Wollt Ihr das totale Filesharing? (Teil 4)

Der Diplom-Medienberater und Medienjournalist Robin Meyer-Lucht hat dieser Tage unter dem hochtrabenden Titel Kostenlos-Kultur ≠ Urheberrechtsverletzung: 10 Thesen zum Modernisierungsversagen der Medieneliten eine Bestandsaufnahme der Problemfelder  der gegenwärtigen Copyright-Debatte geliefert. Zusammenfassend kann man seine Kritik auf einige, nicht eben markerschütternd neue Ansatzpunkte reduzieren. Meyer-Lucht konstatiert den über Jahrzehnte erfolgreichen Marktführern im Bereich Print und Musik, dass sie auf das neue Medium Internet falsch reagieren und etwaige Chance nicht ergreifen. Den Versuch, die bis zur Etablierung des Internets funktionierenden Geschäftsmodelle auch im Internet 1:1 anzuwenden, nennt er Adaptionsverweigerung. Er unterstellt den medialen Platzhirschen Ignoranz hinsichtlich des digitalen Quantensprungs, pocht darauf, dass das die vor Verbreitung des World Wide Web existierende Medien- und Wissensordnung keinesfalls perfekt gewesen sein kann, weil sie sonst auch im Internet funktioniert hätte. Meyer-Lucht sieht in dem sturen Erinnern an frühere, goldene Zeiten einen normativ-autoritären Impuls, der den Willen der Nutzer ignoriert. Verlagen, Zeitungswesen und der Musikindustrie rät er zu werbefinanzierten Erlösstrategien. Unwiderstehliche Benutzerfreundlichkeit würde auch legale Angebote über Piratenbuchten siegen lassen. Das Urheberrecht hält Meyer-Lucht keineswegs für überholt, mahnt das Entscheidungsrecht der Produzenten ein, wann und zu welchem Preis ihr Werk das Licht der Welt erblicken soll. Insgesamt prophezeit er einen Trend zur teilkommerziellen Produktion von Inhalten im Medium Internet.

Ich bin ja ein Fan von Experten, die mit einem geschärften Blick für das große Ganze gesegnet sind und jene Weisheit auch unter das Volk bringen. Nichtsdestotrotz stelle ich Einsprüche gegen oben genannte Ausführungen, wenn es um den Bereich Musik geht. Doch wagen wir zunächst einen klitzekleinen Rückblick auf bisherige Ereignisse. Es begann alles mit dem durchaus legitimen Versuch auf funktionierenden Verkaufsmodellen zu beharren. Genau dies tat die Musikbranche in den 90ern, wohl vor allem deshalb da die rasante Entwicklung des Internets eine durchdachte, kalkulierbare Strategie erschwerte. Ab Napster befand sie sich dann in der Defensive, durfte lediglich reagieren und machte das, was jedermann tut, wenn er sich in die Enge gedrängt fühlt: Hysterisch um sich schlagen. Die geballte Macht von Millionen Konsumenten stürzte sich auf die interessanten Facetten des Filesharings, empfand den Tauschhandel als Bereicherung und verfiel in oftmals gutem Glauben der Idee, dass zumindest die Tauschpartner auch weiterhin Tonträger erstehen würden. Alles sollte weiterlaufen wie bisher, nur man selbst würde halt die eine oder andere CD weniger kaufen. So dachten Millionen und der Umsatz brach ein. In der Folge wurde das digitale Copyright ausjudiziert und RIAA und Konsorten schossen sich auf diejenigen ein, welche als potentielle Kunden eigentlich Verhätschelung verdienten. Seit nun gut 10 Jahren sucht die Branche nach dem Stein der Weisen – und fällt dabei immer auf iTunes zurück. Werbefinanzierte Modelle sind ebenso gescheitert wie Musik-Abo-Flats. Ob Warner, Universal oder Sony – alle wagten das Buhlen um verschreckte Filesharer im Alleingang. Und gerade darum vermochte keines der Portale die Vielfalt und den Community-Geist der Tauschbörsen zu reanimieren. Lediglich Apple gelang die Etablierung kostenpflichtiger Downloads. Doch funktioniert dies eben aufgrund der zeitgeistigen Hardware (iPod). Kopierschutzmaßnahmen gingen ins Land und vertschüssten sich wieder. Klagewellen rollten an und krachten gegen die Wand. Die wenigen Konzepte, die tatsächlich einen Impetus zu neuen Herangehensweisen lieferten, wurden allesamt nicht vom Musikbusiness erdacht. Als Beispiel sei Last.fm erwähnt. Und nun befinden wir uns im Jahre 2009, die Industrie grübelt weiter wie man rückgängige Umsatzzahlen stoppen könnte und die Copyright-Diskussion knabbert nun seit einiger Zeit an den selben Brocken. Was tun?

Prinzipiell beharren Plattenfirmen auf dem kapitalistischen Prinzip, dass eine Leistung (zB eine physische CD oder ein digitaler Download) mit einer Gegenleistung (Geld) beantwortet werden muss. Die Annahme, wonach in der virtuellen Welt funktioneren wird, was in der Alltagsrealität gang und gäbe ist, ist die bis dato fundamentale Crux. Je unregulierter menschliches Handeln ist, desto mehr entfällt der Wille zur Pflicht. Das hat weniger mit krimineller Energie gemein, vielmehr mit der menschlichen Sehnsucht nach (Wahl-)Freiheit. Solange das Internet als Hort anonymen Handelns verstanden wird, sinkt der Drang Verpflichtungen nachzukommen. Diese Mentalität der Anfangstage des World Wide Web zappelt wie ein Damoklesschwert über allen Copyright-Debatten. Thesen, die darauf fußen, dass die Musikindustrie noch immer kein unwiderstehliches Angebot an den Konsumenten gemacht hat, lassen die mangelnde Zahlungsbereitschaft vieler Nutzer außer Acht. Das Gepredige von werbefinanzierten Angeboten mag zwar nett klingen, ist im Praxistest jedoch bestenfalls Geschwafel. Sowohl Last.fm als auch YouTube können das eine oder andere Liedchen davon trällern.

Was können wir uns also nun von den Erklärungen des Herrn Meyer-Lucht ins Stammbuch kritzeln? Die Labels haben allerlei Schnickschnack ausprobiert, solch Trendverweigerer sind die Plattenbosse ergo nicht. Dem Einfordern von Urheberrechtsgesetzen stimmt der Medienexperte ja zu. Bleibt nur der Verbraucher, den Meyer-Lucht zum Entscheidungstitan erhebt. Doch wenn eben jener Konsument auch zukünftig auf Filesharing setzt, welche Schritte soll dann die Unterhaltungsbranche unternehmen, um nicht länger im Mief strukturkonservativer Ignoranz zu waten? Interessanterweise erwähnt der werte Herr Experte die Kulturflatrate nicht. Ahnt er, dass solch eine Abgabe keine schwanzwedelnde Verteilungsgerechtigkeit in sich birgt? Oder fällt die Rolle nichtkommerzieller Inhalteproduktion dann eben jenen zu, die sich nicht in staatlichen Futtertröge der P2P-Pauschalen aalen dürfen? Einer Kostenlos-Kultur das Wort reden, aber sich da auf abstrakte Phrasen zu beschränken, ist einmal mehr plakativ wie nichtssagend.

SomeVapourTrails

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