Musikalischer Quartalsbericht 2009 (II)

Nun sind also April, Mai und Juni ins Land gegangen und unter das zweite Quartal des Jahres 2009 darf ein dicker Schlussstrich gezogen werden. Was bleibt sind eine erkleckliche Anzahl an denkwürdigen Liedern und Alben. Ich glaube vermelden zu dürfen, dass viele kleine und große Meisterwerke in diesem Frühling erblüht sind. Werfen wir einen kurzen Blick zurück und schnuppern noch mal ausgiebig an den prächtigsten Blüten.

Alben09

Die Eels vermochten mit Hombre Lobo ein einzigartiges Album zu erschaffen, dessen Intensität und Virtuosität alles in den Schatten stellte. Diese Scheibe wird noch die Hirne nachdenklicher Menschen beackern, wenn all die Kritikerlieblinge wie St. VincentActor ist eine unsägliche, pseudo-experimentelle Zumutung – längst schon mit der wohlverdienten Vergessenheit geschlagen sind. Die seichten Befunde der Kritikerzunft zu Hombre Lobo waren schlichtweg ärgerlich – oder im Falle Pitchforks einfach lächerlich. Eine weitere chronisch unterschätzte Truppe lieferte mit Journal For Plague Lovers eine rundum gelungene Sensation ab. Die Manic Street Preachers haben Substanz – ein Fremdwort heutzutage. Während man in dem Falle durchaus von einer Rückbesinnung auf alte Stärken sprechen konnte, brachen Placebo mit alten Gewohnheiten und zu neuen Ufern auf. Battle For The Sun wird wohl nicht zum besten Album der Band gewählt werden, eine Bereicherung freilich stellt es jedoch zweifelsohne dar. Und wenn wir gerade über Acts von der Insel schwärmen, sei auch nochmals Kingdom Of Rust der Doves positiv hervorgehoben und auf Kasabian nicht vergessen.

Auch Singer-Songwriter setzten gewichtige Akzente. John Vanderslice verstaute auf Romanian Names die phänomenale Ballade Too Much Time. Brett Dennens endlich auch in Deutschland erschienenes Hope For The Hopeless schenkte Hörvergnügen ohne Ende, dagegen wirkt ein Conor Oberst ganz schön alt. Der Schotte Paolo Nutini beschenkte uns mit Sunny Side Up – ein durch und durch kurzweiliges, unterhaltsames Album. Unverzeihlich freilich wäre es, in diesem Zusammenhang die Great Lake Swimmers und ihr absolut geniales Lost Channels unter den Tisch fallen zu lassen.

Aus deutschen Gefilden vermag ich in den letzten Monaten nicht allzu viele Lichtblicke zu zählen. Cargo City empfahl sich mit on.off.on.off. als Versprechen für die Zukunft. Highlight freilich blieb Lars Rudolphs Projekt Mariahilff, dass in jeglicher Hinsicht – vor allem aber textlich – zum Besten zählt, was seit langer Zeit in Deutschland verbrochen wurde.

Kommen wir nun zu den Kleinoden, deren verkaufte Exemplare sich wohl in überschaubaren Größenordnungen bewegen. Die Flare Acoustic Arts League offerierte mit Cut hochgradig intelligentes, oft augenzwinkerndes, aber immer unterhaltsames Songwriting. Viarosa rockten derart famos auf Send For The Sea, dass man sich nur wundern kann, warum sie die Nick-Cave-Fetischisten nicht mit offenen Armen empfingen. Yppah enttäuschte mich ebenfalls nicht und konnte mit dem Electronica-Album They Know What Ghost Know einen wahren Volltreffer landen. Stell dir vor, da geigt einer auf – und fast niemand merkt dies. Trespassers William beackterten auch 2009 das Metier Shoegaze und veröffentlichten The Natural Order Of Things – eine nette Scheibe, die nicht ganz das Niveau früherer Werke hält, aber dennoch sehr hörenswert ist.

