Rotschopfiges Enigma dechiffriert – Tori Amos

Eine Tori Amos begräbt Klischees und hebt sie aus der Taufe. Ihre schwer greifbaren Images reichen von lasziver Verruchtheit über depressive Selbstbestimmtheit bis hin zu papierhäutiger Düsterkeit. An all den Alben baumelt das Etikett feinsten, kryptischsten Songwritings. Amos ist Darling jener Kritikerzunft, welche vermeintlich hohe Kunst in die Charts zu hieven bestrebt ist. Und ihre Anhängerschaft hält der akademischen Emotionalität mit besonderer Nibelungentreue die Stange. Über die Jahre scheint die Fanschar einem gewaltigen Missverständnis anheim gefallen zu sein. Die werte Dame badet in einem Meer betörender Arrangements und knuffig-eleganter Harmonien, ihr textliches Œuvre freilich ist mitunter faulem Zauber geschuldet.

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Auch das mittlerweile zehnte Studio-Album setzt Traditionen fort. Abnormally Attracted to Sin verpackt verqueres Wortgestammel in butterweiche, handgeschöpfe Sounds, staffiert eine intensive Stimme in einem prächtigen klanglichen Kleid zu wogender Anmut aus. Die mit 17 Stücken nahezu überladene Platte tüffelt an einem Ganzen, anstatt auf den Schimmer einzelner Perlen zu setzen. So wirken die Songs abwechslungsreich und ergeben aber eben erst in der Zusammensetzung ein harmonisches Gesamtwerk. Dafür sorgt nicht zuletzt das längst vertraute Personal: Matt Chamberlain als Drummer, der auf Not Dying Today mit wohlfeiler Percussion zu begeistern vermag, und natürlich Jon Evans am Bass und Mac Aladdin als Herr der Gitarren. Dass Amos‘ Mann Mark Hawley wieder für den guten Ton sorgte, versteht sich von selbst. Und obzwar alles mit routinierter Professionalität dargereicht werden könnte, serviert der glitzernste Stern am weiblichen Songwriter-Himmel ein beseeltes Stück delikaten Anspruchs frei Haus.

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Besonders wonnig zergeht Abnormally Attracted To Sin auf der Zunge, wenn es nicht die englischsprachigen Geschmacksnerven tangiert. Manch Sänger oder Sängerin säuselt derart inniglich, dass sie oder er auch aus dem Telefonbuch vorträllern könnten, ohne an Wirkung einzubüßen. Bei Tori Amos wünscht man sich dies Telefonbuch herbei. Police Me schwurbelt kantig und knackig daher und wird von bedeutungsschwangeren Lyrics in die Lächerlichkeit befördert. Auch ein Ausflug in die Metaphysik, wie man ihn auf Flavor entdeckt, funktioniert nur mit dem Fokus auf ungeheure stimmliche Noblesse. Je konkreter die Texte, desto überzeugender agiert Frau Amos. That Guy begeistert als düster-getragene, von einem hingebungsvollem Fragezeichen unterlegte  Ballade mit souligem Touch.

Das rothaarige Enigma ist eine göttliche Pianoschlampe mit facettenreichem stimmlichen Timbre und kompositorischem Feingefühl, welches nicht vom Grabbeltisch stammt. Manchmal jedoch wünscht man der Madame ein wenig mehr Bodenhaftung, ein bisschen weniger Spiel mit Erscheinungsbildern. Den Fokus auf umfassende Tiefenwirkung, die nicht auf gekünstelte Chiffren setzt und keiner ruchlos getrimmten Sündenverklärung bedarf. Für dieses Mal seien die Lieder Lady In Blue mit großem finalen Pathos, Welcome To England als gelungener Augenaufschlag in Richtung Charts sowie das hoffnungsfrohe 500 Miles als Kennenlerntipps empfohlen.

Links:

Offizieller Webauftritt

Tori Amos auf MySpace

Nach wie vor erhältlich ist der kostenlose Download des Songs Maybe California. Mehr dazu hier.

SomeVapourTrails

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