Perfekt austariertes Songwriting – Scarlatti Tilt

Das Bremer Label dandyland habe ich bereits mehrfach ob der handverlesenen Künstlerauswahl gelobt. Dies will ich auch heute tun, weil das bereits im Vorjahr erschienene Album Gathering of the Haunted dieser Tage einen erneuten Release feiert. Und in der Tat ist die Scheibe derart beschaffen, dass sie nicht der Vermoderungen auf dem Friedhof unbekannter Glanztaten anheimfallen darf.

2004 formte sich die britische Band Scarlatti Tilt im musikträchtigen Bristol und besteht aus der mit einer raren Ausdruckskraft geschlagenen Stimme von Daisy Chapman, die auch die Tasten des Klaviers mit Verve malträtiert, Greg Simmons am Bass sowie Tim Smith an den Drums. Die pianolastigen, sinister schillernden Balladen tümpeln in allerlei Untiefen, vermögen einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Der distinktive Sound, welcher gekonnt zwischen Brüchigkeit und Vehemenz pendelt, tätschelt die Sinne des audiophil Fortgeschrittenen, dem bei Pianogeklimper keinerlei süßliche Assoziationen in den Ohren kitzeln. Vielmehr liebkost ein stets prägnantes, selbstsicheres, omnipräsentes Organ den Hörer, vertändelt sich die exzellente Chapman nie in Effektheischerei.

Scarlatti Tilt

Obzwar mich die Sangeskunst Daisy Chapmans zu fett grinsender Wonne verzückt, so wäre es doch eine Unterlassungssünde, nicht auch das dazugehörige, perfekt austarierte Songwriting zu erwähnen. Exemplarisch sei Something for the Crows ins Rampenlicht gehoben. Eine dröge, schwermütige Klage schwillt zu minimalistischer Beklemmung an, die den gebetsmühlenartigen Refrain zum virtuosen Abgesang werden lässt,  ehe ein düsterer Zwiegesang den Song bedrückend auflöst. Reduziert arrangiert – und gerade deshalb wirkungsvoll – gelingt hier ganz großes Kino. Oder die ansteigende Dramatik auf To Wonder, wenn Schlagzeug und Piano den Teppich bilden, auf welchem Frau Chapman eine gediegende Hysterie zelebriert. I Was Only Five mit seinem Fokus auf die herzzereißenden, nie schmalzigen Lyrics kontrastiert ein One Under, dessen robust gepeitschte Wildheit bei PJ Harvey wohl neidvolles Staunen hervorruft. Herrlich sophisticated tönt The Insects‘ Party, en passant wird im Stile einer Tori Amos agiert und selbige um Hauslängen übertroffen. Warm rollen die Klavierakkorde prickelnd hernieder, erwächst eine lebhafte Ballade, die man – einmal gehört – nicht missen möchte.

GatheringOfTheHaunted

Scarlatti Tilt verdienen Beachtung, mehr noch Anerkennung. Die Frontfrau Chapman scheint in jeglicher Hinsicht oberste Liga. Jener Dame gehört die beste Frauenstimme, welche ich in den letzten 5 Jahren neu erlauschen durfte. Und da auch die kompositorischen Fertigkeiten überwältigend sind, muss der Durchbruch erfolgen. Ich persönlich verwette mein letztes Hemd, dass wir in wenigen Jahren an Daisy – nicht Tracy! – denken, wenn der Name Chapman fällt. Hat dandyland überhaupt genug Platz für all die kommenden Goldenen Schallplatten? Mein Tipp: Schon mal Wände anmieten!

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