Zu guter Letzt sei nochmals an The Alexandria Quartet erinnert, deren Debüt wir auf diesem Blog viel Tribut gezollt haben. Vermutlich schon bald dürfen wir uns dafür auf die eigenen Schultern klopfen und mit Selbstlob überschütten. Keine Frage, diese Norweger werden eine Karriere aufs Parkett legen – die Musik ist so toll, da steppt jedweder Elch dazu.

Verweilen wir einen Moment bei den weniger perfekten Fabrikaten aus den weltweiten Plattenschmieden. Grizzly Bear und die CD Veckatimest sind nettes Mittelmaß und werden völlig ohne triftigen Grund über den Klee gelobt. Gediegene Langeweile ist meines Erachtens noch nicht zur Kunstform erhoben. Green Day und der Rebellions-Rock mögen simple Parolen für die schweißgetränkte Meute in ausverkauften Stadien auf Lager haben, musikalische Relevanz darf sich davon nicht ableiten lassen. Ärgsten Feinden sollte man die Schenkung des Album von La Roux erwägen – und weil diesen Gedanken bereits viele Menschen hatten, erklären sich auch die vorzeigbaren Verkaufszahlen.

Doch schwelgen wir lieber in schönen Erinnerungen. Die unzähligen Duftmarken hinterließen einen bleibenden Flair in unserem CD-Regal. Hoffentlich tat die eine oder andere Scheibe dies auch in den Sammlungen unserer geneigten Leser.

SomeVapourTrails

9 Gedanken zu „Musikalischer Quartalsbericht 2009 (II)

  1. so’n unsinn, mal davon abgesehen, dass man brett dennen nicht mit conor oberst vergleichen kann muss der gute brett darüber hinaus auch noch ein wenig ackern, um den status eines mr. oberst zu erreichen.

    aber euch erschließt sich ja auch scheinbar nicht die ganze größe des grizzly bear albums, vermutlich zu viel tiefgang oder so 😉

  2. Haha, WT verkennen die Größe von Eels und wir die von Conor Oberst….

    Ich lass ja beide stehen, wenn ich mir dafür The Alexandria Quartet anhören darf 😀 Oder Placebo, oder die Manics…

    Und wer doof ist, behauptet auch noch die 3 Bands spielten Britpop…

    DifferentStars

    Grizzly Bear sind nett… das wars dann aber auch schon…

  3. hören darfst du alles (außer nazimusik, die ist glaube ich durch den verfassungsschutz verboten 😉

    stimmt, brit-pop sind nur TAQ, für die anderen beiden hab ich das aber auch noch nirgends gelesen. die einen sind Hard-Pop (zumindest, wenn man Brian Molko traut) und die anderen ein grausiger Bon Jovi / 80ies Rock Abklatsch (bin nicht so der freund der manics) 😉

  4. Eigenartig, immer reißen diejenigen die Klappe weit auf, deren musikalischer Horizont die Größe eines Bierdeckels hat. Vielleicht doch mal beim Rolling Stone bewerben, die haben doch stets Bedarf für unkundige Nachplapperer.

    SomeVapourTrails

  5. oh, verzeihe mir, dass ich nach meinem letzten kommentar erst gerade wieder online gegangen bin, denn es soll auch leute geben, die nicht den ganzen tag im internet herum surfen und sich mit ihrem erbsenhirn pseudointelektuell einen auf ihren musikgeschmack herunter holen.

    meine ausführungen zu den manics kann ich mir dann also scheinbar auch sparen, hatte mich aber eigentlich schon auf eine diskussion mit dir gefreut, auf die hier dann wohl aber kein wert gelegt wird.

    aber sei’s drum, tu ich auch nicht mehr

  6. Deine Ausführung zu den Manic Street Preachers solltest du dir nicht sparen, weil mich ja auch die Sichtweise von Zeitgenossen interessiert, die jedem Indie-Hype (Stichwort: Grizzly Bear) auf dem Leim gehen und beim Namen Conor Oberst in Ehrfurcht erstarren. Du bist durchaus Teil meiner Feldstudie, die auch im Alternative-Bereich ähnliche Mechanismen wie im Mainstream ortet. Idole werden gezüchtet, Daniel Schumacher wird von Blättern wie der Bild in den Himmel geschrieben, Conor Oberst halt von sogenannten Musik-Fachzeitschriften. An der heuchlerischen Art und Weise ändert dies nichts.

