Der Kritiker ungewaschene Ohren (I) – St. Vincent

Heute will ich eine neue Rubrik einführen, den nötigen Kontrapunkt setzen. Die von mir frequentierten Musik-Magazine, Zeitungen und Musik-Blogs auf Urteile abklopfen, welche geradezu nach einem Einspruch lechzen. Denn nicht alles, was eine kollektive Anpreisung der Kritiker erfährt, trifft auch den richtigen Ton. Und manch Verriss bedarf einer soliden Nachbetrachtung. Zum Einstieg sei dieses Mal eine Musikerin gewählt, der derzeit mehr Rosen gestreut werden, als Holland Tulpen hat.

Actor

Laut.de attestiert Annie Clark aka St.VincentIntensitäten, die von Gutlaunigkeit und poppiger Absehbarkeit weit entfernt sind, dafür eine eindringliche Faszinationskraft ausüben„, während Spex.de einen gern bemühten Vergleich aus der Mottenkiste kramt, das Album Actor mit einem Film aus der Schmiede David Lynchs vergleicht und es „unvorhersehbar, eigenartig und wunderschön zugleich“ empfindet. Die FAZ ernannte die Platte sogar zur CD der Woche und verspricht bereits in der Überschrift, dass der Hörer „belohnt mit prallster Schönheit“ würde. Der Rolling Stone hingegen entdeckt „tatsächlich ziemlich kirre machendes Kopfkino“ und findet dies ganz toll. Monsters and Critics wiederum wirkt bereits leicht kirre und greift zu einem windschiefen Vergleich, indem man Portishead unterstellt, derart klingen zu können, „wenn man sich für das Leben und gegen den Untergang entschieden hätte„. Der inflationär gebrauchten Verwendung von Lobhudeleien entkommen auch Blogs nicht. So entscheidet sich nicorola für die Prädikate „großartig“ und „wunderbare Stimme“ und WhiteTapes fabulieren von einem ganz großen Wurf„.

Bei soviel verschwendungssüchtig verballerten Komplimenten erlebt der stinknormale Hörer beim Erlauschen von Actor dann doch sein blaues Wunder. Was als hohe Kunst angepriesen, erweist sich als veritabler Etikettenschwindel. Nicht alles was schräg dahereiert und mit jeder verkrachten Note Anspruch ausstrahlen will, ist auch dazu angetan, mit Beweihräucherung überschüttet zu werden. Die Attitüde, dass es sperriger Kniffe bedarf, um eine ausgefallene Form von Musik zu kreieren, verknödelt sich zu allernervigstem, anstrengendstem Gejaule. Im Endeffekt zeugt das Hochhieven St. Vincents doch davon, dass virtuelle Kritiker-Bestenlisten gleich den Verkaufscharts ebenso wenig eine Leitschnur zur Findung feiner Musik sind.

Man krame sich das Stammbuch hervor, greife zum Füller und kritzle sich folgendes rein: Nicht jedwedes verkünstelt ausgefeiltes Notengebilde, welches verquer instrumentiert, verzerrt und mit säuselndem Gesang beschallt nach Aufmerksamkeit heischt, hat selbige auch verdient. Gewollte Komplexität und ausgesuchte Exzentrik sind kein Maßstab für qualitative Quantensprünge. Der Kritikerzunft sei ein wenig mehr Mut zur Wahrheit geraten und weniger an Verlogenheit grenzendes Nachbeten eines in jeglicher Hinsicht künstlichen Hypes empfohlen.

Audiophile Durchschnittskonsumenten aller Welt, seid beruhigt. Es ist nicht so, dass ihr ohne Geschmack dahinvegetiert. Vielmehr sind es die Rezensenten, welche der Mär eines vermeintlich musikalischen Wunders kräftig auf den Leim gehen. Oder aber sich dringend mal wieder die Gehörgänge freispülen sollten. Auf Anfrage verrate ich gerne die Adresse meines HNO-Arztes.

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SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Der Kritiker ungewaschene Ohren (I) – St. Vincent

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