Ecstasy Mocks Fantasy (Scanners)

Warum schafft es eigentlich jedes bessere Popogewackel aus dem hintersten Winkel des Erdenrunds in Schallgeschwindigkeit in die Karstadt-CD-Abteilungen? Ein ansprechend locker vom Hocker instrumentiertes, mit entwaffender Stimme bestücktes Album namens Violence Is Golden schnuppert hingegen erst mit dreijähriger Verspätung deutsche Morgenluft. Klar kackt die Dampfe, wenn zeitgleiche, weltweite Releases als Ding der Unmöglichkeit scheinen und Anhänger physischer Tonträger auf meist wenig kostengünstige Importe angewiesen sind. Irgendwann letztlich erbarmt sich dann ab und an ein obskures, mit höchster Geheimhaltungsstufe bewaffnetes Kleinstlabel und bringt die Platten unter ein Volk, dass meist nicht wirklich die Chance hatte, die vielversprechende Band kennenzulernen. Im digitalen Zeitalter mögen wir in globalen Dörfern leben, aber so richtig über den Tellerrand des Ortsschilds lugt der Blick selten. Was nicht mit der Intensität eines Meteoritenschauer als Hype auf uns einprasselt, das nimmt der Durchschnittsnutzer nicht wahr. Wozu es dieser auf lokale Märkte zugeschnittenen, mehr oder minder aufwändigen Marketingfeldzüge bedarf, das würde ich gerne verstehen. Die Londoner Band Scanners musste den steinigen Weg hin zum Überspringen der Wahrnehmungsgrenze marschieren. 2006 erfolgte die Veröffentlichung des Debüts in den USA, 2008 schließlich in UK und 2009 darf sich Deutschland beglückwünschen.

Scanners_lg

In den seit dem Erscheinungstermin verfassten Rezensionen wird Frontfrau Sarah Daly als Nacheiferin der immer selben Sängerinnen genannt – was entweder die blanke Wahrheit darstellt, oder aber auf gebetsmühlenartiges Nachbeten des Promotion-Textes zurückzuführen ist. Für mich klingt Sarah Daly verdammt nach… Sarah Daly! Jene Dame haucht dem Wave-Rock-Indie-Pop-Punk-Alternative-Irgendwas (Zutreffendes bitte ankreuzen) einen durch sämtliche Fahrwasser durchgängig schimmernden Glanz ein. Prall perlen pittoreske Stimmverwuchtungen auf manchmal ordentlich scheppernde Stücke und mitunter getragene Balladen. Ihr Charisma bewahrt den Songs eine Frische, die 80-er-Jahre-Tracks wie dem schlagzeuggetriebenen Lowlife mehr als lediglich den derzeit grassierenden Retro-Sound und Changing Times eine bombastische Verzweiflung einhauchen. Auch ein Bombs, das wie ein wiederentdecktes Blondie-Lied anmutet, gerät zur One-Woman-Show. Air 164 brettert dank fieberhaft-lärmender Gitarren zügellos daher und entblättert die punkige Essenz der Ekstase. Ekstatisch wird vorgetragen, was jedweder Beschreibung spottet, tun sich mit Percussion vertiefte Abgründe auf (Evil Twin), wird bei Raw energetische Rohheit zur geballten Faust heftigsten Begehrens. Mit dem verspukten High Flier und dem nicht minder verwunschenen In My Dreams wird gelungenes Songwriting unterstrichen, das vieles wagen  und gelegentlich auch scheitern darf, weil Frau Daly jede Aufgabe souverän zu meistern und Schwachstellen zu kitten versteht.

Violence(Cover)

Trauen wir einer jungen Band wie den Scanners durchaus zu, ein Debüt zu verbrechen, das nicht einfach bloß zitateklauend durch die Wave-Geschichte brandschatzt, vielmehr fantasievoll neue Spielarten auslotet und nachhaltig zu beeindrucken weiß. Sarah Daly darf man getrostet als Synonym für Ekstase in die Thesauri der Welt hauen und Violence Is Golden in die hauseigene Plattensammlung aufnehmen.

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MySpace-Auftritt

Free Download von Lowlife

SomeVapourTrails

6 Gedanken zu „Ecstasy Mocks Fantasy (Scanners)

  1. Zweifelsohne tolle Band !!! Schön das ihr das auch so seht ! Aber was heißt denn hier Kleinstlabel ? Unter Schafen ist home of: Metric, Trend, Hot Water Music, Shannon Wright, 31 Knots, Division of Laura Lee, Boxhamsters, Melt Compilations etc 😉 Diese Bands kennen in Indie Deutschland wahrscheinlich schon viele…

  2. Vor allem Metric kennt man hier auf Lie In the Sound sehr gut 😉 Wobei deren Album Fantasies in Deutschland von Pias vertrieben wird und über deren Promo-Kanäle zu uns kam. (Eine meiner Top-Entdeckungen 2009 – auch wenn’s die Band schon länger gibt). Zu den Scanners: Da würd ich mir von den Schafen mal wünchen, dass sie das neue Album Submarine (hab ich hier besprochen) auch zu einem deutschen Release verhelfen. Kleinstlabel ist auch nicht negativ gemeint. Die Namen, die du nennst sind auch keine unbekannten. Der Internetauftritt von Unter Schafen hatte uns jedoch in den Wahnsinn getrieben, ist aber inzwischen gut ausgebaut, wie ich eben gesehen habe. Bei Schreiben der obigen Review, hatten wir noch verzweifelt Pressefotos + mehr Infos gesucht. Verglichen mit einem Wohnzimmer-Netlabel sind sie also doch groß 😉

    DifferentStars

  3. Ja USR hat das „Old World Underground“ Album von Metric damals veröffentlicht… Das Scanners Album (Submarine) erscheint im September auf Unter Schafen Records, außerdem kommt die Band im Herbst auf Deutschlandtour.

    Beste Grüße vom erfolgreichsten Hobbylabel Deutschlands 😉

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