Heuchlerische Trauer um ein Monster

Die degoutante Hysterie der vergangenen Wochen schmirgelt sich allmählich am Alltag ab. Der voyeuristische Blick giert weiter, ergötzt sich an neuem Elend und fetten Skandalen. Auch Trauerfeiern zerstrudeln sich und farbige Bürgerrechtler müssen Michael Jacksons Albino-Teint nicht länger schwarzreden. Die Bestürzung der Fans verebbt. Man verkennt nonchalant die eigene Verantwortung am Schicksal Jacksons. Mini-Frankensteins, die wir sind, heben wir Stars in den Himmel, ehe wir neidgeladen den Fall wonnig begaffen. Und dann raunen wir voll wonniger Ergriffenheit über ein Schicksal, welches nie zum Happy End prädestiniert war.

Musik mag zu Verzückung gereichen. Doch die Superstars der Branche liefern lange schon ein Gesamtpaket ab, in dem Musik eine beiläufige Rolle einnimmt. Das Aussehen der Protagonisten darf Projektionsfläche für feuchte Teenager bilden, exzentrisches Verhalten und Eklats sollen für eine gern vor vorwundertem Entzücken hochgezogene Augenbraue sorgen, glittervoller Glamour muss eine märchenhafte Fassade kreieren, deren losgelöste Verfasstheit eine Fantasie aus Luxus erlaubt. All dies lässt die Kultfigur entstehen, die wir jubelnd verehren.

Michael Jackson vermochte mit eingängigen Liedern und dem richtigen Gespür für Inszenierung zu beeindrucken. Der Rest war ein sich aufschaukelnder Hype, zwar klug lanciert und am Puls der Zeit, aber genau darum auch mit viel Eigendynamik. Und unter dem Beifall der Massen beging er einen Kardinalsfehler. Anders als bei der selbstbestimmten Inszenierung einer Madonna, welche die Anhängerschaft mit wechselnden Masken und Skandälchen zu berücken weiß, verinnerlichte Jackson die Kunstfigur als Bestandteil des eigenen Ichs und wurde somit medialer Spielball, nach dessen bizarren Auswüchsen jedermann sensationsgeil dürstete. Die letzten 20 Jahre seines Lebens ward alle musikalische Kreativität abgelegt und die Schlagzeilen-Relevanz einzig durch Absonderlichkeit und Abscheulichkeit generiert.

Warum trauern – und worum? Sind es wirklich die Songs, die vor über 20 Jahren eine Epoche prägten, deretwegen dieser Mann als hervorstechendster Vertreter einer Popkultur in Erinnerung bleibt? Oder bejammert der Pöbel den Verlust eines liebgewonnenen Monsters, dessen publike Transformation in eine bleiche Fratze unseren Drang nach Schaulust befriedigte? Ist nicht eine Sahnehäubchen an Scheinheiligkeit im Spiel, wenn das Showbiz den guten Menschen Jackson hervorkramt – vor allem da sich der King of Pop nie menschlich zeigte. Anfänglich hinter Kostümen verbarrikadiert, verschanzte sich Jacko in der Folge hinter einer verkünsteltem Gesicht und einer Weltflucht namens Neverland.

Begruben wir wirklich eine reale Person? Oder das Produkt einer kollektiven Faszination, dessen zumindest dubioser Spleen für Kinder soviele in der Sensationspresse eingefangene Skandale hervorbrachte, die wir gierig aufsogen. Das stete Interesse an Jackos Privatleben macht die Gesellschaft zu Frankenstein, die Mixtur aus Applaus und Entsetzen förderte die Verwandlung. Was anders als Heuchelei scheint es, nun eine Musik abzufeiern, welche ohne das ganze Brimborium längst auf das Erinnerungsniveau diverser Prince-Klassiker gesunken wäre?

Ich für meinen Teil suche das Vergessen. Und irgendwann einmal, wenn zufällig Thriller oder Dirty Diana meine Boxen schreddert, werde ich tolle Lieder erfühlen. Mehr nicht.

SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Heuchlerische Trauer um ein Monster

  1. Ganz genau. Ich finde es auch etwas bizarr, dass jetzt um den Menschen Michael Jackson getrauert wird. Ich konnte da beim besten Willen keinen echten Menschen erkennen. Weder äußerlich noch innerlich.
    Der Mann wirkte immer extrem künstlich. Und Interviews mit ihm gehen bei mir absolut an die Schmerzgrenze. Er wirkt selber wie ein naives Kind. (Eine Freundin von mir behauptet, das wäre seine positive Lebenseinstellung gewesen… naja…)
    Um den Musiker Michael Jackson zu trauern kann ich ja noch irgendwie verstehen (auch wenn diese Trauer wohl mindestens 15 Jahre zu spät kommt…) aber um den Menschen? Sorry, das versteh ich nicht. Selbst wenn ich wollte, ich könnte da um keinen Menschen trauern, ich seh da einfach keinen Menschen. Ich will nicht sagen, dass in der Kunstfigur nicht auch ein Mensch drinsteckte, aber der war einfach nicht zu erkennen und dementsprechend kann ich diesen Menschen kaum einschätzen und daher auch nicht um ihn trauern. Abgesehen davon, dass der Mann mich auch musikalisch so wenig interessierte, dass es mir so oder so relativ egal ist.

  2. Mir tat die arme Sau leid.Verirrt, verwirrt und nicht
    von dieser Welt. Aber da draussen rennen eine
    Menge Aliens rum. Wirklich bemerkenswert an MJ
    war dann letzendlich nur seine fantastische Designer-Nase.

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