Der unbekannte Großmeister (Franco)

Vor gut einem Monat ist der erste wirklich ernstzunehmende Ansatz einer informativ aufbereitetenden, Einblicke gewährenden Zusammenstellung eines der bedeutendsten Künstlers der afrikanischen Musikgeschichte in Deutschland veröffentlicht worden. Bis heute ist er in Europa wenig bekannt – verglichen zu Größen wie Ali Farka Touré. Dies liegt zum einen daran, dass seine Kompositionen weitgehend nicht dem Klischee entsprechen, welches sich viele Europäer von afrikanischen Klängen ausmalen, und zum anderen auch deshalb, weil der Großmeister starb, ehe die Popularität von World Music in hiesigen Breiten sprunghaft in ungeahnte Höhen schnellte.

Ich spreche von Franco Luambo Makiadi, der als Bandleader des Ensembles TPOK Jazz über Dekaden einen hochgradig distinktiven Sound entwickelte und nun mit der CD Francophonic Vol. 1: 1953-1980 eine Würdigung erfährt. Das Destillat seines Schaffens stellt uns seine vom Rumba geprägten Anfänge ebenso vor wie die Eingliederung traditioneller Stile Afrikas in meist – jedoch nicht immer – poppig lateinamerikanische Rhythmen. Weitere mitunter auch funkige Elemente werden hoffentlich auf weiterführenden Compilations zu hören sein. Francos Charakteristikum ist die Hervorstellung seines Gitarrensounds, der die ebenfalls präsenten Bläser oder Percussion oft deutlich in den Hintergrund drückt. Im breitflächigen Big-Band-Ambiente ragt sein Spiel hervor, bietet das ins Auge springende Gerüst. So zum Beispiel auf meinem persönlichen Favoriten Tcha Tcha Tcha De Mi Amor, dessen Fröhlichkeit und Ausgelassenheit und Tanzbarkeit die Magie Francos bestens widerspiegeln. Eine weitere Facette sticht auf dem verhaltenen Mambu Ma Miondo heraus, wo der Zwiegesang zwischen Sänger und verhalltem Hintergrundchor eine geradezu hypnotische Wirkung entfaltet. Es sind absolut gelungene Arrangements, die den Liedern Seele geben, sie zu mehr als reiner Folklore oder Afro-Pop erheben.

Francophonic

Eben die Vielseitigkeit Francos lässt ihn sowohl für Fetischisten kubanischer Klänge zur Empfehlung werden, wie auch für Verfechter afrikanischer Rythmen. Der mit nur 51 Jahren 1989 verstorbene Kongolese vermochte in Afrika große Begeisterung auszulösen, in europäischen Gefilden jedoch fällt sein Name viel zu selten. Die hier besprochene Werkauswahl schimmert mit Perlen wie dem abermals von eindringlichem Chorgesang geprägten Kinsiona (aus einer sehr kreativen Phase in den 70er-Jahren als das Ensemble von OK Jazz in TPOK Jazz „Tout Puissant Orchestre Kinshasa“ umbenannt wurde), dem schunkelnden Azda oder dem schwer in Worte kleidbaren Kleinod Nalingaka Yo Yo Te, welches die stetig gleichen Riffs forciert und sprechgesangähnlich punktet.

Der Tellerrand ist so nahe, über den zu blicken sich lohnt, um diesen Künstler kennen und schätzen zu lernen. Weltmusik kann so herrlich unangestrengt und auch ohne Verkitschung vorgetragen werden, als authentische Reflektion des Lebensgefühls einer fremden Kultur, die durch Musik so ungemein fassbar gerät.

Links:

Label-Seite

Höchst informative Würdigung Francos

SomeVapourTrails

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