Stillende Sportfreunde auf Unplugged

Vor 10 Jahren und mehr skizzierte es eine hervorstechende Note in die Diskografie eines Künstlers, wenn man auf MTV eine Unplugged-Session zu spielen geladen war. Heutzutage freilich hat sich das einstige Musikfernsehen von der ureigensten Bestimmung ohnehin verabschiedet und sendet Doku-Soaps für die klingeltonverseuchte, zukunftslose Zielgruppe. Und genau in diesem Umfeld flimmern nun die Sportfreunde Stiller über die Bildschirme und klotzen ein deftiges MTV Unplugged in New York hin.

Die Sportfreunde Stiller stehen für ein Lebensgefühl, welches lieber auf Authentizität als auf Autismus setzt. Sie ziselieren keine kostbar geformten Texte, lassen ihre Lyrics grob behauen. Dies mag den dem Detail verfallenen, audiophilen Gourmets eine Bestürzung ins Notizblöckchen hüsteln, denjenigen Zeitgenossen, die Musik einfach nur hautnah erfahren wollen, kann dies herzlich egal sein. Hier obsiegt das Herz über jedwede Kopflastigkeit, wird Wohlfühlunterhaltung der mitreißendsten Sorte kredenzt. Das bisherige Schaffen der Sportfreunde ist in sich stimmig und mit Emotionsknallern geteert. Ob jedoch selbige auch im pathetischen, bemüht ausladenden Rahmen eines Unplugged-Konzerts funktionieren würden, dies durfte man mit dicken Fragezeichen versehen.

MTVUnpluggedInNewYork

Manchmal möchte man Plattenfirmen wie Universal am Schlafittchen packen. Warum werden viele Alben in einer Standardversion und zudem als limited deluxe Edition unters Volk gebracht? Den Anhänger gediegener Single-Downloads werden beide CDs am Arsch vorbeigehen, während der Fan durch das Prädikat „deluxe“ zu einem besonders tiefen Griff in die Geldschatulle genötigt wird. Schade, dass die Label-Moloche den Konsumenten Platten mit dem Gütesiegel „light“ unterjubeln wollen, während hingegen der volle Geschmack aufpreispflichtig daherdackelt. Im vorliegenden Falle beträgt der Unterschied zwischen den zwei Varianten gezählte 13 Titel. Wer also der kompletten Dröhnung huldigen will, dem sei die Luxus-Ausgabe ins Nähkästchen geplaudert.

Sportfreunde Stiller MTV 2
Foto: Gerald von Foris

Der immer ein wenig lausbubenhafte Charme der Pfundskerle schimmert auch im Unplugged-Ambiente durch. Das garantiert allein Sänger Peter Brugger, dessen unverfroren erdiger stimmlicher Ausdruck immer glänzt. Er wuschelt alle Songs zurecht, meißelt seinen Stempel darauf und schon brezelt die Wonne los. Eines der Highlights einer Platte, die nicht ganz an die Freuden vorangegangener Studioaufnahmen anknüpfen vermag, ist das prima arrangierte Ich, roque, welches allerdings wohl auch dann gelingen würde, wenn man es rückwärts abgespielt auf einer mit einem hungrigen Eisbären an der Seite rasant schmelzenden Eisscholle von somalischen Piraten umzingelt hören würde. Das verscratchte Intro von Wunderbaren Jahren schunkelt in eine zurückgenommene Fassung, die eine herrliche Schräge in den Klassiker purzeln lässt. Auch das gemeinsam mit The Subways intonierte Rock’N’Roll Queen läuft eben nicht nach dem altbekannten Muster 2 Acts – 1 Song – 0 Gefühl ab. Auch ohne Gitarrenverbrummung erfreut Wie lange sollen wir noch warten? und das mit viel Live-Touch verquollene Ein Kompliment röchelt fett aus den Boxen und sorgt für Stimmung in einer Hütte, die noch ein wenig mehr Enthusiasmus und weniger Tupperware-Party-Mentalität vertragen hätte. Das mit Udo Jürgens besungene Cover von Ich war noch niemals in New York bedeutet den Abschluss eines überaus unterhaltsamen, empfehlenswerten Albums. Den Hunger der Anhängerschaft haben die Sportfreunde vorerst gestillt, wobei Unplugged nur die zweitbeste Droge ist.

Link:

Offizielle Webseite

SomeVapourTrails

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.