Die Castingshow-Evolution

Vom Glauben an einen Gott, der alles Irdische mit Leid, Pein, Qual und Folter belegt, um uns fit für die höheren Weihen der Ewigkeit zu machen, von diesem Glauben braucht man nicht abzufallen. Erschreckender freilich ist der Umstand, dass man nicht einmal zum Zyniker geboren sein muss und dennoch die Weiterentwicklung jeglicher menschlicher Vernunft in Abrede stellen kann. Die gesellschaftliche Degeneration lässt sich an vielen Puzzleteilchen festmachen, von denen wir heute eines näher betrachten wollen.

Brot und Spiele – mehr benötigt der Pöbel nicht. Das wussten die alten Römer – und auch 2000 Jahre später agieren die Sendeverantwortlichen privater TV-Stationen nach dem Credo, dass man die Dümmsten der Dummen – und dies sind nicht wenige – mit einem üblen Spektakel erst richtig belustigen vermag. Schwupps waren menschenverachtende Formate wie Big Brother aus der Taufe gehoben. Bei DSDS wiederum werden Clowns und Tussis ohne Hauch von Musikalität aber mit grell flitternden Kostümen auf Showbühnen geschubst. Und das Fernsehvolk verfolgt die Schmierenkomödien mit nie versiegendem Enthusiasmus, himmelt die perfide gestylten Ausbünde oberflächlichster Unterhaltung an. Daran wird keine zeigefingernde, mantrahaft runtergebetete Kultur- oder Medienkritik jemals etwas ändern. Man kann elegant die Nase rümpfen und Deutschland sucht den Superstar als himmelschreienden Nonsens abtun. Man darf die übelst schmierige Unterstützungskampagnen der Bild für eine DSDS-Kanditatin verdammen und die Zeitung als Lektüre für gefühlsduselige, sensationslüsterne und/oder dauergeile Grenzdebile erachten. Im Endeffekt bleibt die nüchterne Erkenntnis, dass es das Casting-Entertainment ist, welches sich verkauft und über das man spricht. Was auch immer der Connaisseur zu hoher Kunst adelt, nie wird diese einem breiten Publikum musikalische Glücksgefühle vermitteln. Lieber gieren wir nach dem Ballermann-Geträller einer Annemarie Eilfeld. Die Masse will Musik ohne den Einsatz von in Nachdenklichkeit gelegte Stirnfalten erleben.

International ist Susan Boyle das neueste Produkt unmenschlicher Lachhaftigkeit. Ein Bauerntrampel, der als körperliche Antithese zu jedweden Schönheitsideal gesangliche Wunder vollbringt, verzaubert die Zuschauer der britischen Ausgabe von das Supertalent. Zweifelsohne wird sie ein Album aufnehmen, dessen Erlös in die Taschen der findigen Produzenten von Britain’s Got Talent wandern wird. All die augenscheinlich simpel gestrickten Musikrevuen verarschen nicht nur den Zuschauer, auch die Teilnehmer werden virtuos ausgebeutet. Und alle, wir alle, lassen uns auf die eine oder andere Weise in Casting-Klemme zwingen. Eine Verweigerung der Wahrnehmung gelingt nie. Ob virtuell oder in realen Gefilden – das Bombardement nervtötender Kitsches prasselt hernieder.

Die Evolution der Castingshows wird von ungebremster Euphorie getragen. Sie nutzt die marginal vorhanden Gehirnzellen der Fans aus und zieht den Empfängern von Hartz IV die letzten Moneten aus der Tasche. Schon übel, die einzigen CDs, welche heute noch verkauft werden, sind musikalischer Sondermüll. Doch wildern solch Sendungen auch im Revier von üblicherweise vernunftbegabten Menschen. Wie viel Zeit muss eigentlich noch verstreichen, ehe man der grassierenden Verblödung einen Riegel vorschiebt? Wie lange noch, bis endlich der Stecker gezogen wird und Dieter Bohlen im Dunkeln sitzt? Gibt es Hoffnung? Nein. Finden wir uns mit der Diktatur der Idiotie ab, mit jedem Casting einmal mehr.

SomeVapourTrails

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