Mal wieder Bauklötze staunen – Brett Dennen

Unlängst diagnostizierte ich, dass manche Platten bei oberflächlicher Betrachtung nach „mehr“ klingen und bei eingehender Prüfung das anfängliche Versprechen nicht einzulösen vermögen. Oftmals freilich entfacht auch ein zunächst unscheinbares Album eine ungeahnte Kraft und entwickelt Potential zur dauerhaften Erquickung. Dazu muss man sich jedoch Zeit nehmen, dem Werk eine Chance geben – und nicht gleich alles in eine bereits im Geiste geöffnete Schublade legen. Dieses Mal darf ich – schon wieder – eine fantastische CD präsentieren. In den vergangenen Wochen wurden mehrfach virtuose und grandiose Scheiben angepriesen, so dass der Eindruck entstehen mag, ich würde leicht entflammbar, mein Herz an nahezu jeden dahergelaufenen Songwriter verschenken. Doch eher das Gegenteil trifft zu, naserümpfend trotte ich an Dutzenden von CDs vorbei, bloß um die eine zu finden, die gekonnt Emotionen bündelt. Welch Segen dieser Tage derart oft fündig zu werden.

Nahezu die gesamte amerikanische Kritikerzunft sieht in dem 29-jährigen Kalifornier Brett Dennen ein vielversprechendes Talent – und mokiert sich dennoch über dies und das und jenes und generell fast alles, wenn sie zur Rezension des neuesten Werkes Hope For The Hopeless schreitet. Er sei kein Dylan, monieren allmusic und PopMatters. Das ist auch gut so, denn in Stein gehauene Monumente klettern nur selten vom Podest herab und betören mit neuen Schandtaten. Dennen wird nie ein Guru werden, wohl auch weil seine Musik nicht bedeutungsschwanger oder gar von Glamour verseucht in großen Gesten schwabbelt. Sein dieser Tage in Deutschland erscheinender Wurf stellt uns einen in hoher Stimmlage wohlklingenden Crooner dar, dessen Songwriting angenehme 70er-Jahre-Reminiszenzen an die Integrität eines Paul Simon oder Randy Newman aufweist und weitaus weniger glatt gebügelt als aufgebauschte Musiker vom Schlage eines John Mayer oder Jason Mraz erscheint. Wer immer Herrn Dennen mit selbigen vergleicht, plappert nach, hat jedoch keinesfalls die Ohren gespitzt.

Die Rezeption von Hope For The Hopeless, in den USA hat das Album bereits im Oktober die Plattenläden geküsst, spult das Mantra netter, ein wenig langweiliger Liebeslieder ab, die in der Studentenkneipe an der Ecke als Hintergrundmusik durchaus zu reüssieren vermögen. Ein deutschsprachiger Blog nahm den Faden auf und erklärte Dennen zum diesjährigen Starbucks-Filialen-Hero. Das ist so nett getönt, wie es auch falsch ist. Werte Musikfreunde, lasst euch nicht aufs Glatteis führen, nicht alles, was unbefleckt von jedwedem kopflastigen Getue kreucht und fleucht, muss zwangsläufig ein oberflächliches und uninteressantes Liedchen zwitschern. Im hier beschriebenen Falle bedarf es eines Geschicks für die Wahrnehmung leiser Töne und kleiner Gesten, um die Größe Dennens verorten zu mögen.

hopeforthehopeless

Unter den 11 Songs finden sich drei Wundertaten. Beginnen wir zunächst mit der Ballade Ain’t Gonna Lose You. Schmerzverzerrter Optimismus wuchtet sich mit reimschmiederischer Finesse aus Zeilen wie „You can put a stick in my spokes, I can be the butt of your jokes, I can be the laughing stock, I can be the hoax, but I ain’t gonna lose you„, wird von fragil-leidenden Gesang wunderbar getragen. Heaven wurde von einem Kritiker als Versuch empfunden, ein Imagine für die iPod-Generation zu entwerfen. Doch während Lennon ein Konzept einer schöneren Diesseitigkeit verfolgt, huldigt Dennen einer Transzendenz, die ein Jenseits ohne Scheuklappen und Vorurteile ausmalt. Mit San Francisco und seinem funkigen Groove rasselt Wohlfühl-Mitwipp-Sound durch die Boxen, welcher vieles bis alles sein kann, allerdings niemals langweilig. Eher schon ziemt es sich, Bauklötze zu staunen. Auch bei Wrong About Me, welches clever countryesk stampfend überzeugt, oder bei When She’s Gone, das vor allem während des Refrains stilistisch an Soft-Rock-Erfolge eines Jon Bon Jovi erinnert – wenngleich Dennen weitaus mehr Qualität im Köcher hat.

Insgesamt schreit jede Faser der CD nach einem mündigen Hörer, der einem unauffälligen Werk Zeit und Beachtung schenkt, um bald schon zu erkennen, welch musikalische Wuchtbrumme er oder sie sich hier eingefangen hat. Und den Kritikern, die Ain’t Gonna Lose You nicht schätzen, sei ein anderer Beruf empfohlen. Werbetexter, Finanzbeamter, scheißegal – aber nie und nimmer Henker für ein überragendes Talent spielen.

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