Eine Lanze für die Musikindustrie

Heute will ich eine Lanze für die Musikindustrie brechen und nicht diese in ihre verwundbarste Flanke – die Verkaufszahlen – bohren. In vielen Blogs wird der Dämon der Major Labels in vielen Varianten beschworen, dabei allerdings auch einige essentielle sinnstiftende Gründe, welche für deren Existenz sprechen, vollkommen ignoriert.

Auch wenn die Nachfrage sinkt, im Endeffekt wird doch vor allem das gekauft, was an Produkten – um Musik mal auch die Ebene eines Konsumgutes zu reduzieren – von eben diesen großen Labels angeboten wird. Dies hat einerseits mit der Bedienung eines massenkompatiblen Geschmacks zu tun. Fakt ist und bleibt, dass eine Lady Gaga eben eher den Hörnerv eines breiten Publikums trifft, als wir dies von einer Songwriterin mit wirren Haaren, Klampfe und langen Blümchenkittel erwarten dürfen. Andererseits will der Käufer Markenware. Mir leben in einer Zeit, in der die Marke sehr viel – wenn nicht alles – zählt. Sofern man sich selbige leisten kann, wird die Mehrzahl darauf zurückgreifen. Auch die riesigen Plattenfirmen repräsentieren ein gewisses Image. Sony wird in den vordersten CD-Regalen bei Saturn oder Karstadt nicht mit einem taubstummen kirgisischen Lautenspieler mit Hang zur Zwölftonmusik vertreten sein. Die Künstler, die bei den Marktführern unter Vertrag stehen, spiegeln ein Image wider. U2 klingt immer nach U2 und Mariah Carey wird uns nie kroatischen Volkswaisen überraschen. In just dieser Berechenbarkeit liegt auch die Verlässlichkeit der Superstars. Der Kreis schließt sich, indem meist nur das bekannt ist, was auch beworben wird. Und beworben wird, was von EMI und Universal als finanziell erfolgversprechend erachtet wird. Da sehe ich für unseren kirgisischen Lautenspieler eben keine rosige Zukunft.

Der Musikindustrie eine starre Haltung vorzuwerfen, nenne ich Anerkennung für deren Strategien zollen. Der Kardinalsfehler in der ganzen Diskussion liegt doch in der irrigen Annahme der Kritiker, dass die Player der Branche sich nur einen Deut um kleine Fische kümmern. Das ist nie und nimmer deren Aufgabe. Coca-Cola fragt ja auch nicht fürsorgend, ob es dem kleinen Getränkehersteller aus Castrop-Rauxel nun gut geht oder nicht. Solange das eigene Minus nicht dick genug für den Antrag auf Staatshilfen scheint, solange kocht man sein Süppchen und bedient innovationsfrei den Markt. Basta!

Die Branchenführer haben dem digitalen Zeitalter mit dem Mindestmaß an Pragmatismus Rechnung getragen und vertreiben die Ware über iTunes und Konsorten. Warum sie sich nun gleich einem  Discounter in ein digitales Niedrigpreissegment stürzen sollen, wenn solch Philosophie nie ihrem Anspruch entsprochen hat, diese Forderung vermag ich nicht nachzuvollziehen. Warner will keine hehre Kunst vermarkten – sondern Kasse machen. Weil daraus auch kein Hehl gemacht wird, greift auch das Argument, welches Kunst als Allgemeingut definiert, nicht.

Finden wir die wirklichen Schurken im Wirrwarr der Krise. Dies sind Interessensverbände und Verwertungsgesellschaften, die weder die Anliegen einer gesamten Branche noch die Rechte aller Künstler vertreten. Hier wird geschlampt. Die Lobbyvereinigungen scheitern daran, legitimen Forderungen derart Nachdruck zu verleihen, dass die Diversität gewahrt bleibt und alle ein mehr oder weniger großes Stück vom Kuchen abbekommen. Einer Filesharing-Bewegung, welche Kunst und Kommerz gleichermaßen den Kampf ansagt, wird mit tollpatschigen Drohgebärden begegnet. Mit der behänden Eloquenz von Apparatschicks verliert man die Meinungshoheit über eine Diskussion, in der man eine Vielzahl guter Argumente für Copyright-Bestimmungen vom hohen Ross aus halbherzig runterbrabbelt.

Dass auch die digitalste Kopie letztlich ein Kopie einer urheberrechtlich geschützen Arbeit(!) bleibt, die auch nach der tausendsten Vervielfältigung noch immer eine Kopie ist, mögen die bloggenden Meinungsmacher im Internet beharrlich leugnen. Aufgabe der Interessensverbände wäre hier eine qualitativ hochwertige Gegendarstellung, welche die Finessen des Mediums Internet berücksichtigt. Das bleibt aus und erzeugt eine Defensivpostition gegenüber den rechtsbrechenden, dumpf gröhlenden „Ich-zahle-keinen-Cent“-Skinheads.

mackintoshbraun
Mackintosh Braun - Eine Band mit vielen Ideen und leider ohne zählbaren Erfolg

Vielmehr erschwert zum Beispiel die GEMA das vermarktungstechnische kluge Anbieten von Hörporben und oktroyiert sogar den eigenen Mitgliedern strenge Regeln auf. Wer als Musiker meint die eigenen Lieder auf der eigenen Webseite einfach so per Streaming anbieten zu können, der hat die Rechnung ohne die GEMA gemacht.

