Meine Sehnsucht nach Kukident versus Mumford & Sons live

Möglicherweise gehöre ich nicht zur Gattung des typischen Konzertbesuchers, stelle bestenfalls eine Mutation dar. Bei von mir beehrten Live-Autritten ergötze ich mich zwar an audio-visuellen Eindrücken, ohne freilich gleich extremen Zuckungen zu erliegen oder gar von der ersten Reihe aus ein haptisches Erleben anzustreben. Das mag für von Bewegungsdrang gebeutelte Menschen nach Teilnahmslosigkeit klingen und selbigen bei allzu intensiven Körperkontakt mit meiner Wenigkeit auch einen wahlweise bösen Blick oder ausgefahrenen Ellenbogen einbringen, aber ich brauche mich eben nicht in Ekstase schütteln, weil eben jene bei tollen Konzerten ohnehin in meinem Ganglien abläuft.

Mumford & Sons

Freitag beehrte die famose Londoner Band Mumford & Sons Berlin und meine Chefin DifferentStars, unser liebster Begleiter und ich machten uns auf ins Rosi’s, um die vielversprechenen Formation näher unter die Lupe zu nehmen. Nun frug ich bereits vorab ungläubig, weshalb eine eindeutig mit deftigen Folk-Elementen nach sehr erdiger amerikanischer Prägung nuschelnde Truppe ihr Konzert ohne jedwede Vorband zu mitternächtlicher Stunde präsentieren sollte. Doch Berlin tickt anders, macht die Nacht ja gern zum Tag. Bereits bei Ankunft fiel es mir wie Schuppen vom ungewaschenen Haar: Die Bude wurde von Eintrittswilligen belagert, einem vollen Haus würde nichts im Wege stehen. In der Weite des Vorgartens wuselte die Masse und auch der für Konzerte wunderbar ungeeignete, mickrige Hauptraum platzte gen 0 Uhr aus allen Nähten. In einer Ecke war die kleine Bühne platziert, vor der ein junges Publikum Stellung bezog. Auch seitlich positionierte sich das kunterbunte Volk von Besuchern. Wer so wie ich das Gedränge der vorderen Reihen meidet, gleich wie der Teufel das Weihwasser, dem wurde eine unter statischen Gesichtspunkten strategisch perfekt aufgestellte Säule zum halsverrenkerischen Sichthindernis. Die Zeit verstrich und meine von einem langen Arbeitstag zugegeben müden Knochen, Beine und Augen fanden keinerlei Ablenkung. Wo nur steckten Mumford & Sons? Als die von mir als Zeichen einer gewissen Noblesse taxierte akademische Viertelstunde verstrich und die Zeiger der Uhr gen 00:30 dackelten, verfluchte ich die Beschallung mit kräftig-nerviger Musik, Location und umstehende Zeitgenossen. Der aus keinem anderen Grund als Müdigkeit geblinzelte Schlafzimmerblick meiner werten DifferentStars bildetete eine schöne Ergänzung zu meinem kieferverrenkenden Gähnen. Minute wich Minute und sogar das abgefeimte Publikum versuchte mit Klatschen und Pfeifen einen baldigen Beginn herbeizuführen. Ich bewundere bei solch geballten Menschenansammlungen ja stets den glubschäuig-naiven, mit jugendlicher Rücksichtlosigkeit gepaarten Optimismus vordrängelnder Mädels, die sich terminatorisch von den hintersten Reihen in die vorderen Sphären der Spelunke rammelten. Und tatsächlich flutete ein Wunder die Hallen, als mit der erklecklichen Verspätung von 45 Minuten die Band aufs Parkett steppte.

Kurz nachdem die letzten Klänge der 2400 Sekunden dauernden Darbietung vergilbten und wir heil dem Gedränge entfleucht waren, entspann sich die Diskussion ob der präferierten Zielgruppe von Mumford & Sons. Ist ein von Paukenschlägen getriebener Rhythmus mit einem in hemdsärmeliger Holzfällereleganz gespielten Kontrabass sowie der knarzige und doch fragile Gesang samt Gitarre in sehr traditionellen Manier tatsächlich für hippe, mit alternativem Schick auftretende Twentysomethings geeignet? Denn wer sonst gibt sich in der Mitte der Nacht in solch Lokalität ein Stelldichein? Folk-Liebhaber gesetzteren Alters können dem sehr Americana-esquen Approach der Formation eine herrlich uneitle, authentische, griffige Note abgewinnen, verirren sich jedoch zu solch Stunde kaum ins Rosi’s. Mit eben jenem Live-Auftritt, auch dank dem charmanten Versuch der Band mit einigen deutschen Sätzen punktend, empfiehlt sich die Band für weitere Begegnungen. Auf die im Herbst das Licht der Welt erblickende Platte darf ergo ebenso geharrt werden.

Das Fazit: Mumford & Sons sind virtuos und werden ihren Weg gehen, vielleicht führt eben jener sie nächstes Mal auch zu einer Uhrzeit ins Berliner Konzertgeschehen, wenn Dritte Zähne noch nicht in einem Meer aus Gebissreinigerlösung schwimmen müssen.

Link:

MySpace-Auftritt mit Hörproben

SomeVapourTrails

3 Gedanken zu „Meine Sehnsucht nach Kukident versus Mumford & Sons live

  1. Irgendwie animiert mich dieser Eintrag nicht besonders, mich näher mit Mumford & Sons auseinander zu setzen. Trotzdem bedanke ich mich sehr für deine Worte. Mir gefällt dein Schreibstil immer mehr, es macht wirklich Spaß dir „zuzulesen“ 🙂

  2. Mach’s wie ich. Häng dir ’ne halbwegs teuer ausehende Kamera (muss nicht funktionieren) um den Hals. Dann brauchst du dich nicht heftig bewegen (wäre auch etwas merkwürdig) und kein Schwein rempelt dich an.

  3. Du beschreibst zwar ausgiebig das Davor, aber das Danach und vor allem Währenddessen kommen
    leider zu kurz….
    Trotzdem auch: sehr angenehmer Schreibstil!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.