Wenn der blümchenverkitschte Schleier fällt

Wenn der von schubidu und tralala verhangene, in Blümchenkitsch getränkte Schleier fällt, demaskiert sich Liebe meist als Wollust, geben sich Trieb und Instinkt ein Stelldichein, bleibt Romantik meist auf der Strecke. Und eben dies thematisiert das neue, sinnigerweise Hombre Lobo betitelte Album der Eels. Der hier losgelassene Werwolf ist ein grüblerisch-animalisches Ungetüm, welches Verlangen und Begierde schwer zu zügeln weiß. Diese Kreatur ist aber vor allem: zutiefst menschlich.

eels_albumcover

Die Eels, respektive Mark Oliver Everett als Lenker, Denker und Fixstern eines wechselnden Bandgefüges, zählen seit Bestehen zu den intelligentesten, kreativsten und mitreißendsten Offenbarungen, welche die US-amerikanische Musikszene zu bieten hat. Everett – oder auch unter dem kurz und bündigen Pseudonym „E“ bekannt – saugt sich stets musikalisch wie textlich konzise Lieder aus den Fingern. Hombre Lobo darf neben Electro-Shock Blues als Hochkaräter im Schaffen der Eels gelten. Ein Konzeptalbum über die Facetten des Begehrens, welches wüste Verzerrungen und derbe Rohheit einerseits und leise, zurückhaltende  Nachdenklichkeit prägen und das die Essenz musikalischer Erkenntnis destilliert.

Ich bin gebannt und fasziniert vom Umstand, wieviel Musik und Text sich auf kompakten 40 Minuten entfalten vermögen. Bereits die Eröffnung namens Prizefighter gerät zum bluesigen Triumphzug. Versifft grölt Herr E ins verzerrende Mikro, untermalt von brutal-erdiger, gedrungener Begleitung. Werbend klotzig wird der auserwählten Dame versprochen, immer für sie da zu sein und dies über die altbekannte, bewährte Kumpelmasche. Ohne Hauch von Subtilität wird Virilität zelebriert. Mit That Look You Give That Guy greift traurige Wehmut ins Getriebe: „I never thought that I could be so bold to even say these thoughts aloud. I see you with your man, your eyes just shine, while he stands tall and walking proud. That look you give that guy, I wanna see looking right at me.“ träumt E in der warmen Mid-Tempo-Ballade voll resignativer Sehnsucht. „Girl I want it bad“ röhrt es bei Lilac Breeze zunehmend aggressiver aus den Boxen, wischt Nachdenklichkeit beiseite und will das Paarungsritual ohne Umschweife beginnen. In My Dreams forciert nochmals die Wonnen der Imagination. Hier wird eine typische Eels-Ballade vom Stapel gelassen, die auch Daisies Of The Galaxy hätte zieren können. Doch spätestens mit dem wiederum quälend verzerrten Blues, der Tremendous Dynamite dominiert, nimmt die CD erneut vollste Fahrt auf, ist der Werwolf richtig losgelassen, fällt jegliche Zurückhaltung, übernimmt ein urgeschreiliches Begehren die Kontrolle, siegt purer Trieb über melancholische Vorstellung. Rau verneint der Refrain verkniffelt, gebastelte Textlichkeit, ein simples „She’s tremendous, she’s dynamite“ richtet den Fokus auf den männlichen Eroberungswillen. Abgeklärt, kapitulierend schmachtet Everett auf The Longing, kulminiert alles in der Erkenntnis, dass es andere Dinge im Leben gibt und ihm doch nichts einfällt, welches ihn mehr berührt als die Angebetete zu sehen, zu verstehen. Und da ich von den Eels fasle, wird hier keine Note mit Süßlichkeit bekleistert. Banalitätenfrei erwächst eine wunderbare Liebeserklärung zu vollster Blüte. Doch bereits Fresh Blood verdrängt die schlichte Gefühlsskizze und manifestiert das Tier im Mensch. Psychodelisch erzittert die Musik zu Wolfsgeheul, flicht den nächsten Höhepunkt in ein vor lauter Highlights engmaschiges Album ein. Unheilsvoll wütet die Drohung „Sweet baby, I need fresh blood„. What’s A Fella Gotta Do ist einmal mehr gehetzter Garage Rock, absolut schnörkellos und schweißtreibend, ehe My Timing Is Off Mid-Tempo atmet und die kämpferische Weisheit „Just gotta be brave enough to love and let yourself be loved.“ einstreut. All The Beautiful Things verblüfft mit jeder Menge Lebensbejahung, berückt mit dem Schimmer Hoffnung und besticht mit den seit Jahren beliebten Eels-Harmonien. Darf man von den Beatles ungeniert abkupfern und daraus einen noch besseren, überragend eingängigen Popsong kreieren? Everett fragt nicht und liefert Beginner’s Luck ab. Fast mag man an einen versöhnlichen Abschluss glauben und die enthusiastische Zuversicht als finale Message verstehen, wenn – ja wenn – da nicht mit Ordinary Man eine subtile, entwaffnend ehrliche Ballade Hoffnung, Sehnsucht und die Widrigkeiten des Lebens konsequenter bündelt. „Well its another warm day in the city of cold hearts. They all just play the part of who they are. And I’m here on my own, I’d rather be alone than try to be someone that I’m not. And you seem like someone who could appreciate the fact that I’m no ordinary man.“ singt Herr E in dem sparsam instrumentierten Lied und beendet eine für immer ins Gehirn eingebrannte Tour de Force. Zuletzt also siegt das Gefühl, die Menschlichkeit über rein bedürfnisbefriedigendes Handeln.

Eels

Hombre Lobo ist ein Werk, das den Gebrauch inflationär verwendeter Lobhudeleien geradezu herausfordert. Für mich persönlich gehört es zu den 5 besten Alben, die ich jemals hören durfte. Es gibt keine Entschuldigung dafür, das Album nicht zu kaufen. Keine. Nun gut, schlechter Geschmack und fehlende intellektuelle Kapazität ließe ich gelten.

Tracklist für Hombre Lobo:

01 Prizefighter
02 That Look You Give That Guy
03 Lilac Breeze
04 In My Dreams
05 Tremendous Dynamite
06 The Longing
07 Fresh Blood
08 What’s A Fella Gotta Do
09 My Timing Is Off
10 All The Beautiful Things
11 Beginner’s Luck
12 Ordinary Man

Links:

Offizielle Webseite

Albumstream auf MySpace

Albumstream auf Last.fm

SomeVapourTrails

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