Boulevard of the Nameless (III)

Manchmal mutiere ich zum kleinen Hänschen, der mit riesigen Kulleraugen auf die weite, komplizierte Welt starrt und nicht recht begreifen will, was daran so unverständlich sein soll. Liegt das Tohuwabohu am Ende gar im Auge des Betrachters? Das naive Gemüt in mir jedenfalls denkt sich, dass es kein von Gott auferlegter Fluch sein muss, der kleine Labels zur Vernachlässigung des Promotion-Einmaleins nötigt. Und sogar weltentwichene Musiker sollten sich einen Webauftritt basteln können, welcher die Fragen Wer? Was? Wo? in groben Zügen beantwortet. Sollte man jedenfalls meinen.

Heute wollen wir einen britischen Songwriter namens David Thomas Broughton ehren. Selbiger ist seit seinem Debüt The Complete Guide to Insufficiency im Jahre 2005 ein veritabler Geheimtipp. Das musikalische Dasein als Geheimtipp zu fristen scheint in etwa vergleichbar mit dem Beziehungsstatus des Singles. Gleich wie jeder Junggeselle der Paarung harrt, will ein jeder Musiker mit seinen Liedern die Menschheit penetrieren. Dieser Akt mag im Falle Broughtons leider noch auf sich warten lassen.

DavidThomasBroughton
David Thomas Broughton (Foto von Rosanna Freedman)

Broughtons Interpretation des Folk wird vom Bekenntnis zu Lo-Fi getragen. Eine glockenhelle Männerstimme und eine akkustische Gitarre stehen vor allem bei seinem Erstlingswerk im Fokus. Die darauf folgende  Zusammenarbeit mit 7 Hertz zeigt jedoch auch sein Gespür für kammermusikalische Orchestrierung. Broughton ist Purist unverwässerten Folks, schlittert thematisch und textlich in die Fußstapfen der grandiosesten Meister. So erzählt der Song Unmarked Grave von einem toten, verwesenden Soldaten, dessen Liebste auf seine Heimkehr wartet. Zeilen wie „as i decay neath my blanket of earth my heart is yet to be satisfied, a seedling grows on my burial ground, just to wither and die“ markieren exemplarisch die lyrische Kraft des Songwritings.

Was also fehlt dem werten Herren zu höheren Weihen? Vielleicht ein Label, welches gekonnt die Werbetrommel rührt, um die Folk-Fan-Nische  in kumulative Freude zu versetzen? Eventuell einen informativerer Webauftritt des Künstlers, der neugierige Journalisten und Bloggern die Infos liefert, welche es braucht, um die Mär eines fantastischen Musikers über alle Erdteile zu verbreiten? Oder am Ende gar nur Glück, dass in Mode kommt, was zeitlos ist?

Am Ende sei auf einen Download von Weight of My Love als Hörprobe verwiesen. Hier wird die Kraft des Vortrags in all der direkten Schlichtheit deutlich, welche David Thomas Broughton charakterisiert. Man muss ihn einfach entdecken – und somit auch ins Herz schließen.

Links:

Offizielle Webseite

Hörproben auf Last.fm

SomeVapourTrails

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