Opfer des Schmetterlingseffekts – Cargo City

Das musikalische Universum unserer Tage wirkt groß und unüberschaubar. Soviel man auch goldgräbernd ausbuddelt, man erkundet immer nur einen Bruchteil des Vorhandenen. Doch inmitten all des Chaos flattern gleich Konstanten die unsäglichen Beatles herum. Wann immer irgendwo ein Liedchen der überschätztesten Band der Welt durch den Äther stottert, fühlt sich ein Junge oder Mädchen zum unabwendbaren Griff zur Gitarre bemüßigt. Legionen einfallsloser Radio-DJs verdanken wir famose Songwriter, die durch den Humptata-Sound der Beatles ihre Bestimmung, die sich über Nachahmung hinaus erstreckte, gefunden haben. Ein Hervorbringsel dieses Schmetterlingseffekts scheint auch Simon Konrad, das Mastermind hinter dem Projekt Cargo City. Als kleiner Junge konnte er sich an einer Kassette mit von einem Klassikorchester interpretierten Beatles-Hits nicht satt hören, was nun Jahre später zu der soeben erschienen CD on.off.on.off. führt.

SimonKonrad
Simon Konrad (Foto von TH-Frame)

Zunächst sei die kompositorische Leistung mit Applaus goutiert. Herr Konrad hat ein Händchen für abwechslungsreiche, kräftige, hirnverklebende Harmonien und schmiegt selbige in gelungene, nie prahlerische Pop-Songs. Eine erkleckliche Anzahl von Songwritern würden für solche Talent über Leichen gehen. Die Achillesferse von Cargo City liegt schon eher in den mit inbrünstiger Beharrlichkeit auf Englisch verfassten Lyrics, die mitunter unnatürlich gestelzt – rundum schaumgebremst – wirken, lediglich ab und an eine zotige Zeile lässig lüften. „I sing my songs, scream out my lung while you build your life on other people’s bad times like flowershops in hospitals“ holpert halt ein wenig.

OnOffOnOff

Aber beckmessern wir nicht, wenn Lob auch angebracht. 12 Titel sind auf dem Album zu finden und bereits der Opener Hold On in the Rye, Holden deutet eine Schiene an, in welcher sich Cargo City gerne bewegt. Langsamer, mit vornehmlich zurückhaltender Gitarre betriebener Pop, der anfangs stark auf Konrads Stimme fokussiert allmählich aufblüht und anschwillt. Euphoria/Nostalgia präsentiert den weniger kammermusikalischen Zugang, wenn flotte, nette Rhythmus-Sperenzchen zart schmelzend im audiophilen Gaumen zergehen. Wimmernd tönt ein „Goodbye my imaginary friends, it’s over. My love to you has reached the end, it’s over“ entgegen und vermittelt einen Flair, wie man ihn von deutschen Songwritern kaum kennt. Flockig flutscht Finesse aus locker luftigen Liedern, unangestrengt und ungemein unverbraucht. Oben angerissenes Flowershops in Hospitals überzeugt durch sachte Instrumentierung und den Schwerpunkt auf das Duett mit Nadine Renneisen, deren Vocals überaus gut mit der filigranen, jedoch nie brüchigen Stimme Konrads harmonieren. Der folgende Titeltrack gehört zu den wenigen abgepausten Tracks, die verdammt nach Deszendenz von der Insel klingen, aber wohl mit Absicht auf  Radiotauglichkeit getrimmt sind. Die inhaltliche Prämisse der hin und wieder verbesserungswürdigen Texte ist nachdenkliche Traurigkeit – gerne gepaart mit Liebeskummer -, aber niedüster genug gehalten, als dass der Strick wie von selbst um den Hals gleitet. Auch Lately… wird von diesem Gefühl getragen und atmet angenehme Drum-Unterstützung. I Don’t Speak liefert die erneute Konzentration auf spärliche Gitarre und Stimme, eine Mischung wie sie auf der CD wohl einmal zu oft zu vernehmen ist, während My Blood in Your Hair durch die stimmig zum Höhepunkt gedrechselte Zeile „All you need is hate“ eine gelungene Beatles-Referenz beinhaltet. Da schimmert Vielversprechendes durch. Eher unauffällig verstreicht Repeat this Line, entblößt den einzigen Lückenfüller des Werks. Achten wir nun auf Endspurt, die letzten vier Lieder, welche Aufschluss über das musikalische Quo vadis geben können. Das rockige I Lost My Head Again mit füllig-treibenden Sound mutet stark nach einem Bandgefüge mit Konrad als Rampensau an, But then Daryl Sings Again allerdings bietet den von süßlichem Piano unterstützten, weichgespülten Solokünstler an. Überzeugender, wuchtiger und zukunftsträchtiger scharren dann schon Songs wie Rearview Mirror die Hufe, wenn Konrad von der Kapelle mit ordentlichem Zunder angefeuert zu Höchstform aufläuft. Almost Almost ließe sich mit verdientem Wohlwollen als konventionell umgesetztes Radiohead-Werk erahnen, deutet ein letztes Mal das Potential des Herrn Konrad an.

Ein bei Kaffee geschlürftes Fazit kann nur positiv ausfallen. Ist es auch kein Meisterwerk, das da als Silberscheibe im CD-Player tuckert, so stellt es eine überwältigende Talentprobe dar. Der Angeklagte ist vom Verdacht der Wiederbetätigung im Sinne nervig-belanglosen Beatles-Geplärres in allen Punkten freizusprechen.

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