100 Songs – Teil 6 (Amelia)

Wenn man ein mit seltener Eleganz verziertes, mit höchstmöglicher lyrischer Konsistenz behübschtes und auf dem Level genialster Musikalität gehaltenes Album hören möchte, dann kommt man um Hejira nicht herum. Mit diesem Album erschuf Joni Mitchell einen sträflich unbeachteten Meilenstein. Und wenngleich eine Handvoll Lieder eine nähere Betrachtung verdienen, so ist Amelia noch ein Quäntchen erwähnenswerter als der Rest.

Hejira

Der Song mag als Huldigung gegenüber der amerikanischen Flugpionierin Amelia Earhart verstanden werden, die 1937 während einer versuchten Erdumrundung über dem Pazifik abstürzte und deren Überreste bis heute nicht gefunden wurden. Und zweifelsohne ist dies Wissen um den Kontext nützlich, doch scheint die Botschaft und Kernaussage von einem letztlich universellen fragilen Verlangen getragen. Das lyrische Alter Ego Mitchells nimmt die bei einer Fahrt durch die Wüste am Himmel beobachten Kondensstreifen von Flugzeugen zum Anlass, über trügerische Sehnsüchte zu sinnieren. Die Weite des Himmels offeriert eine sinnbildliche Freiheit, in die es gleich Ikarus aufzubrechen gilt. Voll Hoffnung und doch letztlich sein Schicksal teilend. Das Ausbüchsen aus Zwängen („People will tell you where they’ve gone/ They’ll tell you where to go/ But till you get there yourself you never really know„) gestaltet sich schwierig („Where some have found their paradise/ Other’s just come to harm„), ein Streben nach Erfüllung bringt unweigerlich auch Schmerz. Und so fächert sich eine Liebesgeschichte in poetischen Fragmenten auf. Während die Zeilen „Maybe I’ve never really loved/ I guess that is the truth/ I’ve spent my whole life in clouds at icy altitude/ And looking down on everything/ I crashed into his arms“ abermals vordergründig Earharts Obsession für die Fliegerei schildern und eigentlich doch für die abgehobenen Träume vieler stehen, wird die Enttäuschung bereits zuvor mit „It’s so hard to obey/ His sad request of me to kindly stay away/ So this is how I hide the hurt/ As the road leads cursed and charmed“ vorweggenommen. Die jede Passage beschließende Zeile „Amelia it was just a false alarm“ determiniert den Kreislauf aus Hoffnungen und dem Bröckeln selbiger. Mitchell beendet das Lied mit einem wenige Worte umspannenden Traum („I dreamed of 747s/ Over geometric farms„), der nochmals kräftig eine Weite und Freiheit preisgibt. Der Wunsch über die geordnete Geometrie des Lebens, über sämtliche Pläne hinwegzusegeln, bleibt letztlich in einer Rückschau nur ein Traum. Die den kompletten Track über reduzierten, nahezu meditative Gitarren kreieren einen Fokus auf Mitchells unaufgeregten, nüchtern rekapitulierenden Gesang, dessen Anteilnahme in minimalster Dosis ausfällt. In einer legendären Live-Version unterstreicht Pat Methenys Spiel die Intensität nochmals nachdrücklich.

Dies Lied ist ein für immer in meinen musikalischen Horizont gemeißelter Kondensstreifen. Ewiglich poetisch und unglaublich klug beobachtet.

Link:

Live-Video vom Album Shadows and Lights

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „100 Songs – Teil 6 (Amelia)

  1. Ein wunderbares Album, welches ich immer mal wieder hervorhole und den zarten Songs lausche. Beste Werk der alten Dame des Folk. Mein Lieblingssong „Song For Sharon“, aber was rede ich, das ganze Werk ist grossartig.

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