Klebstoff-Raggamuffin

Guns Don’t Kill People… Lazers Do nennt sich das Album zum kollektiv genießerischen Daumennuckeln. Hype der Stunde oder verdammte Pflicht geschmackssicherer Hörer? Letzteres, wage ich zu behaupten. Das überkandidelte Projekt der beiden Produzenten Diplo und Switch firmiert unter dem Namen Major Lazer und haucht verspinnwebten Klischees jamaikanischer Musik neues Leben ein, serviert Dancehall mit Fluffigkeit und einer enormen Portion Verspieltheit. Hier wird Klebstoff ausgegeben, welcher wahlweise die Gehörgänge mit tollem Rhythmus verpropft oder aber einen schnüffelnden Trip erlaubt.

Major Lazer

Kaum ein Land bietet derart viele musikalische Stereotypen auf, wie es Jamaika tut. Doch irgendwo zwischen dem sozialkritischen Roots-Reggae eines Bob Marley, den Kiffer-Songs, dem Sexprotz-Getue eines Coolio und einem Raggamuffin-Sound, den wir mittlerweile als Dancehall kennen, ist tatsächlich noch Platz für fern jeder Abgedroschenheit vibrierender Musik. Dass es dazu eines britisch-amerikanischen Produzenten-Duos bedarf, mag als dringend nötiger Impetus verstanden werden. Zusammen mit vielen honorigen Gästen entstand so eine Scheibe, die dazu angetan scheint, die sommerliche Schwüle auf den Tanzflächen rund um den Globus zu versüßen.

Guns Don't Kill People... Lazers Do

Unter den 13 Titeln stechen eine Handvoll hervor, so schlittert bereits der Opener Hold The Line unter Spaghetti-Western-Anklängen in ein vom Hocker hauendes, schweißtreibendes Rhythmusmonster, dessen Lyrics von einer hysterischen Santigold und einem coolen Mr. Lex gesungen respektive sprechgesängelt werden. Die minimalistisch fiebernde Basslinie forciert den Song in ungeahnte Höhen. Can’t Stop Now schunkelt sich derart unbekümmert daher, dass Strand, Sonne, schöne Frauen und Männer vor dem geistigen Auge wuchern und die Hand wie von selbst nach einem Cocktail tastet. Inbrünstig trällern Jovi Rockwell und der nicht eben unbekannte Mr. Vegas ihren Stiefel runter, kleistern eine klebrig-feines Liebeslied auf den Plattenteller. Das Lazer Theme wiederum wabbert im Sperrfeuer, skizziert die absolute Stärke der CD: Feinster Elektro stützt tanzbare Stücke, traditionelle Jamaika-Tunes werden mit unkonventionellen Ideen verwoben. Anything Goes treibt die Verquickung verschiedenster Einflüsse durch pathetischen Streichereinsatz, schießwütige Samples undder langesüblichen Rap-Form (vorgetragen von Turbulence) auf die Spitze. Dass Stilmischkulanzen auch kräftig in die Hose gehen könnte, beweist das stark an Euro-Dance gemahnende, üble Keep It Goin‘ Louder. Das von harten Beats und marschmusikalisch gehämmerten Drums getragene Pon De Floor wäscht jedwedes Karibik-Idyll fort und setzt ein weiteres Highlight. Ebenfalls begeistert der saukomische, von Prince Zimboo vorgetragene Skit Baby, welcher einmal mehr aufzeigt, dass Major Lazer ihr Album mit viel Augenzwinkern garnieren und rein gar nichts mit den oft bierernsten, genretypischen Prahlereien gemein haben.

Man darf Guns Don’t Kill People… Lazers Do getrost als hypnotisch gelungenes, abgefahrenes Dancehall-Werk feiern, dass neben guter Laune auch jede Menge Innovation versprüht. Das Comic-Feeling, mit dem das Album marketingtechnisch angeheizt wird, mag ein wenig aufgesetzt wirken. Der Sound hingegen scheint hochgradig ansteckend und süffig schräg. Wenn es einen Klebstoff braucht, der die hitzigen Stundes dieses Sommers in unser Hirn pappt, dann ist er in Form von Major Lazer gefunden.

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