Schwanzeinziehen 2.0

Trent Reznor ist eine schillernde Person, die zu musikalischen Höchstleistung durchaus fähig, aber letztlich mehr noch zum Guru bemüßigt, der uns allen breitmaulfroschmundig erklärt, warum die Musikindustrie derart abkackt. Reznors Einstellungen haben wir schon an anderer Stelle hinreichend gewürdigt, heute wollen wir mit Träne im Knopfloch seinen Abschied aus der virtuellen Welt der Online-Communities beheulen.

Herr Reznor erklärte vor zwei Tagen seine Beweggründe für den Abgang. Er habe sich auf das Experiment der Interaktion mit Fans über Communities eingelassen, um Aufschlüsse zur Präsentation und Vermarktung von Nine Inch Nails zu gewinnen. Er wollte den Puls der Hörer fühlen – im Gegensatz zur Musikindustrie, die die Hörer längst nicht mehr interessieren. Mit Twitter habe er den Vorhang ein wenig fallen gelassen und Einblicke auf den Menschen hinter dem Künstler gewährt. Doch dann kamen die bösen Störenfriede von Metal Sludge und vergällten ihm alles. Nun steht Herr Reznor auf dem Standpunkt, dass Social Networking mehr Schaden anrichtet als Nutzen offenbart:

Anyway, we’re in a world where the mainstream social networks want any and all people to boost user numbers for the big selloff and are not concerned with the quality of experience.

Soweit das Statement, welches einen erstaunlich dünnhäutigen Exzentriker zeigt, der freilich selbst gern geifernd austeilt. Darf man von einer Charakterschwäche ausgehen, wenn Reznor Feindbilder – Stichwort: Major Labels – breittritt und nicht mit Seitenhieben auf Kollegen geizt, selbst jedoch Angriffe – obschon unter der Gürtellinie – als Majestätsbeleidigung abtut und sich zur allwissenden Conclusio aufschwingt, dass der Umgangston in der virtuelle Welt rüde ist? Wer derart scharf die Krallen wetzt und exponierte Standpunkte einnimmt, muss auch mit – in der Form unangemessenem – Gegenwind rechnen. Alles wieder auf die Profitgier der Macher populärer Internet-Angebote zu schieben, greift zu kurz, da aufgrund der vermuteten Anonymität des Webs viele Zeitgenossen das Mindestmaß an Höflichkeit gegen Hohn, Spott und verbales Rowdytum eintauschen. Die Attitüde eines Kriegs der Worte definiert eine der Schattenseiten des Mediums Internet. Dieser wird jedoch nicht von den Machern erfolgreicher Webseiten und Foren betrieben, sondern Legionen von Nutzern, welche die mühsam aufrecht erhaltenen zivilisatorischen Benimmregeln des Alltags endgültig ablegen. Die Trennung von realer und virtueller Welt ist eine illusorische, da der Forenrüpel auch der Sitznachbar in der U-Bahn sein kann.

Je mehr Töne gespuckt werden, desto eher wird ein – mehr oder minder berechtigter – Konter erfolgen. Herr Reznor bevorzugte es, das Schwanzeinziehen 2.0 zu praktizieren, anstatt die wohl unfeinen Attacken gegen ihn als das einzuorden, was sie nämlich sind: Nebengeräusche, die niemals die Wertschätzung von Anhängern aufwiegen. Nur wer sich selbst seriös im Medium Internet präsentiert – gerne auch pointiert, wird auf Dauer überwiegend positives Feedback erhalten, das dann auch zur Erweiterung des Horizonts führt.

Die Idiotie anderer Mitmenschen sollte nie Ausrede für eigene Unzulänglichkeiten sein. Wenn ergo Herr Reznor seine – von Bonmots oft weit entfernten – Aussagen auf den Prüfstand der Vernunft stellen könnte, wenn er diese Größe besitzt, dann sollte er in den Schoß der Sozialen Netzwerke zurückkehren und mit mehr als plakativer Hetze gegen die Musikindustrie punkten.

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Meldung des Rolling Stone

SomeVapourTrails

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