Wärmefleck im Gehirn

Bevor ich liebevoll betexte, was mehr als nur wohlwollendes Wortgerangel verdient, will ich heute mit geradezu staunender Naivität verkünden, dass man kleine Schätze oft dort im Vorbeigehen vom Boden aufliest, wo man nie zu buddeln gedacht hätte. Mariahilff nennt sich Band und Erstlingswerk einer Kooperation des Schauspielers Lars Rudolph mit Mitgliedern des Ensembles Kapaikos. Da rattern natürlich rein gewohnheitsmäßig die Alarmglocken, wenn ein aus Film und Fernsehen mehr oder weniger bekanntes Gesicht zum Mikro greift, um der Selbstverwirklichung – oder gar der Selbstdarstellung? – ein Sahnehäubchen aufzupfropfen. Au contraire – so darf es diesmal schallen. Nicht jeder dahergelaufene Mime ist eine hohle Nuss, die auf Kommando in großen Gesten schwelgt. Lars Rudolph jedenfalls hat sich mit diesem Werk als Poet und Sänger in mein Herz gepflanzt.

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Mariahilff zehenspitzeln sich mit der Wucht eines Elefanten in Ballerinas durch zwölf Lieder, die allesamt zeigen, dass die Sprache Goethes mehr hergibt als lediglich bedeutungsschwangere Pseudolyrik. Rudolphs Zeilen sind spielerisch schwerwiegend – fingerdick aufgetragen und dennoch fragil und nachhaltig. Hier wird in Kopf und Herz geballert, mit nachgerade aufreizend dargebotener Lässigkeit Tacheles gesungen. Freilich darf man die Gruppe nicht allein auf die überwältigende Textlichkeit reduzieren. Lars Rudolphs Stimme vermengt Wiedererkennungswert mit einer an Nuancen reichen Ausdrucksstärke – jodelt mit einer Troubadourschen Courage, wie man sie seit Rio Reiser kaum mehr gesehen hat. Musikalisch rockt die Chose mit viel folkloristischem Flair, welches in den genialsten Momenten eine surreale Aura generiert. Hier klingeln Mandolinen, wabbert die Singende Säge und fluten Trompetenklänge gekonnt die Lieder, wird das kreative Potential aller Beteiligten in eine feine – nie anstrengende – Exotik gegossen.

MARIAHILFF_-_CD

Unter all den Titeln lodert die Ballade Engel besonders hell. Sätze wie „du bist ein wesen am himmelsgestirn/ du bist nicht nur mein wärmefleck im gehirn/ dein mond mit der schramme am herzen/ beklagte sich – aua die schmerzen“ definieren eine träumerische, sehnsüchtige Stimmung. Die Melodie wird von jedem vermaledeiten Instrument – Trompetensolo, ich hör dich trapsen! – in eine Sphäre tiefster Eindringlichkeit gestemmt. Nur um es nochmals zu verdeutlichen: Engel ist eine tolldreist gefühlvolle Ausgeburt bestens arrangiertem und instrumentiertem Songwritings. Freilich triefen viele weitere Tracks nachhaltig in die Gehörgänge. So trifft auf Erde eine gehetzt dargebotene Öko-Kritik an kapitalistischen Systemen auf die Contenance eines Seemannschores, wird eine politische Botschaft derart serviert, wie sie auch einzig nur Sinn macht – verzweifelt. Wenn „von zeit zu zeit am traum sich berauschen/ so können wir das böse für das gute eintauschen/ von zeit zu zeit diese welt geliebt haben/ die sanftheit der sekunden werden wir gespürt haben“ in dem Lied Zeit erklingt, kann man erahnen, mit welch simplen Mitteln Rudolph und seine Mitstreiter Fantasien und Assoziationen erzeugen vermögen, eine nie plumpe Lebensbejahung entwickeln. Die Vielschichtigkeit der CD wir auch auf Massen klar ersichtlich, wenn stechende Takte und bärbeißige Reime eine Liedermacherkunst inszenieren, die eben mehr als altbacken Weltverbesserndes zu bieten hat. Nämlich spannende Nachdenklichkeit anstelle einer naiven Back-to-Nature-Attitüde gepaart mit irgendwelchen kommunistischen Nostalgien. Coconeese liefert mit der Zeile „der grund aller dinge ist die wiederkehr des gleichen“ die absolute Erkenntnis und flutet diese abwechslungsreich mit bombastisch-schrägem Einsatz aller irgendwie greifbaren Instrumente. Was die Herren Ronald Gonko, Herman Herrmann, Boris Joens und Ole Wulfers bei so manchem Lied aufs Parkett zaubern, spottet jeder Beschreibung, klingt derart gekonnt authentisch und dilettantisch, dass man fasziniert schunkelnd verweilt. So zum Beispiel bei Mäntel. Mit Matrosen wird nochmals das Genre Liebesballade in schlürfiger Schmalzigkeit und mit herrlich ironischer Brechung geadelt.

Mariahilff sind nicht ein weiteres beliebiges Projekt, dass mit Engagement und künstlerischem Anspruch dahereiert. Es ist vielmehr ein charismaverseuchter Wurf, der rundum gelungen und ohne jedwede Einschränkung empfehlenswert scheint. Ach, reden wir nicht um den brühheißen Brei herum: Mariahilff liefern den Wärmefleck im Gehirn, den man so dringend ersehnt.

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SomeVapourTrails

5 thoughts on “Wärmefleck im Gehirn

  1. Klasse Text und die Bilder erst!

  2. Robert Konto

    wow, geiler text, die Platte muss ich haben.. und ich mag „Schauspieler Musik“ normalerweise auch per se nicht..

  3. Robert

    MARIAHILFF spielt am kommenden Wochenende eine kleine Dreitagestour.

    10.12. Kiel, Prinz Willy, Lutherstr. 9, 20 uhr

    11.12. Hamburg, Haus 73, Schulterblatt 73, 20 Uhr

    12.12. Berlin, ausland, Lychener Str 60, 21 Uhr

    Ich dachte mir das passt hier vielleicht hin…

  4. Danke für den Hinweis. Kommt in unseren Konzertkalender.

  5. Wunderbar beschrieben. Auf den Punkt.
    In meinem Blog gibts Bilder vom letztwöchentlichen Auftritt der Herren in Erfurt. Und zweidrei warme Worte noch dazu.

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