Kleinkalibrige Revolver

Die Wege der marktbeherrschenden Plattenfirmen sind unergründlich. Deswegen sollte man nicht zuviel detektivischen Spürsinn opfern, um Strategien zu vermuten, wo vermutlich lediglich Meschuggität vorherrscht. Gegen ein mammutbaumgroßes Fragezeichen jedoch renne ich seit Tagen an, vermag nicht zu begreifen, warum ein Branchenprimus wie EMI eine ab und an schnarchige Beatles-Cover-Band unter Vertrag nimmt.

Mein Wohlwollen ist selten enden wollend. Zumindest wenn Musiker als Basis ihres Schaffens eine engagiert-leidenschaftlich-gewitzte Herangehensweise glaubhaft vorexerzieren. Perfektion harrt stets einer Annäherung, die wenigstens mit jeder Menge guter Vorsätze geteert sein sollte. Diese Intentionen erspähe ich bei der französischen Band Revolver durchaus, attestiere dem Resultat freilich einen enormen Makel.

Revolver 2

Was nun das Sublabel EMIs, nämlich Delabel, letztlich dazu bewogen hat, die 3 jungen Herren Ambroise Willaume, Christophe Musset und Jérémie Arcache unter Vertrag zu nehmen, entzieht sich meiner Kenntnis. Vielleicht sind es die vielen Aha-Momente, die beim Erlauschen der Musik aufpoppen. Jedwede Melodie auf dem Album Music For A While erinnert an Altbekanntes und erzeugt durch den treuherzig-unverbrauchten Vortrag der Band Charme. Hier wird nicht herumexperimentiert oder dem Hörer Pioniergeist abverlangt. Wer die Musik der 60er ohnehin als Maß der Dinge erachtet, wird auch dieser zeitgemäßen Adaption huldigen, solch Überlegung könnte sich hinter dieser Major-Label-Veröffentlichung verbergen.

Die herausragendsten Scheiben geizen nicht mit musikgeschichtlichen Zitaten, bedienen sich gern aus dem reichen Fundus – und fügen dem zusammengeschustertem Etwas eine irgendwie neue Note hinzu. Eben diese Finesse fehlt den Songs auf vorliegender CD, schlurft auch unter Berücksichtigung des jugendlichen Elans von Revolver letztlich meist Durchschnittlichkeit aus den Boxen. Dabei scheitert es nicht an der exquisit arrangierten Instrumentierung, die eine spannende Balance zwischen Piano, Gitarre und Cello findet und auch die verschiedenen Stimmen in ein schlüssiges Gesamtkonzept bettet. Die handwerklichen Belange zeugen von einer Reife bei der Umsetzung, welche vielen etablierten Acts fehlt. Aber Hand aufs Herz, im Endeffekt bestimmt das Songwriting die Qualität einer Band, ist Kernstück. Und so tuckert Revolver mit dem Chassis eines Porsche und dem Motor von Lada daher.

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Zu selten liefern die Songs mehr als Schöngeträller ab. Dabei wäre Get Around Town ein feiner Ansatz, wie man schwungvoll in abgehalfterten Notenblättern wühlen könnte und ambitionierten Kammer-Pop aus der Hüfte stemmt. Dem gegenüber klaut Balulalow derart unverschämt und schmalzig, dass man hastig die nächstgelegene Polizeistation alarmieren möchte. Luke, Mike & John gerät zu einem einzigen Ärgernis, während Birds In Dm eine erhabene Stimmung transportiert und sich tiefgründig entfaltet. Doch die wenigen Potential versprechenden Sprenkel bleiben Ausnahmen und werden von abgedroschenen Harmonien zugekleistert – wie auch bei Leave Me Alone hörbar.

Die Biografie der Band liest sich wie eine Horrormär. Weltfremder Cellist wird von einem Freund mit den bis dato für ihn unbekannten Beatles vertraut gemacht. Daraus resultiert ein Zusammentreffen klassischer Musik mit Vorbildern wie Henry Purcell und Pop-Göttern wie eben den Beatles. Doch solch Mischkulanz muss, darf und kann aufregender klingen, als es dies auf Music For A While tut. Noch schießen die Herrschaften mit verdammt kleinkalibriger Munition.

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