Soundgemetzel des Jahres – Eurovision Song Contest 2009

Alle Jahre wieder wurden bislang die aufwändigsten Bühnenshow aufgebretzelter Laiendarsteller, welche nebenbei ein belangloses Liedchen daherträllern, in einem sinnfreien, auf Völkerverständigung getrimmten Contest prämiert. Dieses Jahr erwählte man den Luftkurort Moskau als Wellness-Oase für die überspanntesten Amateur-Krächzer des Kontinents. Eine viel diskutierte Änderung des Reglements setzte zudem neue Impulse im zugegeben recht eintönigen Mix aus schwülstigen Balkan-Balladen, ewig gleichem, mit routiniertem Hüftschwung verwackeltem Ethno-Pop und clownesk dargereichten Absurditäten. Man veranstaltete ESDUEuropa sucht das Unlied. Vorbei die Zeiten, in welchen Political correctness zur Heuchelei bezüglich Qualität nötigte. Es galt, den größten Müll dingfest zu machen und mit überwältigender Mehrheit wurde der Bockmist 2009 treffsicher ausgezeichnet.

Doch überschütten wir die 25 Teilnehmer des Bewerbs ein letztes Mal mit streiflichterner Aufmerksamkeit, indem wir die Auftritte vor den stark angeschlagenen Augen Revue passieren lassen.

1. Litauen: Sasha SonLove

Ein mit Hut behafteter, blasser, mit nuschelnder Stimme geadelter Jüngling sieht sich als Reinkarnation von Alicia Keys.

2. Israel: Noa & Mira Awad – There Must Be Another Way

Eine Israelin und eine Palästinenserin träumen von einer gemeinsamen Zukunft. Betroffenheitsscheiß meets überbordende Langeweile.

3. Frankreich: Patricia Kaas – Et S’il Fallait Le Faire

Inmitten erbärmlicher Amateure liefert eine Altmeisterin eine souveräne Performance ab. So soll ein französisches Chanson klingen – und darf gefallen.

4. Schweden: Malena ErnmanLa Voix

Einer Opernsängerin beim Verfehlen von Tönen zu lauschen und sich am herrlich unentspannt bemühten Gesichtsausdruck zu ergötzen, beschert kurzweilige drei Minuten.

5. Kroatien: Igor Cukrov feat. AndreaLijepa Tena

Igor Iglesias trifft auf eine schrille Blondine und gemeinsam quält man sich durch einen Schmachtfetzen der schmalzigen Extra-Klasse.

6. Portugal: Flor-De-LisTodas As Ruas Do Amor

Eine von allen guten Geistern und Schneidern verlassene Selbsthilfegruppe farbenblinder Folkloristen verirrt sich auf die Bühne. Die Sängerin trägt eine Zuchtbullenplakette im Haar.

7. Island: YohannaIs It True

Das Ohrwürmchen-Lied einer jungen Dame, welche ruhig ein wenig mutiger dem Vorhaben entgegentreten könnte. Angenehm.

8. Griechenland: Sakis RouvasThis Is Our Night

Rasierte Männerbrust mit perfektem Body-Mass-Index turnt und sieht gut aus und turnt und sieht gut aus. Dazu die übliche hanebücherne Beschallung, wie man sie aus Fitness-Videos kennt.

9. Armenien: Inga & AnushJan Jan

„Everybody move your body“ –  Solch Reim sollte man sich patentieren lassen, ehe er jemanden anderem einfällt. Zwei Trachtenschwestern jodeln sich durch den gefühlt tausendsten Ethno-Pop-Aufguss.

10. Russland: Anastasia Prikhodko –  Mamo

Wenn eine Sängerin unregelmäßige Zahnreihen ihr Eigen nennt, ist die mehrminütige Großaufnahme des Gesichtes auf einer riesigen Leinwand vielleicht keine formidable Idee.

11. Aserbaidschan: AySel & ArashAlways

Rassiges Edelweib, das auch noch eine gute  Stimme vorzuweisen hat. Logischerweise wird sie auf der Bühne von einem stimmbandbefreiten, wenig telegenen Sänger ‚unterstützt‘. Im Lauf des Auftritt bläst der Wind von unten, damit der kurze Rock nicht länger den Slip verdeckt.

12.Bosnien und Herzegowina: ReginaBistra Voda

Marschmusikalisch getragenes Einschlaflied, welches positiv auffällt. Kapelle und Sänger verspielen mehr Sympathien mit Militäruniformen.

13. Moldawien: Nelly CiobanuHora Din Moldova

Schmissiges, authentisch-lustiges Folklore-Dingsda mit ausdrucksreicher Sängerin und ausgewählt unedlen Kostümen.

14. Malta: ChiaraWhat If We

Der Song-Contest-Fetischisten bekannte wuchtbrummende Resonanzkörper trällert sich feinsinnig durch einen musikalischen Hauch von Nichts.

15. Estland: Urban SymphonyRändajad

Entrückt besticht Estlands Klon einer Carla Bruni mittels stilsicherem Gesang durch ein symphonisches Gemälde. Ansprechend.

16. Dänemark: Brinck –  Believe Again

Ronan Keating schrieb am Lied mit, so die offizielle Auslegung. Wahrscheinlicher scheint, dass Brinck vom werten Keating abpausten und der Band dabei einige orthographische Fehler unterliefen. Langweilig.

