommentar findet sich (leider) hier.

5 Gedanken zu „Wollt Ihr das totale Filesharing? (Teil 2)

  1. Hee, ich bin nicht gegen das Urheberrecht, sondern eindeutig dafür. Und ich bestehe auf der Trennung zwischen kommerzieller Vertwertung und privatem Gebrauch. Ich bestehe ausserdem auf einer konsequenten Anpassung des Urheberrechtsgesetzes an die Gegenwart. Tatsächlich bezahle ich in Form von Pauschalabgaben beim Kauf von MP3-Playern oder CD-Rohlingen indirekt an den Urheber, un das ist auch richtig so. Was bisher noch fehlt im Vergütungskanon, ist die Abgabe auf das Internet, heute die wahrscheinlich wichtigste Form der Privatkopie. Also fordere ich, als Urheber (Publizist), die Einführung einer Abgabe auf Internetanschlüsse. Schliesslich hat geistige Leistung einen Wert.

    Ach: Findest du, ein Bauer sollte dafür bezahlt werden, dass er Kartoffeln anbaut? Oder dafür, indem er sie als Ware an Verbraucher verkauft? Findest du, KFZ-Hersteller sollten vom Staat pro hergestelltem Auto ein Prämie bekommen? Oder erst durch erfolgreichen Verkauf Profit machen? Ich glaube, ich muss das jetzt nicht weiterführen…

  2. @Fritz: Kleine Anmerkung von mir – DifferentStars – (später wird dir SomeVapourTrails schon länger antworten), findest du es ok, dass in deinen Blogkommentaren ein Nutzer droht SomeVapourTrails zu erschiessen?

    Denk mal drüber nach. Gedanke – Wort – Tat. Auch „nur so dahin gesagt“, sollte niemand Morddrohungen veröffentlichen. Wer der Verrohung im Internet keinen Einhalt gebietet, braucht sich über Amokläufe wie in Winnenden nicht zu wundern – sondern macht sich mitschuldig!!!

    So was ist nicht cool – sondern grob fahrlässig!

    DifferentStars

  3. Naja. Ich glaube, auch hier sind wir nicht einer Meinung. Zwischen „isch mach disch platt!“ und Winnenden braucht es viel mehr als nur eine Neun-Millimeter. Gewaltin Medien und Gewalt in Blogkommentaren haben nichts mit real ausgeübter Gewalt zu tun. So denke ich jedenfalls.

  4. 2 kurze Bemerkungen:

    Nur weil Leute stehlen (indem sie Alben mittels P2P runterladen) entgeht den Künstlern Geld, nicht etwa weil es im Internet keine adäquaten Kaufangebote gibt. Die Kulturflatrate ist meines Erachtens nur der Versuch diesen Dieben eine Brücke in die Legalität zu bauen, zwangsweise zu resozialisieren. Auf der Strecke bleibt der Künstler, der durch die Pauschalabgabe und deren vermutlich recht einseitige, undurchsichtige Verteilung wohl kaum mehr verdient als vorher. Vielmehr werden diejenigen, die nun kaufen, in Zukunft weniger kaufen, weil sie dem Irrglauben unterliegen, dass durch die Pauschale ohnehin der Künstler etwas bekommt. Ein Rechenbeispiel: Indie-Artist setzt monatlich momentan 100 CDs zu 10 EUR um. Das bedeutet monatliches Einkommen aus Musikverkauf von 1000 EUR. Nehmen wir nun an, dass im Zuge der Kulturflatrate 10000 Albendownloads im Monat getätigt werden. Das wäre das Hundertfache. Und auf die 1000 EUR nach dem bisherigen Modell würde er dann nur kommen, wenn er pro Albendownload 10 Cent aus der Pauschale bekäme. Und da muss die staatliche Kulturflatrate hoch angesetzt sein, damit das Realität werden würde. Darum meine ich, dass das jetzige System eher beibehalten (und natürlich verbessert) werden sollte.

    ad 2) Mich darf man gern beschimpfen. Da habe ich kein Problem, weil die Beschimpfung ja auch etwas über die Qualität des Schimpfenden aussagt. Die kann intellektuell herausfordernd oder aber einfach nur dumm sein. Manch verbale Rundumschläge sind immer auch ein Anzeichen dafür, dass eine vernünftige Konfliktkultur fehlt. Solch Leuten mag ich in der Realität nicht begegnen. Ich mach mir auch Sorgen, dass du mit vermeintlich einfachen, demagogischen Lösungen gerade die Leute aufheizt, die diese Aufstachelung brauchen, um Mal kräftig auf den Tisch zu hauen und es allen Andersdenkenden zu besorgen. Merke dir: Gewalttätige Menschen sind immer und überall potentiell gewalttätig, ob in der Realität oder im Internet.

    SomeVapourTrails

  5. Ja, ich weiss natürlich, was du meinst. Aber das Bild ist grösser. Wir durchleben gerade eine neue technische Revolution, in ihrer Tragweite vergleichbar mit der industriellen Revolution des 19ten Jahrhunderts. Damals wurde Handwerk als vorherrschender Wirtschaftsfaktor obsolet, heute ist es (unter anderem) der Teil der Medienindustrie, der erst durch industrielle Massenproduktion möglich wurde: Der Datenträger. Das heisst: Zeitungen, Platten, Bücher, CDs, DVDs veralten gerade. Weil Distribution jetzt kostenlos ist: Die Digitalkopie. Dadurch fällt ein wichtiges Geschäftskonzept ersatzlos weg. Und dagegen können wir beide nichts tun. Sonst auch niemand. Ich will auch, dass Musiker bezahlt werden, ich selbst will weiter als Journalist bezahlt werden, aber angesichts dieser Umwälzungen sehe ich die Chancen dafür gemischt. Das TV wird weiterleben, weil es werbe- und pauschalabgaben-finanziert ist. Aber das sehn wir ja dann….

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