Nichts ist unanständiger als ein verwundetes Herz

manic street preachers

Foto: Dean Chalkley

Dem neuesten Album der Manic Street Preachers Journal For Plague Lovers wohnt eine zarte verwundete Seele inne – nach außen reflektiert wird diese vom Coverbild der Malerin Jenny Saville. Jüngst befanden mehrere Supermarktketten, dieses sei zu unanständig für ihre Kundschaft und weigerten sich die CD ohne Schutzhülle in die Regale zu stellen. Während überall pralle Titten und Waffen pranken, haben verwundete Seelen keinen Platz.

Aus dieser Welt verschwunden ist Richey Edwards am 1. Februar 1995. Lange haben die verbliebenen Bandmitglieder James Dean Bradfield, Nicky Wire und Sean Moore über den vermuteten Selbstmord ihres früheren Bandmitglieds geschwiegen. Im vergangenen Jahr wurde Richey Edwards offiziell für tot erklärt. Mit ihrem 9. Studioalbum nehmen die verbliebenen Manics nun Richey erneut in ihrer  Mitte auf und treten sein Erbe an. Die Lyrics für Journal For The Plague Lovers basieren ausschließlich auf bisher unveröffentlichten Texten, die Richey hinterlassen hat. Das letzte Album, an dem Richey mitwirkte, war The Holy Bible, dessen Coverbild ebenfalls ein Gemälde von Jenny Saville zierte.

Der Kreis schließt sich also symbolträchtig? Ist Journal For The Plague Lovers der legitime Nachfolger und Anschlussalbum an The Holy Bible? Musikgeschichtlich kommt man an diesem Kontext nicht vorbei. Dennoch droht das zarte Werk genau in der Rezeption dieses starren Korsett des Konzeptalbums zu ersticken.

Was aber wäre, wenn die Manic Street Preachers eine Band ohne Geschichte wären? Wenn Journal For The Plague Lovers nur für sich stünde? Werfen wir alles andere mal beiseite und hören nur zu…

Die Antwort ist verblüffend einfach: Journal For The Plague Lovers ist ein phantastisches, zerbrechliches Singer-Songwriter Werk im Gewand eines Rockalbums.

Die raue Schale schält sich Stück für Stück ab. Nichts ist hier Zufall – kunstvoll jeder Ton, jedes Wort zu einem filigranen Mosaik zusammen gesetzt. Peeled Apples, der energetische und rockige Opener, beginnt, was leise und still mit William’s Last Words endet – um dann nach Momenten der Stille wieder aufzubrechen. (Bag Lady, Hidden Track).

Zu Beginn geben uns die Manics eine Warnung mit auf den Weg: „You know so little about me. What if I turn into a werewolf or something?“ Nichts ist, wie es auf den erste Blick, auf das erste Hören scheinen mag. Wer das Booklet mit den Lyrics außer Acht lässt, wird die Songs nicht verstehen können, wird mitwippen, ohne die beißende Ironie zu verstehen. Arglos sein, wenn denen, die hinhören eiskalte Schauer über den Rücken laufen. Die Manic Street Preachers verstehen es wie kaum jemand anderes, Trauer und Sehnsucht so fern jeglicher Depression auszudrücken. Immer ist es auch eine gehöre Portion Wut und Kampfeslust, die die Emotionen nach vorne treibt, gepaart mit Lebenslust und Freude.

Von all ihren Alben ist Journal For Plague Lovers sicher das zarteste, zerbrechlichste und intimste. Den Pop-Bombast-Kitsch von Send Away The Tigers haben sie zum Glück über Board geworfen. Größe beweisen sie auch, indem sie sich gegenseitig Raum zur Entfaltung geben, so überlässt James Dean Bradfield seinem Kollegen Nicky Wire bei der Ballade William’s Last Words das Mikro. Mein persönliches Highlight des Albums, traurig und tröstlich zu gleich – vor allem eines: Poetisch!

Fazit: Ich hab einigermaßen gebangt, vor dem ersten Hören. Zu groß war meine Angst, enttäuscht zu werden. Bis dato ist This Is My Truth Tell Me Yours eines meiner Lieblingsalben – generell, aller Zeiten und für immer. Send Away The Tigers versank sehr im Pop-Sumpf und brachte nur noch wenige gute Songs hervor. Die von verschiedenen Medienvertretern angekündigte Rückwärtsreise zu alten Zeiten hat sich nicht bewahrheitet. Journal For The Plague Lovers ist ein großer Schritt nach vorne und ein rundum überzeugendes Album, ohne Ausfälle, dafür mit vielen Highlights.

Wer dieses Album nicht liebt, dem ist nicht mehr zu helfen, dessen Musikgeschmack unrettbar verloren. Selbst der gnädge Herr SomeVapourTrails, sonst für britischen Rock nur in Ausnahmefällen empfänglich, kam nicht umhin anzuerkennen, ein Meisterwerk vor sich zu haben.

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Manic Street Preachers
Journal For Plague Lovers
VÖ: 15.5.2009
Label: SonyBmg

Tracklist:

Peeled Apples
Jackie Collins Existential Question Time
Me and Stephen Hawking
This Joke Sport Severed
Journal For Plague Lovers
She Bathed Herself In A Bath Of Bleach
Facing Page: Top Left
Marlon J.D.
Doors Closing Slowly
All Is Vanity
Pretension/Repulsion
Virginia State Epileptic Colony
William’s Last Words

Komplett anhören könnt ihr  das Album hier.

Links: Offizielle Homepage, Myspace

DifferentStars

3 Gedanken zu „Nichts ist unanständiger als ein verwundetes Herz

  1. Toller Beitrag. Habe den Manic Street Preachers bis auf einzelne Songs nie was abgewinnen können. Werde mir das Album anhören und hoffe sehr, das der unrettbare Verlust meines Musikgeschmacks nicht auf den Fuße folgt.

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