17. Deutschland: Alex Swings Oscar SingsMiss Kiss Kiss Bang

Dita von Teese posiert gelangweilt und en passant singt Oscar mit ausgesuchter Aalglätte und charismabefreit. Schade nur, dass Alex nicht ins Swingen kommt. So bemüht wie gescheitert.

18. Türkei: HadiseDüm Tek Tek

Bauchtänzelnde, leicht geschürzte Schönheit ruft einen knackigen Refrain in den Äther und europaweit wird ein kollektiver Hüftschwung eingeleitet.

19. Albanien: Kejsi TolaCarry Me in Your Dreams

08/15-Nummer, welche ein durchgeknallter Choreograph mit einem Pailletten geteerten Spiderman ’schmückt‘. Das Kleid der Interpretin war ein Traum für Gynäkologen.

20. Norwegen: Alexander RybakFairytale

Ein Schwiegermutterversteher mit falschem Lächeln und Geige bewaffnet singt einen zeitlos penetranten Gute-Laune-Song. Zum Kotzen.

21. Ukraine: Svetlana LobodaBe My Valentine! (Anti-Crisis Girl)

Huren-Outfit meets römische Soldaten und schmettert ein kalkuliert aufdringliches Lied in die Runde. Eine feiste Action macht noch keinen Sommer.

22. Rumänien: Elena GheorgeThe Balkan Girls

Harmloses Lied, harmloser Vortrag, harmlose Sängerin.

23. Großbritannien: Jade EwenIt’s My Time

Nicht anders stellt man sich die erste Single einer Casting-Teilnehmerin vor. Die Ballade ist konsequent berechenbar und lädt zur Unart stimmlicher Turnübungen ein. Verantwortlich für den Schrott ist Sir Andrew Lloyd Webber, der nun um seinen Adelstitel zittern muss.

24. Finnland: Waldo’s PeopleLose Control

Das Kunststück jedwedes Dorfdisco-Niveau zu unterschreiten, gelingt einem Pseudo-Rapper mit Humptata-Refrain. Die weibliche Unterstützung erinnerte an das Personal, welches man von jedem billigen Straßenstrich kennt.

25. Spanien: SorayaLa Noche Es Para Mi

Von jedweder Perfektion befreit hantelt sich eine unsichere Blondine durch eine ungeschickte Choreographie. Eine seltene Fadesse.

In der Bewertung musikalischer Schandtaten spricht Europa bereits mit einer Zunge. Selten zuvor war man sich so einig in der Benennung absoluten Grauens. Aus den 25 mehrheitlich zu höchstem Verdruss befähigten Titeln wurde Norwegens Beitrag als klarer Sieger gebrandmarkt. Das Unlied des Jahres schimpft sich Fairytale und atmet den Charme eines zerschlissenen Bierdeckels. Die geschmackssichere Auswahl verdient Beifall und sollte Sänger Alexander Rybak mit dem Strick kokettieren lassen. Ein verdienter Gewinner eines denkwürdigen Soundgemetzels.

Ergebnisliste:

1 Norwegen 387

2 Island 218

3 Aserbaidschan 207

4 Türkei 177

5 Großbritannien 173

6 Estland 129

7 Griechenland 120

8 Frankreich 107

9 Bosnien-Herzegowina 106

10 Armenien 92

11 Russland 91

12 Ukraine 76

13 Dänemark 74

14 Moldawien 68

15 Portugal 57

16 Israel 53

17 Albanien 48

18 Kroatien 45

19 Rumänien 40

20 Deutschland 35

21 Schweden 33

22 Malta 31

23 Litauen 23

24 Spanien 23

25 Finnland 22

SomeVapourTrails

6 Gedanken zu „Soundgemetzel des Jahres – Eurovision Song Contest 2009

  1. Haha, schöner Artikel! Ich hab gestern lieber „The Avengers“-DVD-Box gesehen und wenn ich mir die musikalischen Beiträge hier so durchlese (und mir gerade den deutschen auf Youtube angesehen habe…) werde ich das Gefühl nicht los, daß die DVD die superrichtige Entscheidung war. 😉

  2. Ach, dass ihr auch immer so böse draufhauen müsst. Das ist die schönste – die allerschönste!- Musik von ganz Europa, das hat Europa so entschieden und das müsst ihr dann halt mal akzeptieren und nicht immer nur anti sein 😉 Zumal ja geschmackssichere Musikgrößen wie Thomas Anders an der Findung des Teilnehmers und Gewinners beteiligt waren. Was soll da noch schiefgehen?

    Und mal Spaß beiseite: ich würde es auch keinem ernstzunehmenden Künstler zumuten wollen, da auftreten zu müssen. Diese Politik immer nur katastrophale Versager hinzuschicken ist insofern eigentlich gar nicht so schlecht.

  3. Hey! Wieso bin ich mit dir einer Meinung? 😉
    Man hat sich ja schon erschreckt, wenn einem ein nicht ganz so unmelodisches Lied aus dem Fernseher entgegenschallte, und wenn man ganz beiläufig mal einen Blick in Richtung TV warf und sah, wow! der Rock ist ja doch noch einer und kein zu breit geratener Gürtel, dann wunderte man sich, dass es immer noch geschmackvolle und begabte Künstler in Europa gibt. Das finale Punkte-ihn-und-her-Geschiebe war wie erwartet eine Farbe, aber man kann ja abschalten, doch man hätte verpasst, wie Fairytale mit einer Rekordpunktzahl als Unlied gekrönt wird – verdient wie ich finde, nur nerviges Geschreie.

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