Ungeschlüpfte Ohrwürmchen – Dolores O’Riordan

Es bleibt ein schaler Beigeschmack, wenn eine Sängerin im Zuge der Promotion für ihr soeben veröffentlichtes, zweites Solo-Album eine anstehende Tour einfach absagt und stattdessen die Wiederbelebung ihrer alten Band ankündigt. Vertraut die werte Dame ihren eigenen Kompositionen nicht so ganz? Oder tourt es sich im Bandgefüge einfach besser? Für Dolores O’Riordan, ehemalige Frontfrau von The Cranberries,  mag dieser Schritt freilich Sinn machen. So bezaubernd ihre Stimme nach wie vor tönt und so berückend einige Momente auf No Baggage auch sind, letztlich fehlen dem neuen Werk meist nachhaltig wirkende Melodien.

DoloresORiordan

Man wird beim Hören der Platte vom Gefühl beseelt, dass sich Frau O’Riordan beim Komponieren keinesfalls an die Decke streckte. Natürlich gleitet sie nie in Banalitäten ab, experimentiert ab und an, aber ein niedliches Ohrwürmchen will einfach nicht das Licht der Welt erblicken.

Ausgerechnet am Ende der Scheibe verbirgt sich mit Tranquilizer ein Höhepunkt des Albums. Das makellos geschriebene, sich zu gefälligem Gitarrenspiel entwickelnde und gegen Ende von der ihr gegebenen Intensität geflutete Lied hätte mit breiterem, ausgelassenerem Arrangement absolutes Hit-Potential. Solch ein Rohdiamant könnte bei der im Winter folgenden Cranberries-Tour durchaus den letzten Schliff bekommen. Auch das rockröhrenhafte Skeleton erweist sich als kräftiges Lebenszeichen, das nach mehrmaliger Rotation durchaus pulsiert. Allgemein muss konstatiert werden, dass die lärmigen Passagen den einstigen Glanz O’Riordans zweifelsohne aufpolieren. Be Careful bleckt die Zähne und gelingt. Problematischer stellt sich die Chose bei den balladesken Stücken dar. Stupid und Lunatic wirken verdammt blutleer, sie trennen Welten von der betörenden Schlichtheit eines Dreaming My Dreams von 1994. Dem Ausflug in World-Music-Sphären bei Throw Your Arms Around Me mangelt es leider ebenso an Überzeugungskraft, da hat Manitu wohl nicht mitgewirkt.

NoBaggage

Die CD bietet jede Menge Höhen und Tiefen. Während zum Beispiel It’s You das melodische Etwas aus Cranberries-Zeiten revitalisiert, versanden andere Versuche in einer gewissen Belanglosigkeit. Nichtsdestotrotz lohnt die Beschäftigung mit der Platte, denn die über und über mit Charisma getränkte Stimme einer Dolores O’Riordan bleibt stets eine Wonne für die Gehörgänge. Vielleicht brüten ja ihre neuen, alten Weggefährten die ungeschlüpften Ohrwürmchen aus.

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