Melancholische Wikinger rocken auf britischen Popwellen

TAQ_album_cover

Eines mal vor weg. Der Ge-bzw Missbrauch des Genrebegriffs Britpop sollte besteuert werden – die Krise wär vorbei und der Staat wär seine Schulden los. Zur Zeit wird diese Etikett auf alles geklebt, was irgendwie so klingt als ob’s von der Insel kommt – der britischen wohlgemerkt. Der geübte Seefahrer würde wohl erkennen, dass er in skandinavischen Gewässern schipppert. Allein den meisten Indie-Bloggern und Rezensenten fehlt der passende Segelschein 😉

The Alexandria Quartet stammen ursprünglich aus Norwegen sind aber inzwischen in London beheimatet. Vielleicht wird ja historisch gesehen ein Schuh draus, ich meine aus dem skandinavischen Indie-Rock-Pop mit Britpop-Getagge. Immerhin haben irgendwann die Wikinger ihre rohe feier-und sauffreudige Kultur nach Britannien gebracht und die Harfe spielenden Kelten verjagt. Angeln und Sachsen taten ihr übriges und die Grundlage für den Britpop war geboren.  Zu den prägensten Bands ihrer Jugend zählten dann Oasis – die laut NME den Britpop ermordet haben

Britpop. It’s become such a dirty word I’m amazed my laptop doesn’t automatically asterisk the vowels.

….wir sind also eindeutig beyond Britpop.

Die 4 Jungs von The Alexandria Quartet sind eben noch Jungs und eine (mindestens) Generation jünger als Oasis und Co – ebenso wie ihre musikalische Nachbarn, die zur Zeit zu Recht über alles gehypten White Lies. Eine gehörige Portion Sehnsucht und Melancholie mischt sich mit eingängigen Popmelodien und verspieltem Rock. The Alexandria Quartet finden auf ihrem Debüt die richtige Mischung aus Filigranität, Zerbrechlichkeit und kraftvollem Elan und Spielfreude. Nach all dem Post-80er-Synthpop-Gedöns der vergangenen Jahre kommt endlich eine neue Generation von Bands, die das Rad nicht vollkommen neu erfindet, allerdings eigene Akzente und einen eigenen Sound entwickelt.

Der Opener The Dark Side Of The Blues kommt so gar nicht bluesig daher – sondern klingt verdammt nach gitarrenlastigem Stadionrock, der die Massen zum Toben bringt.

The Dark Side Of The Blues

Dass sie in bester Indie-Rock Manier, ganz nach Travis Art, auch nach Liebe schmachten können, zeigen sie mit  I Need Someone To Love . Netter Schmachtfetzen, der sich ins  Ohr schmeichelt. Rockiger und dennoch fragiler folgt Into The Light (Stream) – einer der Höhepunkte  auf The Alexandria Quartet. So schön kann man die Qual eines herausgerissenen Herzens wohl nur besingen, wenn man Anfang Zwanzig ist. Mit allem Pathos und Trotz, der dazu gehört. Fern jedweder Schnulzen-Gefahr.

Dass gerade, wenn der Himmel nicht voller Geigen hängt, Streicher gerne eingesetzt werden, ist wahrscheinlich eine alte Musikwahrheit – Somewhere ist ein grandioser Song über’s Erwachsenwerden und die Angst vor dem Wandel. Mit zerbrechlicher Stimme und Piano beginnt leise, was tröstlich und kraftvoll mit Streichern endet.

Get Lost In The City klingt dann schon wieder verspielter und mehr nach Abenteuer. Eine schöne Radio-Single, wie ich finde.

Trotzig und voller jugendlicher von existenziellen Gedanken  geformter Altersweisheit fabriziert Sänger Martin Skålnes wunderbare Texte, wie zum Song You Could Be My Mirror:

i’m not dead
i’m just passing on
i’m the blood in your veins
that floats throught skin and bones
and it keeps me alive
keeps my river flowing
but i’m not there
i just pass on

the bells will ring
the sun will rise and the birds will sing
and you could be my mirror
reflections of the man

Die besten Lieder wurden schon immer über unglückliche Liebe geschrieben – mit Montauk folgt gleich ein solches. Feuerzeuge raus, sag ich da nur. Sehnen kann so schön sein 😉

Ace Upon The Sleeve ist eine tolle Ballade über die Suche nach Seelenverwandtschaft, die Hoffnung und Furcht diese nicht zu finden oder sich selbst zu verlieren. Ein starker Song – dennoch mag ich die rockigen Songs von The Alexandria Quartet lieber. Solch einer folgt zugleich mit Justine. Hier wird wieder geklotzt und nicht gekleckert. Lautstärke aufdrehen und… oder am besten live erleben. Leaving You With Music schließt sich an.

Last But Not Least: Mein persönliches Highlight: Der leise, ironische und doch anrührenden  Song A Monster’s Lullaby.

her eyes are open when it gets dark
and I don’t wanna sleep
i wanna see her tonight

walking through mountains all by herself
and I don’t wanna sleep
I wanna save her tonight.

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Tracklist

The Alexandria Quartet
1. The Dark Side Of The Blues
2. I Need Someone To Love
3. Into The Light
4. Somewhere
5. Get Lost In The City
6. You Could Be My Mirror
7. Montauk
8. Ace Upon The Sleeve
9. Justine
10. Leaving You With The Music
11. A Monster’s Lullaby

VÖ: 22.5.09
Label: Nettwerk

Live erleben:
19. Jun. 2009 – Southside Festival 2009 – Neuhausen ob Eck
20. Jun. 2009 – Hurricane Festival 2009 – Eichenring, Scheeßel
22. Jun. 2009 – MTC – Köln
23. Jun. 2009 – Magnet – Berlin

Free Download (via Nettwerk):

Mp3 The Dark Side Of The Blues

Die Band vorgestellt habe ich hier.

Link: Myspace

DifferentStars

6 Gedanken zu „Melancholische Wikinger rocken auf britischen Popwellen

  1. aber wenn eine band für mich persönlich nach einer mischung aus embrace und oasis – ihres Zeichens zwei Vorzeige-Britpop-Bands – klingt, dann ist das für mich schon eindeutig Brit-Pop, ein Genre, das ich sehr liebe, da kann der NME das für noch so tot erklären 😉

  2. …ich geh jetzt mal den Beitrag suchen, wo einer die White Lies mit Britpop getagged hat 😀

    Mal im Ernst Britpop ist ein tolles Genre… hab ja in meinem Regal so einiges stehen… The Alexandria Quartet sind zwar vom Britpop beeinflusst… machen aber schon was anderes. Zum Glück – sonst wär’s wirklich nur ein Aufguss alter Klänge.

  3. eure diskussion zu dem thema brit-pop fand ich ja damals schon witzig, cool auch, was alexandria quartet dazu im interview white tapes über ihren stil gesagt haben 😉

  4. Haha… du meinst deren Aussage „so Britpop Zeugs“…Der Band ist doch nicht zu trauen… die haben auch via Twitter/ Facebook & Co auf mein verwackeltes Handyvideo verlinkt 😀

    Live klingen sie auf jeden Fall rockiger… hat mir sehr gut gefallen… auch wenn ich bei meiner Meinung bleibe… Britpop ist das nicht.

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