Maskierte Traurigkeit – John Vanderslice

Musikalische Außenseiter pflastern meine Gehörgänge. Weniger aus dem Kalkül einer Entsagung kommerzieller Angebote heraus, eher schon weil es dem eigenen Naturell und der Befindlichkeit entspricht, hinter die Fassade des Offensichtlichen zu schauen. Und im Grunde genommen sich es die Augenscheinlichkeiten, denen hinterhergehechelt wird, da sie antworten anstatt Fragen zu stellen. Jedoch kommt es auf die Technik der Fragestellung an. Besteht sie aus abstrakt verquasteten, einem akademischen Anspruchsdenken unterliegenden Methoden, oder rührt dies Forschen unmittelbar an unterschwelligen Ängsten und Sehnsüchten und gewinnt dadurch an Relevanz und Brisanz? Im konkreten Fall der musikalischen Geschmacksnerven berücken mich Singer-Songwriter dann besonders, wenn sie ohne intellektuelle Überfrachtung oder ironische Distanz sinnsuchend dahinvagabundieren, vielmehr mit naiven Staunen und/oder schlichtem Ausdruck Emotionen mit Fragezeichen unterfüttern.

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Foto von Elizabeth Weinberg

John Vanderslice vermag auf der soeben erschienenen CD Romanian Names den Spagat zwischen grenzenloser stimmlicher Wärme, ruhigen, von malerischen Melodien getragen Stücken und textlich traurigem Sehnen und Erinnern perfekt zu vollführen. Den Opener Tremble And Tear kennzeichnen beschwingt arrangierte Instrumente und die charmante Melodie sowie eine für dies Album untypische, fröhliche Aufgeregtheit. Bereits ein schräg verschrammeltes Fetal Horses thematisiert das Motiv einer ungesunden, von unüberwundenem Verlust geprägten Sehnsucht und kulminiert in der Zeile „Fetal horses galloping in the womb„, die man sich so auch erst auszudenken wagen darf. Darauf folgt bei C & O Canal ein Abschied, der mit immenser Bitterkeit beklagt wird, und dabei von nahezu heiteren Rhythmen konterkariert wird. Schon die ersten Eindrücke belegen die doppelten Böden, die Vanderslice verlegt. Brechungen prägen die Platte, wenn Vanderslice vergnügt reingrätscht. Der vierte Titel schließlich nennt sich Too Much Time und wurde von mir unlängst zum Song des Jahres gestempelt. Wohlig durchflutet ein Verlangen die Szenerie, zelebriert einen Aufbruch mittels dicht geschmiedeter und doch überschaubarer Klangfülle, mündet in dem anbetungswürdig dargebotenen Refrain „Too much time gone by and I can’t find you if I try„. Allgemein bietet der Erzähler Vanderslice auf dem Album wenig Ansatzpunkte, vage blubbern Schemen an die Oberfläche, lassen meist unbestimmt bleibende Fetzen von Melancholie zurück. So auch auf D.I.A.L.O., welches abermals den Abschied in den Fokus rückt. Forest Knolls ist die voll lässigem Drama geschilderte Begegnung mit Hirschen im Wald und dem mahnenden Eingedenken, dass sein Großvater sie noch zu erlegen verstanden hätte. Einmal mehr kontrastiert Oblivion deftige Lyrics mit warm versponnenen Harmonien, ehe Sunken Union Boat den nahezu perfekten Indie-Pop-Song kreiert und in trügerischen Erinnerungen schwelgt. Der Titeltrack des Albums ist ein erneutes Aufflackern hoffnungsfrohen Sehnens, ehe mit dem kryptischen Carina Constellation düstere Schatten aufziehen. Wiederum sortiert sich der Songwriter und wirft uns mit scheppernden Drums und verschnieften Gitarren ein Summer Stock entgegen, so als wolle er den von Keyboards dominierten Mittelteil des Album hinter sich lassen. Eine Streicherverklärung namens Hard Times offenbart die Conclusio des Herren Vanderslice, indem er gesteht „To find an answer I searched every sentence and ended deeper still in hard times„.

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Romanian Names ist voll maskierter Traurigkeit, welche sich in Ansätzen zwischen dem warmen Sound verbirgt. Die Platte fügt sich nahtlos in sein bisheriges, außergewöhnliches Schaffen ein und darf als absolut gelungen genannt werden. Zumal – und da lege ich mich fest – das Lied Too Much Time von derartig schöner Qualität ist, dass man es getrost als Meisterwerk 2009 titulieren darf. Wer sich auf das lohnend anspruchsvolle Terrain eines John Vanderslice wagen will, der wird auf dessen Homepage fündig. Zahllose kostenlose Downloads laden zur tiefschürfenden Erkundung ein und vermitteln ein rundum faszinierendes Bild.

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Offizielle Homepage

SomeVapourTrails

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