Ich versuchen nun, dies alles in ein knackiges Fazit zu packen. Platzhirschen bedienen den Mainstream und werden mal mehr und mal weniger gut im Futter stehen, aber durch die finanziell vorhandenen Mittel, die es eben für Marketing braucht, überstehen. Die finalen Opfer der Krise sind die kleinen Labels und unbekannten Künstler, welche dem Filesharing-Zeitalter zwar neue Ideen entgegenstellen, aber der grassierenden „Musik-ist-gratis“-Mentalität letztlich keine Verkaufsschlager entgegenzusetzen hat. Interessensverbände versagen auf ganzer Linie, weil sie diejenigen melken, die sich ohnehin mit ihnen zu arrangieren suchen. Verlieren wird letztendlich der Konsument – was aber nur begrenzt tragisch scheint, weil der Wert von Musik längst schon gegen Null tendiert. Der kirgisische Lautenspieler darf erfreuen – solange er kein Geld von uns will.

SomeVapourTrails

4 Gedanken zu „Eine Lanze für die Musikindustrie

  1. Gut gesprochen, denn jeweils nur einen(!) Schuldigen an der Misere festzumachen greift halt nunmal zu kurz. Wie du ja schreibst, die großen Label bedienen einen Markt und solang es diesen gibt, werden sie es tun. Punkt.

    Da gibts nichts zu deuteln oder zu meckern, aber eine Menge zu kritisieren. Einerseits den klassischen Konsumenten, dem es schlicht egal ist – auf der anderen Seite dann die Medien, die eben diesen Konsumenten über Jahrzehnte mitgeprägt und ‚gezüchtet‘ haben. Somit stell ich für mich, sowohl medial als auch künstlerisch eine weitestgehende Verflachung fest. Was viele Menschen aber anscheinend gar nicht stört, denn die wollen halt Musik, die ins Ohr geht, aber nach Möglichkeit nicht weh tut. Ebenso ein Fakt.

    Und das eben bei der Konstellation, daß 20% des Markes, rund 80% des Umsatzes ausmachen, die Interessenvereinigungen und VGs eher auf der Seite des Geldes stehen, ist ebenso zwangsläufig. Kulturauftraug? Einen drauf gelassen, das interessiert ja nicht einmal unsere Regierung so wirklich, es sei denn, es gibt mal wieder ein paar Regeln zu machen, um das Kapital zu stärken.

  2. Ich kann Meinung bzgl. CC und Deine Einschätzung der Big Player nicht teilen. Tatsächlich könnten die auch Fische oder Autos verkaufen. Geschäftemacherohne Herzblut, die bei jedem Ton ihre Gewinne schwinden sehen. Ich will mit Denen nichts zu schaffen haben.Einer Promofirma, die die EMI vertrat und mich CD, USB-Sticks und Tshirts ihrer Mainstream-Scheisse regelrecht zugeschüttet.
    Natürlich mit gewissen Erwartungen. Ich habe sie gebeten, ihr Zeug zu behalten und mich aus ihrem Verteiler zu nehmen. Natürlich, Ausnahmen bestätigen die Regeln, gibts bei den Big-playern auch mal tolle Musik, aber das nächste Album der Band wird dann wohl wieder bei ’nem Indie-Label erscheinen. Und den dann wohl eher mein Herz. Und ich bin gut zu Tieren 🙂

  3. Zunächst mal finde ich Creative Commons prinzipiell einen interessanten Ansatz – mit der Einschränkung, dass ich glaube, Musiker geben damit zuviel aus der Hand. Gaben sie es früher den riesigen Konzernen, so lassen sie sich nun zum Sklaven des Konsumenten machen. Zur Einschätzung der Plattenmoloche: Wenn man die Anzahl der Künstler in deren Repertoire betrachtet, dann hauen sie in mindestens 75% der Fälle daneben. Da ist die Trefferquote kleiner Labels, die weniger auf Kommerz und mehr auf Qualität achten können/dürfen/sollen, natürlich besser. Insofern bin ich da ganz bei dir. Aber eben diese Branchenriesen dafür verantwortlich zu machen, dass alles den Bach runtergeht, halte ich nur zu einem winzigen Teil richtig. Fakt ist, dass Konsumenten das kaufen, was ihnen vorgesetzt wird, und Mündigkeit ein Fremdwort ist. Fakt ist, dass Filesharing kleine Plattenfirmen noch mehr trifft als die Großen. Und die GEMA baut Mist und keiner hat den Mut (und/oder die Mittel) ihr eine achtbare, ernsthafte, klug durchdachte Konkurrenz vor den Latz zu knallen. Interessensvereinigungen braucht es auf alle Fälle, aber nicht eine, die die ausbeutet, die sie angeblich zu vertreten sucht.

    Ach ja, ich sage es nur ungern, aber ich finde Universal hat einige tolle Künstler in der Vitrine.

  4. Fakt ist, dass Filesharing kleine Plattenfirmen noch mehr trifft als die Großen.

    Jein, denn auch kleinere Labels haben es über Jahre versäumt, sich von dem klassischen Modell zu lösen, nach neuen Wegen der Verbreitung ihrer Musik zu suchen und sich auf Augenhöhe mit den Fans (_nicht_ Konsumenten) und neuen Medien (bspw. Webradios) zu begeben. Auch in dem Falle wurden viele Fehler gemacht und oft mehr Probleme als Chancen gesehen.

    Das Dilemma da hat seine Ursachen genau in den gleichen Dingen, wie bei den Majors – schlägt nur aufgrund der viel dünneren Finanzdecke kleinerer Unternehmen schneller durch.

    Und den Netlabels, die eigentlich genau den Draht haben und hatten, fehlte der Anreiz, dies zu kommerzialisieren. Womit dann indirekt die Mitnahmementalität (gestützt durch CC) nochmals befeuert wurde. Da einen Mittelweg zu finden, ist nicht unmöglich, aber sagenhaft schwer.

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