Mit Karacho in die Inkonsequenz – Angelika Express

Mit breiter Brust gebloggte Narreteien begeistern mich besonders. Regt mich menschliche Dummheit selten nur mehr auf, so tut dies Inkonsequenz noch stets. Unter dem Aspekt ist die Wortspende von Angelika Express eine herrlich erfrischende Art und Weise, meinen Pulsschlag in ungeahnte Höhen zu treiben. Pathetisch wird auf der offiziellen Seite der vermeintliche Abschied von MySpace verkündet. Man wolle sich einfach nicht mehr den „Vorgaben einer linkisch zusammengeschusterten Oberfläche“ unterwerfen, mit Musik, Videos und Texten Content für den „fiesen Rupert Murdoch“ liefern, der das „2005 für 580 Mios gekaufte soziale Netzwerk essentiell braucht, um massiv schlechte, aufdringliche Werbeformen drumrum klatschen zu können„. So sei es an der Zeit dem „verrottenden Moloch“ den Rücken zu kehren, zumal MySpace gewisse „Werbeformen aufzwingen will“ und „als relevante Plattform sowieso ausgedient haben wird„, da ja angeblich Besucherzahlen zurückgehen und Teile der Belegschaft frisch-fröhlich entlassen werden. Auf der MySpace-Präsenz, die jedoch nicht gelöscht – nur von Content befreit – wurde, findet sich nun lediglich eine kurze Botschaft:

AngelikaExpressMySpace

Ich fasse mal zusammen. Musiker auf MySpace liefern kostenlosen Content für den unheimlich bösen Medienmogul Murdoch. Der eigentliche Grund hingegen, weshalb Angelika Express das Weite sucht, liegt in nerviger Werbung und dem drohenden Untergang des Netzwerks begründet. Das erlaubt natürlich die Schlussfolgerung, dass Angelika Express bei weniger penetranten Bannern und konstantem Fanzuspruch MySpace nicht gleich einer Ratte das angeblich sinkende Schiff verlassen hätte. So böse kann Rupert Murdoch also gar nicht sein, als dass man ihm nicht mit Handkuss alles in den Rachen stopft, solange es der eigenen Bekanntheit förderlich scheint.

Man sollte nicht jedem dahergelaufenen Act mit Hang zu theatralischen Aktionen jede Großspurigkeit unwidersprochen durchgehen lassen. Die Vorzüge der Musikerherberge MySpace sind für Protagonisten und Konsumenten gleichermaßen evident. Der normal begabte User findet den Player recht schnell, bekommt dank Blogs einen kompakten Überblick über Neuigkeiten und Konzerttermine und darf sich an dem einen oder anderen Video erfreuen. Wer eine Handvoll Künstlerseiten aufgerufen hat, kennt die Funktionsweise. In dieser Berechenbarkeit liegt ein immenser Vorteil der Plattform. Der User kann sich unverrichteter Dinge ins Eingemachte – sprich: ins Streamen von Lieder – stürzen, ohne erst die mitunter erfinderisch, knifflige Navigation mancher offizieller Homepages durchwaten zu müssen. Welch Fan kennt dies nicht: Man besucht eine Musiker-Webseite und wird gleich ungefragt mit Musik – gerne in vollster Lautstärke – beschallt und darf sich dann auf die Schnitzeljagd nach dem Mute-Knopf machen. Bei MySpace wird man aus purer Gewohnheit bei solch Havarien schnell fündig, die bewährte Navigation vereinfacht vieles. Die Community ist außerdem ein Ort der Verknüpfungen – noch ein Pluspunkt. Und sie erlaubt auch demjenigen, der seine Musik feilbietet, Gestaltungsspielraum. Minimalismus ist ebenso möglich wie bunt blinkende Seiten. Und über die Art des Angebots entscheidet noch immer Künstler bzw. das Label selbst.

Werbung wurde von Angelika Express ja sehr bekrittelt. Doch sei den Herrschaften verraten, dass doch allgemeiner Tenor der Branche schon lange in Richtung werbefinanzierter Inhalte geht. Was jedweder Internet-Auftritt einer Tageszeitung darf, sollte man auch Herrn Murdoch nicht absprechen dürfen. Die Umsetzung von Werbung ist zweifelsohne oftmals schrecklich, doch auch da können genügend Browser-Plugins die Augen vor den schlimmsten Attentaten auf die Augen bewahren. Soviel Sachverstand in der Handhabung von Firefox und Co. darf man jedem mündigen Internet-User zumuten. Werbung soft erleben lautet die Maxime der Stunde.

Was bleibt, ist die unsägliche Inkonsequenz von Angelika Express. Entweder man verabschiedet sich endgültig von dieser angeblich so überholten Plattform und hinterlässt auch keinen Hinweis auf die Homepage, oder aber man nützt eine nach wie vor beliebte Plattform zur Promotion. Im Moment freilich ist dies eine halbe Sache. Das anhand einiger News-Meldung gerade veranstaltete MySpace-Bashing mag in der Blogosphäre en vogue sein. Brav wird daher die Meldung von Angelika Express nachgeplappert. Welche Communities oder Angebote nach dem Abgang von MySpace eine simple, ohne viel Kopfzerbrechen bezüglich Webhosting und Traffic funktionierende Alternative darstellen, verrät uns Angelika Express natürlich nicht.

Wer das blinkende Favicon des Webauftritts von Angelika Express gesehen hat, den kann auch ein etwaiger Flashbanner auf MySpace nicht mehr erschüttern.

SomeVapourTrails

4 Gedanken zu „Mit Karacho in die Inkonsequenz – Angelika Express

  1. 10 von 10 Punkten. Glückwunsch an AE. Man möchte zum schnellen Scheitern einer Plattform beitragen, die es wie keine andere ermöglicht, neuen Bands ihre Musik zu publizieren. Buuh!

  2. die alternative zu myspace wäre statt der zentralen dateneingabe bei myspace eine homepage, die aus den dezentral hinterlegten basiert. zum hosten der songs gibt es soundcloud; für konzert-termine last.fm; fotos bei flickr; webblog bei tumblr / wordpress / blogspot; microblog bei twitter; videos auf vimeo / dailymotion / youtube

    und das alles dann in _einer_ homepage zusammenbasteln wie z.b. das schwedische elektro label pluxemburg. siehe dazu http://burnfield.com/martin/2009/02/02/pluxemburgcom/

    wer dennoch _ein_ zentrale seite alle o.g. funktionen haben will, nimmt facebook. werbung is dort auch, aber derzeit eher dezent.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.