    Du selbst teilst ja aus (Stichwort: Tiefgang), da solltest du dir auch – zugegeben – sehr spitze Bemerkungen gefallen lassen. Erbsenhirn hast du ja richtig buchstabiert, bei pseudo-intellektuell solltest du noch üben. Für Rückmeldungen jeder Art sind wir auch weiterhin dankbar – gerne auch von dir.

    SomeVapourTrails

  7. also mein neuer duden erlaubt die schreibweise von pseusodingsda, der gibt freie wahl zwischen bindestrich und zusammenschreibung. aber mit dem wort kennt ihr euch ja scheinbar besser aus, aber vielen dank, menschen, die gleich jeden schreibfehler (sei er nun existent oder nicht) ausbreiten sind mir extrem sympathisch…

    das auch im indie- / alternative-bereich künstler heraus ragen und deshalb auch entsprechend gewürdigt werden dürfte wohl klar und selbst erklärend sein. vom indie-hype seid ihr wohl auch selbst nicht ganz frei zu sprechen, denn mit eels, kasabian und den manics schließt ihr euch auch gleich dreimal der einhelligen meinung der fachpresse an, die diese künstler auf „heuchlerische[n] Art und Weise“ feiert… das ich mich dennoch nicht für diese künstler begeistern kann scheint mir da nun fast widersprüchlich, vermutlich sollte ich da noch einmal in mich gehen… davon abgesehen war das letzte conor oberst album echte scheiße (so vie zur ehrfurcht), dennoch hat er sich seinen aktuellen status durch harte arbeit und eine reihe durchweg starker releases erarbeitet und wird deshalb von mir höher angesehen als dennen. dass beide ein anderes musikalisches feld beackern sei einmal dahin gestellt, aber der vergleich stammt ja von euch, nicht von mir.

    in diesem sinne

  8. Ad 1) Es ging um das fehlende L in deiner Schreibweise. Wer mit solch Vorwurf um sich wirft, sollte zumindest selbst über den Verdacht erhaben sein, mit mehr Schein als Sein zu prahlen.
    Ad 2) Eels erhielten meist Verrisse (zB Pitchfork) bis (über-)durchschnittliche Bewertungen, Kasabian wurden auch nicht eben hymnisch gelobt und bei den Manic Street Preachers wurde das Album als Schritt zurück zu alter Stärke interpretiert. Alle 3 Alben (wenn dann eher noch die Manics) werden in so gut wie keiner Jahresbestenliste führender Magazine zu finden sein, Grizzly Bear und St. Vincent sicher weit öfter. Und das nenne ich einen Hype. Viel Lärm um nichts – wie schon der gute Goethe gesagt hat, aber das weißt du ja bestimmt 😉
    Ad 3) Als ich von Songwriter-Veröffentlichungen sprach, habe ich Dennen und Conor Oberst in einem Atemzug genannt. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie sich stilistisch nahe stehen. Auch Dylan und Leonard Cohen sind zu dem Oberbegriff zu rechnen und trotzdem grundverschieden. Ist doch im Grunde genommen nicht schwer zu verstehen, oder?

    Sollte dir meine Meinung nicht zusagen, so ist jeder Widerspruch willkommen. Besserwisserei, die auch noch linkisch formuliert ist, werde ich auch in Zukunft ignorieren oder aber zu beantworten wissen. DifferentStars fragt sich übrigens noch immer, was die Manic Street Preachers mit Bon Jovi gemein haben sollen und harrt ein Antwort.

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