Verrockte Plattenkiste II: Moll Flanders – If You Can't Understand What You Don't Understand It's Not Easy

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Vorab mal eins: Natürlich haben die Jungs recht – versteht sich von selbst. Wenn Du nicht verstehst, was du nicht verstehen kannst, haste’s nicht leicht.

Warum aus Skandinavien derzeit mit die beste Musik kommt und wir in Deutschland hinten anstehen, liegt vielleicht daran, dass wir im Land der Dichter und Denker zu viel nachdenken. um  zu verstehen – einfach die Plattendepots der Eltern zu plündern und munter Drauflosschrammel bringst’s vielleicht mehr. Moll Flanders kommen zwar nicht aus Dänemark wie Lily Electric (Verrockte Plattenkiste I), dafür lagen in den elterlichen Vinyl-Kisten dann auch mehr Beach Boys und The Who-Scheiben und weniger Beatles.

Vielleicht kommt nach der Indie-Rock-80er-Retro-Welle jetzt eine neue Reise zurück in die Zukunft und wir huldigen den 60er/70er Jahren.  Ganz so einfach machen es sich Moll Flanders zum Glück nicht und liefern eine experimentier- und spielfreudige CD mit viel Gitarren-Geschrammel und ironischen Brechungen – genannt sei hier als Beispiel der Chor aus Hypochondria. Ironie generell, insbesondere Selbstironie, braucht man nicht nur als Hypochonder – sondern besonders, wenn man dazu noch Musiker ist.  Dem Nachbarn ihres Proberaums gefiel der Song weniger, dieser wollte wohl in Ruhe leiden und die Schweden flogen nach heftigen Beschwerden aus ihrem Quartier im Zentrum von Jönköping.

Werfen wir mal ein Ohr auf den Beginn des Albums. Und starten meine kleine Track-By-Track-Review:

Opener Something Good wurde von den Alrikson Brüdern in 5 Minuten geschrieben, mit dem Ziel ein Lied zu schaffen, dass einem  The Who Album entsprungen  sein könnte. Ziel erreicht, würd‘ ich sagen, trotzdem einer der schwächeren Songs auf dem Album. Vielleicht wurde ich aber nur als Kind zu sehr mit den Rockidolen meines Vaters beschallt…

Losgelöster klingt dann schon das zweite Stück 1983 – die erste Singleauskopplung. Ein Lied, das Spaß macht. Verzaubert durch (nach Band-eigenen Angaben) Christians Bass und Synthesizer „which makes your mind wonder to a juggling circus clown“. (Hören kann man’s hier)

Mit La La La kommen wir zu Lied Nr. 3 und einem meiner Favoriten von If You Don’t Understand… Vielleicht auch weil’s am Britischsten klingt, sehnsüchtig mit melodiösem 80er-Indie-Sound von Liebe erzählt. Kurzbeschreibung der Band: „In my head she’s nowwhere to be found. All I’m thinking about is you when you’r singing LaLaLa.“ Mehr von diesen Liedern und Moll Flanders könnten auf meinen vordern Charträngen spielen…

Friday Night – ein Lied über Heimweh. Mit Streichern und wohl eines bei dessen Aufnahme besonders viele Kerzen brannten. Der Beipackzettel der CD verrät, 100 Kerzen wurden während der Aufnahmen des Albums konsumiert – während die Band gleichzeitig im kalten Studio fror.  Wie auch immer, schön mit Streichern angekitschter Synthpop-Rocksong. Mir gefällts 😉 (Hören kann man’s hier)

A Million Years – „Richard was aiming for an armageddon feel to this song“. Hm – wirkt ein bisschen bemüht. Nicht meine Art des Weltschmerzes. Schnell weggespult.

Moonbattle – Auch ein Song zum Überspringen. Hier wird die verrockte Plattenkiste besonders hörbar. Aber alles Scheiben, die ich im Original schon nicht mochte. Klingt verdächtig nach dörflicher Ü-30 Party.

Adore You – Pathos, gebrochne Stimme beim Gesang + Beach Boys-esquem Choir. Die Mischung funktioniert erstaunlich gut. Ab hier wird die CD wieder besser.

Und bei Lied Nr. 5 endlich wieder richtig gut. Fading Away – Schrammelnde Gitarren, erdiger Indierock, gewürzt mit Surfrock-esquen Chor (wollte nicht schon wieder Beach Boys schreiben 😉 . Bier + Song = Abrocken = Konzert bestimmt sehr geil.

Mit Valentino rocken sich die Schweden ihren Valentinstagsfrust von der Seele. Sollte in keiner Motto-Playlist zum kommerziellen Blumen- und Karten-Geschenkwahn fehlen.

Machine – Gesanglich orientiert sich Pierre hier ein bisschen an Frank Zappa –  um’s dann im vergnüglichen Post-Punk Gegröle aufzulösen. Schöner Song!

Nr. 11 die schon erwähnte Hypochondria – feine Britpop-Ode an die Hypochondrie. Wer ohne eingebildete Krankheit sei, der werfe das erste Attest oder so 😉 Ein weiteres Highlight auf dem Album. Werd ich mir in Zukunft öfter mal selbsterkennend anhören.

Zum Abschluss kommen wir mit All I Want Is You. Schönes Glockenspiel – ansonsten klingt der Song schon mal sehr wo anders schön gehört. SomeVapourTrails hilft mir vielleicht noch auf die Sprünge, welches Lied ich genau meine. Hier gilt leider nicht last but not least. Auf die Idee „Love and three chords is something all it takes to create a good song“ kamen schon andere. Ein bisschen mehr braucht es dann doch.

Nr. 13: Hängt hinten an Nr. 12 dran. Pluspunkte gibt’s fürs Vorhandensein eines Hidden Tracks! Fröhliches Grölen von If You Can’t Understand What You Don’t Understand It’s Not Easy. Ich werd‘ Nr. 12 mal abschneiden und Nr. 13 hin und wieder durch die Anlage jagen.

Gesamt Fazit: Moll Flanders nur nett und belanglos zu finden ist ungerecht – leider aber in den meisten Reviews Grundtenor. Die Platte hat ein paar wirklich tolle Highlights und ein paar Songs, die eindeutig Geschmackssache sind. Zur Brillanz fehlt jedoch ein gutes Stück. Für mich stehen sie Seite an Seite mit Lily Electric. Beide Bands werden nicht im Regal verstauben – in die Top Ten 2009 werden sie’s aber nicht schaffen.

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Moll Flanders

titel: If You Can’t Understand What You Don’t Understand It’s Not Easy
label: Crying Bob Records / Broken Silence
v.ö.: 08.05.2009
format: CD

Link: Myspace

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